FAZ 08.09.2026
17:57 Uhr

Weltraumgipfel in Paris: Europa ringt um seinen Platz im All


Der Weltraumgipfel in Paris ist für die Szene eine der wichtigsten Veranstaltungen des Jahres. Europa ist im All nicht blank, kämpft aber gegen seinen Bedeutungsverlust.

Weltraumgipfel in Paris: Europa ringt um seinen Platz im All

Die Kulisse lässt Großes erwarten. Unter der imposanten Glaskuppel des Grand Palais in Paris findet diese Woche Mittwoch und Donnerstag ein internationaler Weltraumgipfel statt. Die unter französisch-deutschem Vorsitz organisierte Veranstaltung bringt rund 2000 Akteure aus Politik, Militär, Industrie und Wissenschaft aus Dutzenden Staaten zusammen. Eine Vielzahl neuer Verträge und Partnerschaften soll bekannt gegeben werden. Für die Raumfahrtszene ist es eine der wichtigsten Veranstaltungen des Jahres. Den Gipfel eröffnen sollen am Mittwochnachmittag die deutsche Ministerin für Forschung, Technologie und Raumfahrt, Dorothee Bär (CSU), und der französische Forschungsminister Philippe Baptiste. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen wollen am Donnerstag Reden halten. Ein Besuch von Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) ist für Donnerstag geplant. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) musste wegen der Haushaltswoche und der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt absagen. Für eine „sichere und nachhaltige Nutzung“ des Alls müsse die Welt die vor ihr liegenden Herausforderungen gemeinsam bewältigen, betonte der Élysée-Palast. Die bestehenden UN-Gremien gelte es zu stärken. Gemeint sind insbesondere der Ausschuss für die friedliche Nutzung des Weltraums sowie die Internationale Fernmeldeunion. Man wolle mit dem Gipfel „der multilateralen Governance neue Impulse verleihen“, so der Élysée. Hintergrund ist unter anderem das wachsende Problem des Weltraumschrotts. Ringen um Macht und Einfluss Unpolitisch sind diese Regulierungsfragen allerdings nicht. Das gilt vor allem für das Thema Frequenzen. Hier will die EU-Kommission aus Souveränitätsgründen einen Großteil neu zu vergebender Nutzungsrechte für Dienste in der EU für europäische Betreiber reservieren. Das sorgt für Spannungen mit den Amerikanern. Die vier US-Raumfahrtkonzerne SpaceX, Blue Origin, Stoke Space und Starcloud haben ihre Teilnahme am Gipfel abgesagt, dem Vernehmen nach auf Druck aus Washington. Es gebe „sehr viele amerikanische Unternehmen, die auf allen Ebenen vertreten sein werden“, beteuerte der Élysée-Palast gleichwohl. Gleiches gelte für China. Von dort reise eine Delegation unter der Leitung des Präsidenten der nationalen Raumfahrtbehörde CNSA an. Der Frequenzstreit illustriert, wie hart um Macht und Einfluss im All gerungen wird. Es geht um viel: Auch in Europa hat man inzwischen verstanden, dass Satelliten im Orbit für kommerzielle und militärische Anwendungen immer wichtiger werden. Doch der Rückstand gegenüber anderen Mächten wächst und wächst. Elon Musks SpaceX-Konzern deckt die ganze Palette vom Bau wiederverwendbarer und immer größerer Raketen über den Satellitenbau bis hin zur Beförderung der Satelliten sowie dem Betrieb der gewaltigen Satellitenkonstellation Starlink ab. Knapp 10.000 Starlink-Satelliten schwirren inzwischen um die Erde. Sie versorgen Kunden rund um die Welt mit Internet und ermöglichen Streitkräften wie in der Ukraine eine weltraumgestützte Kommunikation, wenn terrestrische Systeme versagen. Blank sind die Europäer nicht: Neben der Weltraumforschung spielen ihre Satellitenkonstellationen Galileo (Navigation) und Copernicus (Erdbeobachtung) technisch in der ersten Liga. Wenn auch nicht bei der Erstellung globaler Lagebilder und der Früherkennung ballistischer Raketenstarts, so ist Europa zumindest bei der weltraumgestützten militärischen Aufklärung und Kommunikation mit eigenen Satelliten weitgehend souverän. Gleiches gilt für die Beförderung von Satelliten: Die Trägerraketen Ariane 6 und Vega-C haben nach Jahren der Krise zuletzt einwandfrei funktioniert. Hinzu kommt nun als neuer Startdienstleister das deutsche Start-up Isar Aerospace. Investoren stehen bereit Zahlenmäßig spielen Chinesen und Amerikaner aber in einer anderen Liga: Die Amerikaner kommen allein in diesem Jahr auf 116 orbitale Raketenstarts, China auf 61, Europa auf sechs. Zwei chinesische Mega-Konstellationen für Internet- und Kommunikationsdienste befinden sich schon im Aufbau, während für die neue europäische IRIS²-Konstellation und die neue Bundeswehr-Konstellation Satcom Bw 4 noch kein einziger Satellit gestartet ist. Isar Aerospace und andere Raketen-Start-ups müssen ihre Fähigkeit zum Serienstart erst noch unter Beweis stellen. Amerika stecke rund fünfmal so viel Geld in die Raumfahrt, sagte der Generaldirektor der Europäischen Raumfahrtorganisation (ESA), Josef Aschbacher, im Vorfeld des Pariser Gipfels. Aschbacher appellierte an die Politik in Europa, mehr zu tun, auch beim Thema bemannte Raumfahrt. Investoren stehen bereit. Die Fortschritte von Unternehmen wie Isar Aerospace zeigten, welches Potential Europa in der Raumfahrt habe, sagt Philipp Freise, Partner und Ko-Leiter des europäischen Private-Equity-Geschäfts von KKR. Entscheidend sei jetzt, die Voraussetzungen für höhere Investitionen und schnelleres Wachstum zu schaffen. „Dafür braucht es eine stärkere europäische Zusammenarbeit, langfristige Planungssicherheit bei der Nachfrage sowie erhebliche öffentliche und private Investitionen“, sagt Freise. „In der deutschen Raumfahrt herrscht Aufbruchstimmung“, betont Matthias Wachter vom Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI). Deutschland habe das Potential, in wichtigen Zukunftsmärkten eine führende Rolle zu spielen. Der größte Engpass liege derzeit aber im Zugang zum All. „Die Nachfrage nach Starts steigt weltweit schneller als die verfügbaren Kapazitäten. Europa braucht deshalb mehr Raketen, mehr Startinfrastruktur und insgesamt deutlich mehr Transportkapazitäten“, mahnt Wachter. Es brauche vor allem drei Dinge: größere Ambitionen, mehr Aufträge und weniger Regulierung.