FAZ 02.10.2026
08:38 Uhr

Wahlen in Brasilien: Bolsonaro und Lula wollen das Risiko nicht eingehen


Die beiden Präsidentschaftskandidaten in Brasilien bleiben der letzten Fernsehdebatte vor der Wahl am Sonntag fern. So müssen sie sich gegenüber Vorwürfen und Skandalen nicht verantworten.

Wahlen in Brasilien: Bolsonaro und Lula wollen das Risiko nicht eingehen

Am Ende sprach jeder auf seiner eigenen Bühne, zu seinem Publikum. Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva saß am Donnerstagabend beim populären Podcast „Flow“. Sein Herausforderer Flávio Bolsonaro sprach in einer eigenen Liveübertragung zu seinen Anhängern. Andere Kandidaten kehrten in ihre Hotels zurück, während Renan Santos mit Unterstützern vor den Studios von TV Globo in Rio de Janeiro protestierte. Nur die Bühne im Studio, die eigentlich alle zusammenbringen sollte, blieb leer. Weniger als eine Stunde vor Beginn hatte der Sender die letzte große Fernsehdebatte vor dem ersten Wahlgang der Präsidentschaftswahl abgesagt. Erstmals seit zwanzig Jahren endet damit die erste Runde der Wahl, ohne dass sich die beiden führenden Kandidaten in einer Debatte gegenübergestanden haben. Lula wie Bolsonaro waren darauf bedacht, Risiken zu vermeiden. Schon am Mittwoch hatte Lula seine Teilnahme an der Debatte abgesagt. Die Debatten produzierten nichts, rechtfertigte er sich bei „Flow“ im Video-Podcast. Statt über die Zukunft des Landes zu sprechen, wolle jeder bloß kleine Ausschnitte für die sozialen Netzwerke produzieren. Lulas Rechnung ging zumindest bei der Reichweite auf. Zeitweise verfolgten mehr als 1,7 Millionen Zuschauer das Interview mit Lula auf Youtube. Das fehlende leere Pult Auch Bolsonaro hatte seinen Auftritt kalkuliert. Seine Kampagne bereitete ihn auf einen moderaten Auftritt vor und wollte Lulas leeres Pult in der Debatte nutzen, um den Präsidenten als feige darzustellen. Doch am Donnerstag änderte sich die Ausgangslage innerhalb weniger Minuten. Auf Antrag von Lulas Wahlbündnis untersagte das Oberste Wahlgericht dem Sender entgegen dessen Regelung, das leere Pult von Lula zu zeigen oder Fragen an den abwesenden Präsidenten zu richten. Fast gleichzeitig entschied ein Richter des Obersten Gerichts, dass der zunächst nicht zur Debatte eingeladene Renan Santos doch teilnehmen dürfe. Spätestens zu diesem Zeitpunkt dürfte auch Bolsonaro die Risiken der Debatte neu abgewägt haben. Renan Santos greift Lula wie Bolsonaro gleichermaßen scharf an. Bereits im Mai berichtete das Nachrichtenportal „Metrópoles“, Bolsonaros Wahlkampfteam habe die Teilnahme an Debatten davon abhängig gemacht, dass Santos nicht eingeladen werde. Aus seiner Kampagne kam ein Dementi. Santos selbst behauptete vergangene Woche gegenüber CNN Brasil, Bolsonaros Lager habe bei dem Medienkonzern Globo darauf hingewirkt, ihn von den Debatten fernzuhalten. Am Donnerstagabend berichtete eine Journalistin von Globo News zudem, Bolsonaro habe zuvor signalisiert, bei einer Teilnahme von Santos nicht zu kommen. Neue Vorwürfe gegen Bolsonaro Bolsonaro bietet einige Angriffsflächen. Im Skandal um die Banco Master wird gegen ihn wegen des Verdachts auf Korruption, Geldwäsche und Devisenvergehen ermittelt. Unterlagen der Bundespolizei zufolge war Bolsonaro direkter Ansprechpartner des verhafteten Bankiers Daniel Vorcaro bei der Finanzierung des Films „Dark Horse“ über Flávios Vater Jair Bolsonaro. Rund 61 Millionen Reais flossen in das Projekt. Diese Woche kamen neue Vorwürfe über