FAZ 18.03.2026
11:11 Uhr

Winterwandern im Unterengadin: Wer braucht schon Hüttengaudi?


Still, kalt und wunderbar einsam: Unterwegs auf der Königsroute unter den Winterweitwanderungen – der „Via Engiadina“

Winterwandern im Unterengadin: Wer braucht schon Hüttengaudi?

Eine Tarte au Citron kann Wunder bewirken, also doch. An Tag zwei unserer viertägigen Winterwanderung durchs Unterengadin zeigt das Thermometer morgens minus 14 Grad an. Die Luft ist glasklar, der Wind schneidend, das gelbe Schild der „Via Engiadina“ trotz tränender Augen nicht zu übersehen. Auf den letzten Kilometern vor der Mittagspause versinken die Schuhe bis zu den Knöcheln im Schnee. Die Nasen sind längst rot, die Beine werden müde. Dann taucht gegen Mittag hinter ein Wegkehre der nadelspitze Kirchturm von Ardez auf, endlich. Bleibt die Frage, wo wir einkehren können. Es gibt eine urige Beiz, einen Supermarkt, dazu hoch über dem Dorf eine Burg. Und es gibt die Pâtisserie „Garde-Manger“ mit einem mummelig warmen Café neben dem Thekenraum. Die Wahl ist getroffen. Pâtissière Lucie Bailloux, die, wie wir erfahren, ihren Abschluss an der renommierten Pariser École Ferrandi gemacht hat, empfiehlt zur Stärkung eine Tarte au Citron. Schon geschieht das Wunder. Im Nu sind die Lebensgeister zurück, und wir wollen nur noch eins: zum zweiten Teil der Tagesetappe aufbrechen. Graubünden ist der einzige Kanton der Schweiz, in dem ein Netz von im Winter präparierten Wanderwegen eine Alternative zu Skizirkus und Pistenzauber bietet. Die knapp fünfzig Kilometer lange „Via Engiadina“ durchs Unterengadin gilt als Königsroute unter den Winterweitwanderungen. An jeder Tagesetappe reihen sich gleich mehrere Dörfer, im schönsten Fall inklusive wunderbewirkender Cafés, immer aber mit einer Haltestelle des öffentlichen Nahverkehrs. Bei Buchung einer Wanderpauschale reist das Gepäck hinterher. Übernachtung, Wanderkarte und eine Gästekarte, die als Ticket für Bus und Bahn gilt, sind im Angebot inbegriffen. Der Winter ist die beste Jahreszeit für die Wanderung Morgens im Hotel kann man sich zudem die Thermoskanne mit Kräutertee auffüllen, so auch im familiären „Altana“ in Scuol, dessen Seniorchef Edwin Lehmann die Idee für die „Via Engiadina“ hatte. Zusammen mit ein paar Mitstreitern beschloss der leutselige Hotelier vor 20 Jahren, die Strecke von Zernez nach Sent in vier Tagesetappen zu unterteilen. Nur ein Jahr später wurde ein Wander­arrangement samt Wegbeschreibung und Besichtigungstipps online gestellt. Das Wanderangebot ist längst auch im Sommer buchbar. Lehmann aber empfiehlt die kalte Jahreszeit. „Im Winter hast du den Weg fast für dich allein, und die Stille dazu.“ Zernez ist nicht nur der Startpunkt der „Via Engiadina“, sondern auch Sitz des einzigen Nationalparks der Schweiz, durch dessen unberührte Weite wir streckenweise wandern. Die forstwegbreite Route folgt zunächst dem Ufer des kristallklaren Inn. Über Stunden begegnen wir keiner Menschenseele. Schnee knirscht unter den Sohlen. Zirbelkiefern tragen schwer an der weißen Last. Plötzlich fliegt ein Tannenhäher mit einem Arvenzapfen im meißelförmigen Schnabel hoch. Für einen Moment besteht die Welt nur aus dem Plätschern des Wassers und dem schrillen Alarmkrächzen des Waldvogels. Der Inn weist auch weiter