Die meisten Sportlerbiographien in Nachschlagewerken sehen ähnlich aus: eine Handvoll dürrer Fakten und Statistiken. So ist es auch bei Willy Schröder, von dessen Weg hinab vom Olymp des Sports ins Straflager der SS bei Dachau man nichts erfährt, obwohl er der Urahn der deutschen Legenden im Diskuswurf wie Jürgen Schult, Lars Riedel oder Robert Harting ist. Schröders sportliche Karriere beginnt atemraubend. 1934 kommt der 22 Jahre alte Leichtathlet, der erst seit Kurzem spezifisch den Diskuswurf trainiert, bei den deutschen Meisterschaften nur auf Platz zwölf mit 42 Metern. Aber am 11. November, die Wettkampfsaison ist lange vorbei, schlägt Schröders Diskus in seiner Heimatstadt bei 51,29 Metern ein. Als Rekord wird der Wurf nicht gewertet, aber Deutschland scheint plötzlich einen Wunderwerfer zu haben, lag der Weltrekord zu diesem Zeitpunkt doch nur etwas über einen Meter weiter. Weltrekordhalter, aber „kein Könner“? Schröder trainiert den Winter über hart, und schon am 28. April 1935 fliegt die Scheibe in heimischen Gefilden im letzten Wurf auf 53,10 Meter. Dieser Weltrekord hat sechs Jahre lang Bestand. Der deutsche Rekord wird erst 1959 gebrochen. Die immense Weite erweist sich aber als Bürde. Schröder erkrankt zudem: nur Siebter bei den deutschen Meisterschaften 1935. Schwankende Ergebnisse bestimmen fortan seine Karriere: Mitte Mai 1936 schleudert er den Diskus auf 52,40 Meter, scheint dann fast die deutsche Olympiaqualifikation zu verpassen. Als er mit 49 Metern doch noch deutscher Meister wird, schreibt das Fachmagazin „Der Leichtathlet“: „Den Eindruck des Könners von Weltformat vermochte er nicht zu erwecken.“ Bei den Olympischen Spielen wird Schröder Fünfter. Er tastete sich an 48 Meter heran, in einem Wettkampf, bei dem nur der US-Amerikaner Carpenter 50 Meter übertrifft. Die Scheibe seitlich rausgehend, der Diskus flatternd, der Rhythmus nicht gut genug, so analysiert der „Leichtathlet“ enttäuscht den Wettkampf Schröders. Die Sprechchöre der Zuschauer helfen nicht: „Nimm den Diskus an die Hand, denke an dein Vaterland.“ Schröder hat ein gutes Jahr 1937, gewinnt wieder die deutsche Meisterschaft. Die teils holprige Saison 1938 krönt er in Paris: als erster deutscher Europameister im Diskuswurf. Im September 1939 beginnt Hitler den Zweiten Weltkrieg. Das Saisonende fällt mit dem Ende von Schröders Karriere als Diskuswerfer zusammen, mit 27 Jahren. Warum? Die Antworten gibt eine digitalisierte Personalakte im Bundesarchiv Berlin. Schröder tritt nach dem Besuch einer „Gewerblichen Berufsschule“ und nach einer Malerlehre 1931 mit 19 Jahren in den Polizeidienst ein. Über die Jahre bringt er es nach zwei Jahren Wehrdienst im Oktober 1937 zum Oberwachtmeister. In Anerkennung seiner Leistungen als Sportler wird er ein Jahr später zum Leutnant der Schutzpolizei befördert. Er arbeitet als Lehrer an der Polizeisportschule. Im Beruf und auf dem Sportplatz geht es voran. Aber schon vor Ende seiner Karriere gibt es Hinweise auf ein Alkoholproblem: Am 10. März 1939 schießt Schröder mit einem Kollegen in einer Wirtschaft in Fürstenfeldbruck betrunken um sich. Er verletzt niemanden, der Sachschaden beträgt 100 Reichsmark. Seine Vorgesetzten merken an, dass er Probleme habe, sich in den straffen Dienst einzufügen. Offenkundig überdecken der EM-Titel und die Beförderung die Probleme nur kurzfristig und oberflächlich. Schröder musste sich im Juni 1939 verpflichten, ein Jahr keinen Alkohol zu trinken. Einige Tage davor hat er einem Kollegen bei einer