Woran denken Sie beim Stichwort Häkeln? An Topflappen, Toilettenpapierhüllen und Tischdeckchen? Oder an glitzernde Abendkleider, Neckholder-Tops und Cardigans mit Oversize-Ärmeln in Pastellfarben? Solche Kleidungsstücke häkelt Marta Willwohl – und mehr als 200.000 Personen schauen ihr dabei regelmäßig zu. Auf ihrem Instagram-Account @martaxantonia zeigt sie, wie man die Ärmel eines Cardigans „chunky“ macht, also im positiven Sinn klobig und ausladend, aus welchem Garn sie ein bodenlanges, silbrig-funkelndes Kleid häkelt und wie aus einem Rechteck aus Wolle ein lässiger Oversize-Bolero werden kann. „Dann häkle ich ihn doch lieber selbst“ „Häkeln habe ich schon als Kind von meiner Mutter gelernt, aber so richtig wiederentdeckt habe ich es für mich erst 2023“, sagt Willwohl. Damals habe es ihr ein Pullover angetan, den sie online sah. Mehr als 500 Euro sollte er kosten. „Da dachte ich mir: Dann häkle ich ihn doch lieber selbst.“ Seitdem hat sie nicht mehr damit aufgehört. Mittlerweile ist ein gutes Viertel ihrer Garderobe selbst gehäkelt. Immer wieder teilt sie Videos von ihren Projekten mit Garn und Häkelnadel auf Instagram. In einem ging es 2024 um einen Cardigan mit „chunky“ Ärmeln. „Darauf bekam ich ein riesiges Feedback. Viele Menschen fragten, ob ich das noch detaillierter erklären könnte. Seitdem habe ich immer mehr Content rund ums Häkeln geteilt.“ Heute kommt an ihr kaum jemand vorbei, der bei Instagram das Wort „Häkeln“ (oder das englische und französische Pendant „crochet“) in die Suchleiste eingibt. Auch ich stieß im Frühjahr auf ihre Videos. Nachdem ich bei einem Bastelworkshop schon daran gescheitert war, die erste Schlaufe auf die Häkelnadel zu bekommen, war mein Ehrgeiz gepackt. Da sich in meinem Umfeld niemand für Handarbeit und schon gar nicht fürs Häkeln begeistert, googelte ich \"Anfangsschlaufe beim Häkeln“, klickte auf Youtube jede Anleitung an, in deren Titel das Wort „Anfänger“ auftauchte, und suchte schließlich auf Instagram nach Inspiration. Endlose Vorlagen auf Instagram Ich war überrascht: Bei @soonarae in Südkorea entstehen Cardigans und Oberteile in zuckerwattrigen Pastelltönen; in Mumbai versieht der Textildesigner Gufran alias @crochet.by.gufran unter anderem klassische Hemden mit gehäkelten Blumen; @elsasews aus den Vereinigten Staaten häkelt hauchdünne glitzernde Tops und Accessoires, die australische Künstlerin @tataykatelyn Ritterhelme, Kopfhörer und phantasievolle Masken. Das von @osonayarns in Kenia veranstaltete Osona Yarn Festival präsentierte im Sommer gehäkelte Herrenanzüge, traditionelle Trachten und Roben, die wie Haute Couture anmuten. In Irland brachte im Juni eine Häkel-Olympiade Generationen zusammen. Filigrane Handschuhe, zarte Netzstrümpfe, Taschen im Hermès-Stil: Es gibt nichts, das man nicht häkeln kann. Auch eigene Begriffe bringt die Szene hervor, zum Beispiel „Croch-slay“, ein Mix aus „crochet“ und „slay“, was etwa „toll aussehen“, „etwas großartig machen“ bedeutet. „Did I croch-slay?