FAZ 08.03.2026
17:08 Uhr

VfB-Stürmer im Fokus: „Deniz muss mit zur WM, da gibt es keine zwei Meinungen“


Für den VfB Stuttgart schießt Deniz Undav ein Tor nach dem anderen. Doch obwohl er einer der formstärksten Stürmer der Fußball-Bundesliga ist, ruft Bundestrainer Julian Nagelsmann nicht an.

VfB-Stürmer im Fokus: „Deniz muss mit zur WM, da gibt es keine zwei Meinungen“

Deniz Undav setzte am Samstag mit seinem fünfzehnten Saisontreffer beim 2:2 des VfB Stuttgart in Mainz wieder einmal ein Leuchtzeichen, das für sich sprach. Die Nummer zwei der Bundesliga-Torschützenliste hinter dem uneinholbaren und unübertrefflichen Münchner Goalgetter Harry Kane, dessen bisher dreißig Tore auch ein Weltklassestatement in eigener Sache sind, fühlt sich dieser Tage dennoch nicht genügend geschätzt. Der deutsche Nationalspieler kurdischer Herkunft wäre als derzeit bester deutscher Angreifer gern mal wieder vom Bundestrainer Julian Nagelsmann kontaktiert worden. „Seit der Winterpause“ habe er nicht mehr mit ihm gesprochen, sagt Undav, der lieber häufiger von Nagelsmann angerufen werden würde. Der sprach kürzlich in einem langen „Kicker“-Interview die Mittelstürmerposition in der Nationalmannschaft als „zentrale Baustelle“ an, „die wir schließen müssen“. Mit wem? Wenn er sich im Kreis seiner WM-Kandidaten für die Abteilung Attacke umschaut, wird auch Nagelsmann derzeit keinen formstärkeren Stürmer für das Turnier in den USA, Kanada und Mexiko finden als den schlitzohrigen Undav, der beim VfB Stuttgart sowohl in der Rolle des zentralen Angreifers als auch wie in Mainz als zweiter Stürmer hinter Ermedin Demirovic oder als sogenannter Zehner in der Spielmacherposition glänzt und Tore am laufenden Band liefert. „Dafür, dass ich für viele kein Stürmer bin, habe ich die beste Quote“ Das wilde Spiel in Mainz bestimmte zunächst der VfB, nach zwanzig Minuten übernahmen aber die Rheinhessen, die zur Pause durch Lees Kopfball (39. Minute) 1:0 führten, ehe der Tabellenvierte nach einer Stunde aufs Neue mobil machte und binnen einer Minute durch Demirovic (76.) und Undav (77.) das Spiel wendete. Dass schließlich die unter Trainer Urs Fischer stabilisierten, aber noch immer abstiegsbedrohten Mainzer im Schlussspurt durch da Costa (90.+1) zum 2:2-Endstand ausglichen, war angesichts dieser spektakulär hin und her wogenden Partie ein Schlusssignal, das der Gerechtigkeit in diesem ansehnlichen Duell diente. Undav, eigentlich gern gesprächig, wollte danach entgegen seiner sonstigen Gepflogenheit nichts sagen. Seine Taten hatten ja wieder einmal für ihn und seine Extraklasse als Vollstrecker und intuitiver Torlieferant gesprochen, da er das 1:1 durch eine reaktionsschnelle Ballablage zu Demirovic vorbereitet hatte und beim 2:1 einen Konter kaltblütig zum 2:2 vollendete. Sein Torjubel danach war demonstrativ genug, als er sein Trikot mit der Rückennummer 26 demonstrativ glattzog und seinen Zeigefinger auf den Mund legte. Ein paar Tage vor der Reise nach Mainz hatte der 29 Jahre alte Angreifer dafür seinen Frust mit einem starken Hauch von Eitelkeit deutlich artikuliert. Einen regelmäßigen Austausch mit Nagelsmann gebe es nicht, „er braucht auch nicht mit mir zu reden“ offenbarte er der „Bild“-Zeitung. Dazu glaubt er mit seiner allerdings eindimensionalen Wahrnehmung, falle sein Name „nie auf der Mittelstürmer-Position“. Dem hält Undav entgegen: „Dafür, dass ich für viele kein Stürmer bin, habe ich die beste Quote.“ Er will nicht zur Spezies „falscher Neuner“ gerechnet werden, weil diese Angreifer mit der Tarnkappe eher wie Verlegenheitslösungen anmuten, wenn ein Trainer keine „echten“ Mittelstürmer findet. Zum Glück unterstützt Undav sein von Spiel zu Spiel mehr an Profil gewinnender Vereinstrainer Sebastian Hoeneß ohne Wenn und Aber. „Deniz ist ein absolut kompletter Stürmer“, hebt er gern hervor. Auch Undavs kongenialer Partner Ermedin Demirovic, Mittelstürmer der bosnischen Nationalelf, sang in Mainz das hohe Lied auf den am Samstag pikiert anmutenden Torschützen vom Dienst. „Ich glaube, dass sich keine Mannschaft erlauben kann, einen wie Deniz nicht mitzunehmen. Er ist ein überragender Spieler, nicht nur auf dem Platz, sondern auch als Mannschaftskollege. Deniz muss mit zur WM, da gibt es keine zwei Meinungen.“ Der nicht nur am Ball feinfühlige, zweitbeste Bundesliga-Torschütze dürfte nach seinen zählbaren Tatbeiträgen in Mainz schon bald wieder Interviews geben und über sich und seine vielseitigen Offensivtalente reden. Das nämlich tut der Mittelstürmer mit dem Mittelpunktanspruch genauso gern wie Tore schießen. Und wenn sich dann auch noch der Bundestrainer mal wieder lobend bei ihm meldet, dürfte die Welt des Deniz Undav vollends in Ordnung sein. Schließlich gehört er zu den märchenhaften Größen des deutschen Fußballs, die in ihren Amateurzeiten lange von den Scouts der großen Klubs übersehen worden sind. Er könnte nun allen, die ihn unterschätzt haben, eine lange Nase drehen. Dafür jedoch ist dieser Deniz Undav viel zu freundlich, ehrlich und mitteilsam. Eben ein echter Neuner und keine falsche Neun.