den Weg. Bei Lavin quert eine gedeckte Holzbrücke den Fluss. Die Gasse in Dorf endet an der imposanten Plazza Gronda, auf der das rosa getünchte „Piz Linard“ einen Hauch von „Grand Budapest Hotel“ versprüht. Bei unserer Ankunft ist die Küche des 150 Jahren alten Hoteldinosauriers, der nach behutsamer Sanierung von einem Quartett junger Quereinsteiger betrieben wird, bereits geschlossen. Ob wir dennoch einen Blick in die historische Arvenstube werfen dürfen? Dürfen wir und bewundern die behutsame Renovierung des vertäfelten Gastraums, der als die schönste Arvenstube des Unterengadins gilt. Kein Zweifel, das „Piz Linard“ ist in die richtigen Hände gekommen. In den allerbesten Händen befindet sich Guarda. Seit 1980 wacht die Fundaziun Pro Guarda über das Dorfbild. Von den gut sechzig Häusern sind die meisten imposante Engadiner Einhäuser mit reichlich Sgraffito-Kunst an der Fassade. In den Einfahrten haben die meisten Autos ein Kennzeichen aus dem Schweizer Unterland. Der Ruf als malerischstes Dorf im Unterengadin tut ein Übriges. In Gurda brummt es auch im stillen Winter. Abends sind im Restaurant des über mehrere Häuser verteilten „Hotel Meisser“ alle Plätze besetzt. Gegen 22 Uhr aber ist bereits mit allem Schluss. In Guarda gehen die Lichter früh aus. Es bleibt die schönste Überraschung, die uns das Dorf beschert. Gleißende Schneefelder links, gleißende Schneefelder rechts, darüber ein wolkenloser Himmel. Wie in den Tagen zuvor schnürt auch auf dem Weg nach Ftan kein Sesselliftkabel, kein Gondelseil, keine Hochspannungsleitung den Horizont ein. Es geht stramm bergan, bis sich die gewaltige Ruine einer um 1850 aufgegebenen Taverna fiscala am Weg wichtig macht. Der 831 erstmals urkundlich erwähnte Bau war einmal Herberge und Warenumschlagplatz an der karolingischen Handelsroute von Salzburg nach Norditalien. Bald darauf erreichen wir Ftan. Das Dorf breitet sich auf einer Sonnenterrasse über dem Inn aus. Die Aussicht auf die weißgepuderten Gipfel von Piz Lavetscha, Piz Clemgia und Piz Pisoc ist umwerfend. Viel Zeit, den Blick zu genießen, bleibt nicht. Die Sonne verschwindet bereits hinter dem Gipfelkamm, und unser Bett für die Nacht steht noch gut sechs Kilometer und 500 Höhenmeter entfernt. Die letzte Etappe beginnt harmlos. Mit der Bergbahn, der ersten seit Beginn der Wanderung, geht es zunächst auf 2146 Höhenmeter zur Bergstation Motta Naluns. Dann aber schuften wir uns durch die Schnee-und-Eis-Wüste unterhalb des Piz Soer, bis beim Abstieg in Richtung Sent die Bergbeiz „Vastur“ auftaucht. Das Anwesen wurde noch bis zur Jahrtausendwende ausschließlich als Maisäss genutzt, berichtet Bäuerin Flurina Salomon. Ein Blitz ließ Haus und Stall in Flammen aufgehen. Beim Wiederaufbau fiel der Entschluss, neben der Schafszucht ein Ausflugslokal zu betreiben. Auf der Karte stehen Speck- und Käseknödel, Schafssalsiz und Fondü da chaschöl, Käsefondue. Wer in den Genuss kommen möchte, braucht robustes Schuhwerk: Das „Vastur“ ist nur zu Fuß zu erreichen. Man folge einfach den Schildern der „Via Engiadina“. Weitere Informationen: www.engadin.com. Wanderangebot Via Engiadina: Viertägiges Wanderarrangement inklusive Übernachtung im DZ, Frühstück, Gepäcktransport, Winterwanderkarte, Gästekarte ca. 630 CHF. Halbpension gegen Aufpreis.