Oh boy, wo beginnt denn jetzt die E 66? Da ist „Bigman“, eine Gabelstaplervermietung. Da sind die neugebauten Bürotürme der „Interior Towers“. Da sind ein „Car Wash“ und ein „Tesla Supercharger“. Nur Europas Antwort auf Amerikas Route 66 finden wir nicht. Wären wir jetzt in Chicago, wüssten wir, wohin: einfach zu Lou Mitchell’s. Das Diner gilt als inoffizieller Startpunkt der legendären „Mother Road“, die vor hundert Jahren als U.S. State Route 66 eingerichtet wurde und auf ihrem 3945 Kilometer langen Weg neun Bundesstaaten durchquert, bis sie in einem Vergnügungspark in Santa Monica an der kalifornischen Pazifikküste endet. Weiter kann es nicht gehen, selbst in Amerika nicht. 1985 wurde die Route 66 offiziell stillgelegt Wir sind aber nicht in Chicago. Wir sind ja nicht mal in den USA, sondern kurven durch ein Gewerbegebiet bei Franzensfeste in Südtirol, einer Zona Industriale, wie das auf Italienisch heißt. Bis vor Kurzem war hier noch „GROENLANDIA“. Der Riesenschriftzug im Stil des „Hollywood“-Signs hing ein halbes Jahr lang an der Außenmauer der Festung Franzensfeste. Der Künstler Leander Schwazer verstand dies als „Intervention im öffentlichen Raum“, als „bewusst gesetzte Überblendung von räumlicher und politischer Ferne“. Bigman, Car Wash, Supercharger. Wir sind noch keinen einzigen Kilometer auf der E 66 gefahren und schon jetzt so durcheinander, als würden wir seit Wochen versuchen, dem Originalverlauf des amerikanischen Originals zu folgen. 1985 wurde die Route 66 offiziell stillgelegt. Wo sie noch erhalten ist, heißen einen bärtige Route-66-Museumsgründer in mit Route-66-Memorabilien vollgestellten Route-66-Museen willkommen. Oh boy, wir müssen zurück auf die Brennerstraße, dann sofort nach rechts auf die SS 49, denn das ist sie jetzt, die Route unserer Sehnsucht, die E 66! Ein kleines grünes Europastraßenschild bestätigt den Erfolg. Die folgenden 650 Kilometer von Franzensfeste bis nach Székesfehérvár gehören uns, eine Reise durch drei Länder: Italien, Österreich und Ungarn. Verirren fortan unmöglich: Europastraßen legen sich zwar auf die vorhandenen nationalen Straßennetze, sind aber in der Regel so gut mit ebenjenen grünen Rechteckchen ausgeschildert, dass eigentlich nichts schiefgehen kann. Die Idee, Europa auf diese Weise zu verbinden, kam 1931 dem Bureau International des Autoroutes in Genf. Mittlerweile ist das Netz auf rund 50.000 Kilometer angewachsen, gesponnen auf mehr als 200 Europastraßen. Geplant und definiert werden die noch immer in Genf, von der UNECE, der Wirtschaftskommission für Europa der Vereinten Nationen. Immer weiter nach Osten Nach Osten geht es nun, immer nach Osten. Drei Tage haben wir für unseren miniepischen Roadtrip veranschlagt, der mit seinen nur 650 Kilometern gerade mal so lang wie der Abschnitt der Route 66 in Arizona ist. Dafür führt die E 66 aber durch acht „Bundesstaaten“, nur einen weniger als das Original: die Autonome Region Südtirol-Bozen, die österreichischen Länder Tirol, Kärnten, Steiermark und Burgendland sowie die ungarischen Komitate Vas, Veszprém und Fejér. Europa, wir kommen, auch wenn wir dich nicht immer richtig aussprechen können! Eine „Feinkäserei“ huscht vorbei und eine „Lodenwelt“. Ein Völkerballturnier ist angekündigt, irgendwo. Überall Namen. Überall Zeichen. Wir kommen kaum zur Ruhe, denn da sind auch dröhnende Tunnel im schönen Pustertal, von hinten drängen Motorradfahrer, niederländische Wohnmobile und bulgarische Trucker liegen in den Kurven, örtliche Anhänger fahren Elektrosensen spazieren. Wir brauchen eine Pause, wir können hier nicht einfach so durchbrettern. Das hier ist Südtirol, nicht Illinois und Missouri mit ihren „Rolling Hills“ und Riesenfarmen. In Toblach biegen wir ab zu den Drei Zinnen, einer der schönsten Bergansichten der an schönen Ansichten nicht eben armen Dolomiten. Die Luft wird kühler, Schnee liegt auf den fernen Gipfeln, die von einem begehbaren Holzrahmen instagramtauglich in Szene gesetzt sind. Das gefällt auch den vier Amerikanerinnen, die einem kleinen Reisebus mit Florentiner Kennzeichen entsteigen und den Drei Zinnen ein einhelliges „Wow!