Auseinandersetzung den Unterkiefer gebrochen. Der Verletzte hält einen Strafantrag zurück. Eine Amnestie zu Kriegsbeginn verhindert auch strafrechtliche Folgen wegen der Schießerei. Denn Schröder wird gebraucht im bald besetzten Polen: als Polizist im Polizeibataillon 5. Eintritt in die SS Eine Beteiligung an Morden während seiner kurzen Einsatzzeit in Polen ist Schröder nicht nachzuweisen. Mitglied der NSDAP war er sicher nicht. Aber vermutlich hat er im September 1938 die Aufnahme in die SS beantragt. Er wird in einer Rangangleichung an seinen Polizeidienstgrad als SS-Untersturmführer aufgenommen. Da in der SS eine religiöse Bindung nicht gern gesehen wurde, tritt er offenbar auch aus der evangelischen Kirche aus, denn im September 1939 gibt der bisher evangelische Schröder „gottgläubig“ bei der Konfessionsfrage an. Schüsse auf die Weihnachtsdekoration Zwingend nötig sind diese Schritte nicht: Der Olympiasieger im Kugelstoßen, Hans Woellke, ein gottgläubiger Hauptmann der Schutzpolizei, trat nicht in die SS ein, obwohl der Reichsführer-SS, Heinrich Himmler, sukzessive den Sicherheitsapparat Deutschlands unter seine Kontrolle brachte. Schröders Eintritt in die SS und das Bekenntnis zur Gottgläubigkeit sind als individuelle Entscheidungen und Loyalitätsbekundungen zu werten – ohne Zwang. Den Jahreswechsel 1939/40 verbringt Schröder im Offiziersheim der Polizei in Tarnow in Polen betrunken, sowohl an Silvester wie auch Neujahr auf die Weihnachtsdekoration schießend. Der Polizeipräsident beantragt Ende Januar seine Entlassung aus der Schutzpolizei. Das Schreiben endet mit den Worten: „Darüber hinaus halte ich es aus erzieherischen Gründen für erforderlich, Schröder in einem Konzentrationslager ausreichende Gelegenheit zu geben, über zwei Begriffe nachzudenken, die ihm bisher völlig abgingen, Pflicht und Ehre.“ Schröders Erklärungen, dass er den Alkohol punktuell zur Betäubung von Schmerzen zu sich genommen habe, werden als leere Ausreden gewertet. Schröder lässt nicht von seiner Schießwut. Manchmal sind Krähen sein Ziel, manchmal passieren seine Kugeln Kollegen im Zentimeterabstand. Weil er unter anderem einen beschlagnahmten Pelzmantel mitgehen lässt, auch für Kollegen durch den Zoll geschmuggelte Waren abzweigt, wird er am 26. Juni 1940 schließlich wegen Diebstahls, Kameradendiebstahl, unerlaubter Entfernung und Ungehorsam im Militärdienst zu vier Jahren Haft verurteilt und am 30. August ins SS-Straflager nach Dachau überstellt. Bereits am 14. Mai war er degradiert und aus der SS und der Schutzpolizei ausgeschlossen worden. Stundenlanges Exerzieren im Straflager Die nächsten Jahre verbringt er im Straflager, das nicht mit dem KZ Dachau zu verwechseln ist, obwohl es unmittelbar benachbart und mit diesem umzäunt ist. Von Reue ist bei ihm laut einem Bericht von März 1941 nichts zu erkennen. Die Tage vergehen vermutlich wie laut Berichten anderer Gefangener mit stundenlangem Exerzieren und Erdarbeiten. 1943 kommt Schröder kurz zur „Bewährung“ an die Front, wo er verwundet wird. Später gibt er an, von November 1942 an einem Strafkommando der SS angehört zu haben. Am 15. März 1945 soll man ihn entlassen und zur Waffen-SS eingezogen haben, dann will er desertiert sein. Nach Kriegsende inhaftierte ihn angeblich der sowjetische Geheimdienst bis Dezember 1945. 