FAZ 27.09.2026
13:39 Uhr

Wirtschaftsbücher: Auswandern oder bleiben?


Junge Menschen verlieren Vertrauen in Deutschland. Der Ökonom Stefan Kolev untersucht in seinem sehr lesenswerten Buch die Gründe.

Wirtschaftsbücher: Auswandern oder bleiben?

Während Politik und Wissenschaft endlos diskutieren, wie Deutschland qualifizierte Arbeitskräfte aus dem Ausland gewinnen kann, und die AfD wenig realistischen Vorstellungen nachhängt, Deutsche aus dem Ausland zurückzugewinnen, geht unter, dass immer mehr Menschen Deutschland verlassen. 2025 wanderten 289.000 Deutsche aus, eine Zahl, die sich binnen 11 Jahren verdoppelt hat. Dazu kommen 956.000 Ausländer, die das Land verlassen. Zusätzlich zur Demographie einer schrumpfenden Bevölkerung schwindet nun auch durch diese Entwicklung das Arbeitskräftepotential ganz beträchtlich. In einem Jahr hat Deutschland also 1.245.000 Auswanderer zu verzeichnen. Stefan Kolev schlägt zu Recht Alarm in seinem sehr lesenswerten Buch. Ohne die Bedeutung von Heimat und Kultur zu verkennen, stellt Kolev die Frage „Auswandern oder bleiben“ als eine rationale, auf ökonomischen Faktoren beruhende Entscheidung dar. Er greift dabei auf eine Konzeption zurück, die der in Deutschland geborene und 1933 emigrierte Albert O. Hirschman in seinem bahnbrechenden Werk „Exit, Voice, and Loyalty“ aus dem Jahre 1970 entwickelt hat. Auf die Frage der Emigration angewandt, eröffnen sich für eine Person, die mit den Lebensumständen in ihrem Land unzufrieden ist, drei Möglichkeiten: Auswandern (Exit), Stimmabgabe als Ausdruck der Unzufriedenheit (Voice) oder Treue zu seinem Heimatland (Loyalty). Nicht nur für ökonomische Laien anschaulich erläutert Kolev die Entscheidungssituation am Beispiel der beiden jungen Männer Tomasz und Eric, die nun angesichts der stetigen Verschlechterung der Lebensbedingungen überlegen, ob sie bleiben oder auswandern. Das Preis-Leistungs-Verhältnis – Steuern und Abgaben im Verhältnis zur Qualität der öffentlichen Leistungen wie Infrastruktur – hat sich in Deutschland stetig verschlechtert, die wirtschaftliche Dynamik und damit die beruflichen Aussichten sind zurückgegangen. Die optimistische Botschaft verspricht eine Umkehr zum Besseren durch notwendige Reformen, die sehr ausführlich erörtert werden. Das Buch enthält eine Fülle von Informationen über die Verhältnisse in Deutschland. Wenn Deutschland seine Zukunft nicht verspielen will, darf es seine Jugend nicht verlieren, es muss den Rückgang seiner Attraktivität stoppen und für seine Bürger wie für potentielle Zuwanderer wieder erhöhen. Kolevs Alarm darf nicht unerhört verhallen. Stefan Kolev: Wohlstand für Junge – Wie wir verhindern, dass unsere Kinder das Land verlassen, Herder Verlag, Freiburg 2026, 160 Seiten, 18 Euro.