FAZ 12.03.2026
10:16 Uhr

Vögel beobachten: Gehirn im Höhenflug


Vögel beobachten ist mehr als ein Hobby, es ist Lifestyle – und hält das Hirn fit. Was will man mehr im Frühling?

Vögel beobachten: Gehirn im Höhenflug

Seitdem der an sich ganz schön klingende englische Begriff Lifestyle in den Arbeitgebersprech aufgenommen und damit als schimpfworttauglich eingedeutscht wurde, hat nicht nur die Teilzeitarbeit einen faden Beigeschmack bekommen. Aus dem Lifestyle sind Luft und Lust raus. Das macht viele traurig, besonders aber die Vogelliebhaber, englisch: Birdwatcher. Vor ein paar Jahren wurde ihnen nämlich nach einer ausgedehnten empirischen Untersuchung in „Plos One“ attestiert, dass ihre Teilzeit absorbierende Tätigkeit, die Vogelbestimmung in der Natur, nicht nur Hobby, sondern Lifestyle sei. Eine Lebenshaltung, die alles mit sich bringt: sowohl Sinn als auch Verstand. Zu Letzterem gibt es jetzt Spannendes zu berichten. Hirnforscher Erik Wing vom Rotman Forschungsinstitut in Toronto hat zusammen mit einem Team von Radiologen ein „funktionelles Feintuning“ und messbare strukturelle Anpassungen im Gehirn von Birdwatchern nachgewiesen. Das erworbene Expertenwissen hinterlässt also messbare Spuren in der Hirnrinde. Ähnlich wie bei Musikern, die im auditorischen Kortex graue Substanz anhäufen, bei Taxifahrern, deren gedächtnisbildende Areale im Hippocampus verdickt sind, oder bei Athleten, deren Training sich häufig strukturell im sensomotorischen Kortex niederschlägt, sind es bei den Birdwatchern ganz bestimmte, für die Wahrnehmung wichtigen Teile des Gehirns – des frontoparietalen Netzwerks –, welche durch eine große Dichte an Nervenzellen auffallen. Konfrontiert man solche Vogelexperten im MRT-Hirnscanner mit nicht heimischen und ihnen unbekannten Vogelarten, kann man diesen Gehirnarealen buchstäblich beim Rätselraten zusehen. Der besondere Zauber dieser zugegeben überschaubaren Lifestyle-Studie liegt in einem inspirierenden Nebenbefund. Es wurden zwar nur dreißig Birdwatcher zwischen 24 und 75 Jahren mit ebenso vielen vergleichbaren Normalo-Naturalisten untersucht, aber schon in dieser kleinen Stichprobe fielen Spuren eines neuronalen Schutzmechanismus auf. Der typische Abbau im alternden Gehirn fiel in den Birdwatcher-Arealen geringer aus, ist im „Journal of Neuroscience“ nachzulesen. Möglich also, dass auch dieser spezielle Vogel-Lifestyle viel Zeit frisst, doch hat er unbestritten ein großes Jungbrunnen-Potential.