“, fragte im März 2025 Kevin Yee seine Instagram-Abonnenten. Der Schauspieler, Komiker und Autor aus Vancouver präsentierte damals stolz einen Cardigan mit Gänseblümchen-Muster auf Granny Squares – kleinen, meist aufwendigen Häkel-Quadraten, die zu Kleidung oder Decken zusammengenäht oder -gehäkelt werden. Yees Video ging viral, die meisten der mehr als 5000 Kommentare klingen begeistert. „Die Anfertigung hat ewig gedauert, ich war völlig erschöpft. Ich glaube, das Publikum hat das gemerkt und sich genau deshalb so damit verbunden gefühlt“, so Yee. „Jeder, der sich mit Handarbeit beschäftigt, weiß, wie viele Stunden mühsamer Arbeit in solchen Stücken stecken.“ So ging es auch mir, als ich eines Abends, müde von den Maschen und kurz davor, den Mut zu verlieren, auf das „Croch-slay“-Video stieß. Sofort fühlte ich mich motiviert weiterzuhäkeln. Der wohlwollende Ton in Beiträgen und Kommentarspalten in dieser Nische ist eine Besonderheit. Häkelkreationen werden gelobt, Tipps ausgetauscht, Dank für Inspiration ausgesprochen. „So gespalten die Welt auch wirken mag, tief in uns wollen wir uns gegenseitig unterstützen und Gemeinschaft finden“, sagt Yee. Heute drehen sich etwa zehn Prozent seiner Instagram-Videos ums Häkeln. Kevin Yee kam eher zufällig dazu. Als er vor zwei Jahren eine schwere Zeit durchmachte, suchte er nach einem Hobby: „In einem Bastelshop entdeckte ich ein Häkelset für einen Stoffelefanten. Die Aufmachung suggerierte, dass das Projekt auch für Kinder geeignet sei, also dachte ich mir: Warum nicht?“ Das Set entpuppte sich zwar als herausfordernder als gedacht, aber da er nun einmal Wolle und eine Plastik-Häkelnadel hatte, blieb er dabei: „Ich schaute Youtube-Anleitungen zum Häkeln eines Schals. Anfangs war es etwas holprig, aber nach und nach bekam ich den Dreh raus.“ Auf Youtube sieht man, dass die Liebe zum Häkeln generationsübergreifend ist: Da erklären ältere Damen und junge Häkelprofis Anfängerinnen wie mir geduldig, was Luft- und was Kettmaschen sind, wie man Stäbchen häkelt und mit welchen Tricks der Magische Ring gelingt. Man fühlt sich nicht allein, wenn sich die Nadel einmal wieder in der falschen Masche verheddert. Häkeln mit den Farben, die er in der Welt sehen möchte Manche Videos sind einzelnen Mustern gewidmet, in anderen werden Schals, Ponchos oder – in diesem Sommer besonders beliebt – Flaschenhalter und Weinglasträger vorgehäkelt. Die dürfen auch gerne aus knallbunten Wollresten bestehen, verschwendet wird bei Häkelfans nichts. Mit Wolle, Nadel und viel Kreativität schafft Kevin Yee seinen eigenen Stil. In Geschäften sehe er vor allem Kleidung in blassen Farben oder Beige, er aber mag es farbenfroh. „Es gefällt mir, buntes Garn auszusuchen, mir einen einzigartigen Pullover vorzustellen und ihn dann zu häkeln – aus genau den Farben, die ich in der Welt sehen möchte.“ Mittlerweile weiß auch ich, wie gut es tut, wenn die Welt das sieht, was man erschaffen hat. Als ich die Frage „Schönes Top, woher hast du das?“ zum ersten Mal mit „Das habe ich selbst gehäkelt“ beantworten konnte, platzte ich fast vor Stolz – und war gleich motiviert, das nächste Unikat anzugehen. Mittlerweile besitze ich drei Tops, zwei Cardigans und zwei Dreieckstücher, die sich um Hals, Kopf oder die Hüfte binden lassen, aus eigener Herstellung und in meinen Lieblingsfarben Weiß und Pastellrosa. Gefühl statt Anleitung Viele Kreationen von Marta Willwohl sind ebenfalls in Pastellfarben gehalten, dazwischen taucht auch einmal ein Cardigan im Colorblocking-Stil auf, mit breiten Streifen in Rosa