FAZ 23.09.2026
10:19 Uhr

Wohnungsbau: „Die Kosten beim Bau müssen runter“


Ein Bündnis von Verbänden will erreichen, dass mehr Wohnungen gebaut werden. Weniger Vorschriften, eine niedrigere Grunderwerbsteuer und eine verlässliche Förderung sollen dazu beitragen.

Wohnungsbau: „Die Kosten beim Bau müssen runter“

Bezahlbare Wohnungen sind bleiben im Rhein-Main-Gebiet Mangelware. Es wird zu wenig neu gebaut. Das Bündnis „Impulse für den Wohnungsbau Hessen“ hat am Dienstag in Wiesbaden zahlreiche Forderungen erhoben, mit deren Hilfe der Neubau „entfesselt“ werden soll. „Wir brauchen weniger Vorschriften und verlässliche Rahmenbedingungen“, sagte Gerald Lipka, Sprecher der Initiative, und stellte klar: „Die Kosten beim Bau müssen runter.“ Nur dann könnten sich wieder mehr Menschen den dringend benötigten Wohnraum leisten. Im ersten Halbjahr 2026 sei die Zahl der Baugenehmigungen für Neubauwohnungen in Hessen um 7,9 Prozent gesunken. Die Tatsache, dass nur noch 5758 Wohnungen genehmigt wurden, habe gravierende Folgen für die Menschen und das Land, so Lipka, der auch Geschäftsführer des Landesverbandes Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen ist. Er wies darauf hin, dass die Eigentumsquote in Deutschland mit etwa 44 Prozent im europaweiten Vergleich einen Schlussplatz belege. „Altersarmut ist in der Regel auch Mieterarmut“, warnte er. Denn Eigentümer würden als Rentner über eine bessere Altersabsicherung verfügen und somit den Staat von Sozialleistungen entlasten. Die eingebrochene Bautätigkeit koste den Staat jedes Jahr viel Geld, so Lipka. Alleine in den Jahren von 2023 bis 2025 habe der geringere Wohnungsbau zu einem Nettoumsatzverlust von fast 27 Milliarden Euro und damit niedrigeren Steuereinnahmen geführt. Zu wenig Sozialwohnungen Ebenso gravierend sind die Auswirkungen für Menschen, die ohnehin nur wenig Geld haben. Laut Axel Tausendpfund, Vorstand des Verbandes der Südwestdeutschen Wohnungswirtschaft, gab es 2015 in Hessen noch etwa 100.000 Sozialwohnungen. Aktuell seien es nur noch 82.000. Im vergangenen Jahr seien 3432 geförderte Wohnungen durch Neubau, Modernisierung oder gekaufte Belegrechte hinzugekommen. Es wären aber 10.000 nötig gewesen, um den Bedarf in Hessen zu decken. „Das führt dazu, dass Menschen mit geringem oder mittlerem Einkommen keine neue Wohnung finden, obwohl sie einen Anspruch darauf haben“, sagte Tausendpfund. Er monierte zudem, dass die Landesförderung für die energetische Sanierung von Wohnungen gestrichen worden sei. Die in dem Bündnis zusammengeschlossenen 14 Verbände und Institutionen aus der Bau- und Immobilienwirtschaft haben daher einen Katalog von Forderungen an Bund und Land formuliert. Es gelte, die „Regelungsflut“ einzudämmen und kostentreibende Vorschriften zu entschlacken. Einfacheres Bauen soll durch den sogenannten Gebäudetyp E möglich werden. Um Rechtssicherheit zu erreichen, müsse dieser Standard gesetzlich vorgeschrieben werden, forderte Rainer von Borstel, Hauptgeschäftsführer des Verbandes baugewerblicher Unternehmer Hessen. Der Gesetzentwurf dafür liegt vor, wurde bisher aber noch nicht vom Bundeskabinett beschlossen. Aktuell kalkulieren die Bauunternehmen mit Herstellungskosten von 5000 bis 6000 Euro je Quadratmeter Wohnfläche. Bei diesem Preis müsse eine rentable Monatsmiete mehr als 20 Euro pro Quadratmeter betragen. Ziel sei daher, für etwa 3000 bis 4000 Euro pro Quadratmeter bauen zu können. Das erlaube eine niedrigere Miete. Laut Tausendpfund führen 1000 Euro Herstellungskosten nach einer Faustformel zu einer Miete von etwa vier Euro je Quadratmeter. Zudem erwartet das Bündnis ausreichend Fördergeld von Bund und Land für alle Marktteilnehmer, um mehr Sozialwohnungen bauen zu können. Förderanträge müssten schnell und bürokratiearm bearbeitet werden. Es sollen mehr Anreize geschaffen werden, Eigentum zu erwerben. Dazu zählt auch die Senkung der Grunderwerbsteuer auf 3,5 Prozent. Die Höhe kann jedes Bundesland selbst bestimmen. In Hessen beträgt die Steuer derzeit sechs Prozent. Das von der Landesregierung eingeführte Hessengeld sei, so Lipka, ein Schritt in die richtige Richtung gewesen; noch besser wäre seiner Ansicht nach die Senkung der Grunderwerbsteuer. Moritz Kölling, Vorsitzender des Bundes Deutscher Architekten in Hessen, sieht den existierenden Gebäudebestand als zentrale Ressource für nachhaltige Stadt- und Siedlungsentwicklung. Die Landesbauordnung solle so angepasst werden, dass Umbau und Sanierung alter Gebäude günstiger und schneller erfolgen könne. Zudem fordert das Bündnis Technologieoffenheit und eine Verbesserung der Infrastruktur im ländlichen Raum. Auf dem Land gebe es noch ausreichend freie Wohnungen.