Wieder einmal muss das Klubfußballvolk sich mit der nun beginnenden neuen Saison auf eine stattliche Reihe neuer Regeln und Regelauslegungsdetails einstellen. Manches wird von der Weltmeisterschaft übernommen, anderes nicht, der Prozess fließt immer weiter. Allerdings ist in diesem Sommer ein neuer Ansatz entwickelt worden, der ein Dauerärgernis aus der Welt schaffen könnte: das immer passende Argument, dass genau diese Situation irgendwann in der Vergangenheit schon einmal mit einem Elfmeter, einer Roten Karte oder irgendeiner anderen Intervention fortgesetzt worden ist. Idealerweise werden von sofort an mehr als 150 Beispiele als Vorlage dienen, die die Europäische Fußball-Union (UEFA) in ihrem neu geschaffenen Clear-Line-Archiv zur Verfügung stellt. Verwässerung erkennbar Wenn Fans, Experten, Journalisten und Schiedsrichter sich an diesen Videoszenen orientieren, die frei und mit Erläuterungen ausgestattet verfügbar sind, wäre viel gewonnen. Das UEFA-Archiv könnte als Grundlage für eine größere Einheitlichkeit dienen, sogar der für große Teile des Publikums verwirrende Prozess von ständig neuen Regelauslegungsvorgaben könnte damit enden. Leider ist eine Verwässerung dieses neuen Angebotes bereits angelegt. Der VAR-Chef Jochen Drees der DFB Schiri GmbH hat am Dienstag angekündigt, dass eine Homogenität in der Auslegung leider eine Utopie bleiben wird. Weil keine Szene der anderen gleiche. Drees deutete sogar an, dass er manche der Beispielszenen aus dem UEFA-Archiv für diskussionswürdig hält. Beim Bewerten von Handspielen gab es zwar in der vergangenen Saison sehr begrüßenswerte Fortschritte, echte Überzeugung von der angeblich klaren Linie klingt dennoch anders. Hinzu kommt, dass die Videoassistenten vor den Bildschirmen in den UEFA-Wettbewerben analog zum WM-Turnier aufgefordert werden, klare und gut erkennbare Eckballentscheidungen zu korrigieren. Im deutschen Klubfußball hingegen nicht. Mutmaßlich wird das zu Toren führen, die in der Bundesliga zählen, während sie bei identischer Entstehungsgeschichte in der Champions League drei Tage zuvor gar nicht erst gefallen wären. Leider gibt es weiterhin ein Bedürfnis in den Verbänden, eigene Wege zu gehen. Das gilt für das europäische „Clear-Line“-Projekt, an dem auch Vertreter der deutschen Schiri GmbH mitgearbeitet haben. Und das gilt noch mehr für die Haltungen gegenüber der Schiedsrichterarbeit des Weltverbandes FIFA, von der sich viele Mitglieder der UEFA gerne grundsätzlich separieren möchten. Ein gutes Beispiel ist hier der Umgang mit Rudelbildungen, die im deutschen Fußball bekämpft werden, indem nur die Kapitäne kontroverse Debatten mit den Schiedsrichtern führen dürfen. Auf diese Maßnahme ist man stolz bei der DFB Schiri GmbH und weist überaus gerne auf das schlechte WM-Beispiel hin, wo immer wieder in aufgebrachte Spielertrauben hineingeraten wurde. Die Kräfte des Fußballs agieren derzeit auf der ganzen Welt in unterschiedliche Richtungen, und diese Kultur wirkt leider auch im Umgang mit den Regeln dem Streben nach mehr Einheitlichkeit entgegen.