und Rot. Aber: Jeder kann die Ideen in seinen Lieblingsfarben umsetzen. Einige ihrer Videos sind Teil der Serie „Dinge, die wirklich jeder häkeln kann“; ein anderes trägt den Titel „Das einfachste Häkeltop der Welt“, ein Neckholder-Top, an Hals und Rücken mit insgesamt vier Bändern gehalten. Es sieht aus, als stamme es aus einer Boutique – selbst wenn Anfängerinnen wie ich es nachhäkeln. Das liegt auch daran, dass Willwohl weder Maße nimmt noch Maschen abzählt, sondern während des Häkelns immer wieder am Körper abschätzt, ob der Stoff reicht: „Ich arbeite eher nach Gefühl als nach Anleitung. Komplizierte Häkelschriften verstehe ich selbst oft nicht.“ Fragen nach schriftlichen Anleitungen erreichen sie aber immer wieder. „Manche können es sich einfach besser vorstellen, wenn sie die Erklärung schriftlich vor sich haben.“ Anleitungen, etwa für den „Chunky Bolero“, bietet sie deshalb auch in ihrem Etsy-Shop „Chunks Crochet“ an. Am 23. September folgt der nächste Schritt. Dann erscheint ihr Buch „Crochet with me“ im EMF-Verlag. Darin stehen Anleitungen für 16 Häkel-Looks, von einfachen bis zu schwierigen, von schlichten bis zu auffälligen Stücken. Das wichtigste Kriterium für die Auswahl: „Alle Teile würde ich auch selbst tragen.“ Vorteile für Konzentration und Atmung Nicht nur das stolze Gefühl, etwas aus eigener Handarbeit zu tragen, macht das Häkeln so beliebt. Es gilt auch als gesund: Laut einer 2021 veröffentlichten Studie fühlen sich Personen, die häkeln, ruhiger und erfüllter. Die Konzentration wird gefördert, die Atmung regelmäßiger. Vermeintliche Oma-Hobbys wie Häkeln oder Stricken ermöglichen Pausen von einer schnellen, lauten, digitalisierten Welt. Kevin Yee hat das Häkeln sogar zu einem „experimentellen Ein-Mann-Musical-Film“ inspiriert. Er heißt „Crochet & Depression“ und soll bald erscheinen. Schon einmal bahnte sich Häkelmode ihren Weg in andere Welten. Die Hippies begriffen Selbstgemachtes auch als Protest gegen Kapitalismus und Kommerz. Auf roten Teppichen und Bühnen kamen Häkelstücke dann aber auch gut an. Cher, Aretha Franklin und natürlich Jane Birkin prägten den glamourösen Häkel-Look. Auch Fast-Fashion-Anbieter springen auf den Trend auf. Seit ich selbst häkele und den zeitlichen Aufwand und die nötige Konzentration kenne, wirken die Schleuderpreise, für die Tops, Kleider und Accessoires mit Häkeldetails mitunter angeboten werden, auf mich regelrecht zynisch. Da nehme ich lieber selbst Wolle und Nadel in die Hand. Marta Willwohl ist überzeugt, dass es sich bei der wiederentdeckten Begeisterung fürs Häkeln um mehr als einen kurzen Hype handelt. „Gehäkelt wird seit Generationen, das verschwindet nicht einfach wieder.“ Handarbeit sei auch deshalb so beliebt, weil sie eine Reaktion auf Künstliche Intelligenz sei. Tatsächlich wirkt die Masche mit Mut zur Imperfektion und Einzigartigkeit wie eine fast logische Reaktion auf die Austauschbarkeit seelenloser KI-generierter Oberflächen. Dazu passt laut Willwohl, dass auch Vintage- und Secondhand-Mode immer gefragter sind. „Viele wollen gar nicht mehr ständig etwas Neues kaufen.“ Das gilt auch für sie selbst. Eines ihrer nächsten Projekte ist von Häkeltaschen von Miu Miu inspiriert. Deren reguläre Preise starten bei 600 Euro. Da häkelt sie lieber selbst.