1947 soll er mehrfach im Gefängnis gesessen haben, weil er im Verdacht stand, in den Westen Deutschlands fliehen zu wollen. Das behauptet Schröder zumindest bei seiner Entnazifizierung 1949, nachdem er im Jahr zuvor nach Hessen gezogen war. Die Akte ist im Landesarchiv Wiesbaden einsehbar. Er verschweigt dabei im Fragebogen seine reguläre SS-Mitgliedschaft bis 1940. Der Spruchkammer liegt nachweislich ein Dokument vor, aus dem klar hervorgeht, warum er verurteilt wurde und dass er SS-Offizier war. Aber 1949 ist jeglicher ernsthafter Verfolgungseifer längst erlahmt. Schröders energischer Widerspruch wird vom Ankläger übernommen, das Verfahren eingestellt. Die Entnazifizierung ist zur Farce verkommen. Zeuge von Kriegsverbrechen? Nach dem Krieg gerät Schröder öfter mit dem Gesetz in Konflikt. Bis 1964 folgen mehrere Verurteilungen, unter anderem wegen Beleidigung und Verleumdung. 1957 mischt er sich nach dem Konsum von einer Flasche Wein und zwölf Glas Bier schwer alkoholisiert in eine Vollzugshandlung der Bahnhofspolizei ein, beleidigt die Beamten als „Arschlöcher“ und „Lumpen“ und drohte damit, zu schießen, wenn ihn jemand anfasse: vier Monate Haft auf Bewährung. Seine Aussage bei einem Verfahren 1960, bei dem Schröder als Geschädigter gilt, führte 1964 zur Einleitung eines umfangreichen Ermittlungsverfahrens durch die Staatsanwaltschaft München gegen Mitglieder seines Polizeibataillons. Die Akte wird im Staatsarchiv der bayerischen Landeshauptstadt verwahrt. Schröder berichtet von Erschießungen von Zivilisten. Er arbeitet aktiv mit der Staatsanwaltschaft zusammen. Seine Motivation und die genauen Umstände sind aus der Akte nicht herauszulesen. Jahrelanger Kampf mit der deutschen Bürokratie Im Kern ist der Vorwurf der Geiselerschießung zutreffend, aber von Schröder scheinbar ausgeschmückt. Er schildert ein Massaker auch an Frauen und Kindern. Die Beamten notieren, dass sich Schröder teilweise in Widersprüche verwickelt, und nehmen seine Vorstrafen zur Kenntnis. Das Verfahren wird, wie damals weitgehend üblich, unter Hinweis auf den Befehlsnotstand eingestellt. Ist Schröders Aussage nur die eines unzufriedenen Querulanten oder auch ein Versuch, Gerechtigkeit zu schaffen? Wir wissen es nicht. Die Quellenlage ist zu dünn. Sicher aber ist, dass Schröder fortan über Jahre mit der deutschen Bürokratie kämpft, was im Bundesarchiv Koblenz und Landesarchiv Wiesbaden dokumentiert ist. Nachdem man ihm 1949 in der Rhön einen kleinen Bauernhof zugeteilt hat, den er mangels Erfahrung eher schlecht als recht bewirtschaftet, stellte er einen Wiedergutmachungsantrag. Entschädigung für einen SS-Mann Schröder tischt den Beamten dazu schwer erträgliche Märchen auf. Er will gegen die Nationalsozialisten eingenommen gewesen sein, allerlei Zusammenstöße mit ihnen gehabt haben. Als er in Polen gegen die Terrorherrschaft der Polizei und SS protestiert, wie er behauptet, habe ein ihm übelwollender Major seine Verhaftung und Verurteilung arrangiert. Gegenüber den Beamten räumt Schröder zwar eine frühere SS-Mitgliedschaft ein, aber seine Variante ist grotesk: Er will erst im Mai 1940 in Untersuchungshaft dazu gezwungen worden sein, der SS beizutreten. Einen Monat später wird er ausgeschlossen. Trotz all dieser Unwahrscheinlichkeiten, trotz der nachweislichen Unwahrheiten erhält Schröder eine umfassende Entschädigung. Nur der Rang des Majors wird ihm nicht zuerkannt. Fünf Jahre prozessiert Schröder bis 1960 erfolgreich um die Anerkennung einer diesem Rang entsprechend höheren Besoldungsgruppe. Der Rechtsstreit sollte 1969 noch einmal aufflammen, weil Schröder immer höhere Rentenansprüche fordert. 1974 wird sie abgewiesen. 1990 stirbt Willy Schröder in Gersfeld.