“ entgegenschmettern. Nach Südtirol kommt Tirol, eine Grenze ist praktisch nicht mehr vorhanden. Dass wir nun in Österreich sind, merken wir an zwei Dingen: Die E 66 ist jetzt die Bundesstraße 100, und die übergroßen gelben Einkaufstüten, die an die Masten am Straßenrand geschraubt sind, sind keine Intervention im öffentlichen Raum, sondern Werbung für Billa-Supermärkte. Es bleibt eng, erst recht in Lienz, sogar Stau ist in der Partnerstadt von Jackson Hole, Wyoming. Die Verbindung geht auf den Ski-Olympiasieger Pepi Stiegler zurück, der in den Sechzigerjahren dort eine Skischule gründete. Die US-Botschaft in Wien zeigte sich ihrerseits erkenntlich, indem sie der Stadtbücherei Lienz eines ihrer 15 österreichischen „American Shelves“ spendierte. Die Bücher sollen „das gegenseitige Verständnis und Engagement“ fördern, heißt es. Reichlich vollgestellt mit Sehenswürdigkeiten Nach Tirol kommt Kärnten und damit auch der schöne Wörthersee. Die E 66 wird erst zur A10, dann zur A2. Beige Lärmschutzwände. Übervolle Rastplätze. Mit untergehender Sonne im Rückspiegel rollen wir hinab nach Velden, unserem ersten Etappenziel. Der Wörthersee liegt vor uns ausgebreitet wie ein großes blaues Badetuch. Wir könnten jetzt ins Casino gehen oder ins Bluesiana Rock Café. Wir könnten den Ferrari und den Rolls-Royce bewundern, die vor dem sehr fünfsternigen Hotel Falkensteiger abgestellt sind. Aber irgendwie ruft alles an diesem großen Kärtner Badetuch: schon besetzt. Außerdem sind wir ziemlich groggy nach diesen ersten 250 Kilometern. Europa ist schön, aber auch reichlich vollgestellt mit Sehenswürdigkeiten. Im Hotel Bacherlwirt ist glücklicherweise Platz genug. Tag zwei endlich bringt Weite und Freiheit – die unveräußerlichen Bestandteile eines Roadtrips. Wir sind zurück auf der A2. Bislang wollten wir so wenig wie möglich auslassen auf unserer Tour: FOMO, Fear Of Missing Out. Nun lassen wir uns treiben. „Baustellen vergehen, Fortschritt bleibt“: Ja, ja, die Losung der ASFINAG, der österreichischen Autobahnen- und Schnellstraßen-Finanzierungsgesellschaft, kennen wir bereits. Dies aber nicht: „Schlossberg, Tropfsteinhöhle, Peter-Handke-Archiv“ steht auf einer braunen touristischen Unterrichtungstafel. Gerade noch rechtzeitig setzen wir den Blinker und sind in Griffen, einer Marktgemeinde von 3400 Einwohnern. Es ist tatsächlich alles da. Der 150 Meter hohe Schlossberg thront mitten im Ort und kann bestiegen werden. Im Inneren des mächtigen Kalklotzes ist die Tropfsteinhöhle. 45 Minuten dauert die Führung durch das kleine, gut ausgeleuchtete Labyrinth. Nur das Peter-Handke-Archiv ist etwas außerhalb im Stift Griffen untergebracht. Der Literaturnobelpreisträger von 2019 ist aber auch mit einem Peter-Handke-Platz gleich gegenüber der Gemeindebibliothek gewürdigt. Auf eine rostige Metallplatte sind mäandernde Zitate geschlagen. Daneben ist ein großer, schwarzer Knopf montiert. Wir drücken den Riesenbuzzer. „Peter Handke wurde 1942 im Dorf Altenmark, das heute zu der Marktgemeinde Griffen gehört, geboren“, verkündet eine sonore Kärntener Männerstimme. Sie ist so laut, dass sie den ganzen Platz beschallt. Kann man die ausstellen? Nein, kann man nicht. „Zu seinen Werken zählen ‚Versuch über die Müdigkeit‘, ‚Versuch über die Jukebox‘, ‚Versuch über den geglückten Tag‘, ‚Mein Jahr in der Niemandsbucht‘.