private Feiern mit Prostituierten und eine Luxusuhr im Wert von 305.000 Reais (etwa 52.000 Euro) hinzu, die Bolsonaro erhalten haben soll. Das Nachrichtenportal bezieht sich dabei auf einen ehemaligen Geschäftspartner von Bolsonaro, doch die Vorwürfe konnten bislang nicht bestätigt werden. Lulas Kampagne will ältere Affären von Flávio Bolsonaro nutzen. In ihren letzten Werbespots erinnert sie an eine Affäre um mutmaßlich abgezweigte Mitarbeitergehälter, Verbindungen zum Milizenmilieu in Rio, verdächtige Bareinzahlungen und Immobilienkäufe der Bolsonaro-Familie. Das Wahlgericht stoppte ein entsprechendes Wahlkampfvideo, weil es Vorwürfe mit unterschiedlichem juristischem Stand aneinanderreihte. Bolsonaros Kritik an „Zensur“ durch Justiz Seine Absage bei TV Globo begründete Bolsonaro dann jedoch selbst mit dem Eingriff der Justiz. Er sprach von „Zensur“ und einer Einmischung der Gerichte in die Wahl. Tatsächlich veränderten die Entscheidungen der Gerichte seine Ausgangslage beträchtlich. Die eine nahm ihm mit Lulas leerem Pult ein geplantes Angriffsziel. Die andere brachte mit Renan Santos einen zusätzlichen Kandidaten in die Debatte, der ihn scharf attackiert hätte. In seiner eigenen Liveübertragung auf Youtube sprach Bolsonaro sichtlich aufgebracht immer wieder von „Zensur“ und davon, dass die Demokratie von der Justiz „in Geiselhaft“ genommen werde. Er rief zu einer Protestwahl auf. Die Wähler sollten ihm ihre Stimme schon im ersten Wahlgang geben und auch die Senatskandidaten seines Lagers wählen. Man müsse dieser Regierung und den mit ihr verbündeten Richtern ein Ende setzen. Während Bolsonaro seine Bühne vor allem für Angriffe auf die Justiz nutzte, attackierte Lula bei „Flow“ seinen Gegner wegen dessen Beziehung zu dem verhafteten Bankier Vorcaro und verlangte, sämtliche Verbindungen zu Politikern und Richtern zu untersuchen. Niemand dürfe geschützt werden, sagte er. Ganz ohne unangenehme Fragen blieb Lulas Auftritt allerdings nicht. Er wurde auch zu den Ermittlungen um seinen Sohn „Lulinha“ befragt und musste erklären, warum er Onlinewetten ausgerechnet neun Tage vor der Wahl verboten hatte. Er habe es nicht früher getan, weil er das Ausmaß des Problems nicht gekannt habe, sagte Lula. Laut der jüngsten Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Datafolha unterstützen 78 Prozent das Verbot. Telenovela statt Präsidentendebatte Dieselbe am Donnerstagabend veröffentlichte Umfrage sieht Lula im ersten Wahlgang bei 42 Prozent und Bolsonaro bei 38 Prozent. Für eine mögliche Stichwahl in drei Wochen misst Datafolha 48 Prozent für Lula und 45 Prozent für Bolsonaro. Wie in praktisch allen anderen Umfragen liegen damit beide innerhalb der Fehlerquote gleichauf. Drei Tage vor der Abstimmung gab es somit für beide wenig zu gewinnen in einer schwer kontrollierbaren Fernsehdebatte, aber einiges zu verlieren. Am Ende traf ausgerechnet das Medienunternehmen Globo die letzte Risikoabwägung des Abends. Die kurzfristigen Gerichtsentscheidungen hätten „Rechtsunsicherheit“ geschaffen und griffen in die Freiheit des Senders ein, seine Debatten selbst zu organisieren. Für eine rechtliche Klärung blieb keine Zeit. Globo strich die Sendung. Während Lula sein zweistündiges Interview gab, Bolsonaro eine improvisierte Livesendung lancierte und Renan Santos vor den Globo-Studios mit seinen Anhängern demonstrierte, lief im Fernsehprogramm statt der Präsidentschaftsdebatte die Telenovela „Quem Ama Cuida“ – „Wer liebt, kümmert sich“.