“ Wir drücken und drücken. Vergeblich. Wenigstens fängt das Band nicht wieder von vorne an. „‚Versuch über den stillen Ort‘, ‚Versuch über den Pilznarren‘ … lebt heute in der Nähe von Paris“. Lärmschutzwände, A2-Asphalt und ab und an ein kleines Europastraßenschild. Ein Imbiss käme jetzt gelegen – eine Jause, wie die Führerin in der einen, als „Fleischhöhle“ bezeichneten Tropfsteinkammer gesagt hat. Schon vor 100.000 Jahren hätten Neandertaler in dieser Höhle gelebt, Knochenfunde von Mammut und Wisent belegten dies, was sie zur „ältesten Jausenstube Kärntens“ mache. Und Stopp: Da ist die „Motorhotel Raststation Oldtimer Pack“, ein kanariengelbes Gebäude in Fachwerkanmutung. Handke-haft beginnen wir einen Versuch über den „Langschläfer-Burger“. Es will nicht recht gelingen. Wie gut, dass es 80 Kilometer weiter in Gleisdorf das „True Fellas“ gibt, ein echtes amerikanisches Diner mit einer Herzlichkeit, wie man sie auch bei Lou Mitchell’s in Chicago und all den anderen Diners an der Route 66 finden würde. „Ach, an der E 66 liegen wir?“, fragt die Kellnerin nach. Na ja, fast. „Noch einen G’spritzten?“. Gerne, ja. Tag drei beginnt mit Pferdeschnauben, denn heute haben wir auf der Trinity Ranch übernachtet. Nein, nicht auf der „picturesque 2000 acre cattle ranch“ in Montana, sondern auf der nahe Ilz. Die ist auch schön, außerdem wird dort eine 120 Quadratmeter große Ferienwohnung vermietet – ein bisschen groß für uns, aber das war der Fernseher auch. Mit einer Staubwolke im Rückspiegel verlassen wir die Ranch und sind bald wieder auf der A2. Jetzt bloß nicht nach Wien fahren, sondern Richtung Budapest, wie es das kleine grüne Schildchen sagt. Ein bisschen Burgenland auf der S7, dann ist die zweite Staatsgrenze passiert. Noch 190 Kilometer bis Székesfehérvár Bis 1989 verlief hier der Eiserne Vorhang, den Ungarn und Österreicher mit einem „Paneuropäischen Picknick“ quasi weggepicknickt haben. Wir rollen unbemerkt über den frischen, mutmaßlich mit EU-Geldern angerührten Straßenbelag. Die E 66 ist jetzt die ungarische Hauptstraße 8. Noch 190 Kilometer bis Székesfehérvár. Das Land ist flach und grün. Grün sind auch die Tafeln mit den Entfernungsangaben. Das grüne E-66-Zeichen kann sich kaum dagegen absetzen. Es ist wie in den USA, da gibt es auch kein Blau auf den Autobahnen. Die zulässige Höchstgeschwindigkeit ist ebenfalls ähnlich: 110 km/h in Ungarn, 65 miles per hour in Amerika. Jeder Autofahrer hält sich daran – ob aus derselben Gelassenheit und Einsicht wie drüben, vermögen wir nicht zu sagen. Strommasten und Felder. Weite und ein endloser Himmel. Im Schatten einer Tankstelle raucht eine Frau. Sie sieht aus wie Thelma. Oder war es Louise? Wir könnten lange so weiterfahren, doch jetzt ist Schluss. Gegen 14 Uhr rollen wir an den Plattenbauten Székesfehérvárs vorbei ins Zentrum. 820 Kilometer sind wir gefahren inklusive Stopps und Nebenwegen. Gerade ist Blumenfest in Ungarns fünftgrößter Stadt. Gebinde hängen über der Fußgängerzone, es gibt Kürtöskalacs („Schornsteinkuchen“) und Pizza, barocke Kirchen und absolut keine Touristen. Die drängeln sich jetzt vermutlich alle in Budapest mit seinen Kaffeehäusern und Jugendstilbädern. Die 95.000 Einwohner von Székesfehérvár bleiben unter sich. Ein hübsches Jugendstilbad gibt es aber auch hier: das Arpád-Bad von 1905. Ein Transponder-Armband öffnet die alte Holztür der Umkleidekabine, ein Hauch von Orient umgibt das türkische Bad, die hohen Decken sind mit ovalen Fenstern und Sternchen geschmückt. Was für ein großartiger Kontinent, denken wir, als wir in einem der hüfthohen Becken sitzen. Nicht ganz der Pazifik, aber immerhin. Der nächste Roadtrip könnte von Norwegen nach Sizilien gehen. Mit 5190 Kilometern ist die E 45 eine der längsten Nord-Süd-Verbindungen Europas. Weg auf der E 66 Italien: Die in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts erbaute Festung Franzensfeste ist mittlerweile ein Ausstellungsort für zeitgenössische Kunst. Dazu informiert sie über den Bau des Brenner-Basistunnels. Die 64 Kilometer lange unterirdische Eisenbahnverbindung aus Innsbruck soll dereinst in Franzensfeste enden. Österreich: In Velden übernachtet man gut europäisch im Seehotel Europa, eine preisgünstige Alternative ist das Hotel Velden Bacherlwirt. Die Marktgemeinde Griffen lohnt ebenso den Besuch wie das True Fellas Diner in Gleisdorf. Ungarn: In Székesfehérvár bieten sich das Mercure Hotel und das Szarcsa Hotel zur Übernachtung an. Der Eintritt ins kleine Arpád-Bad kostet rund 25 Euro.
