FAZ 11.09.2026
08:56 Uhr

„University Challenge“: England sucht den Supernerd


In Großbritannien begeistert eine akademische Rateshow ein Millionenpublikum. Dass ein solches Format in Deutschland schwer vorstellbar ist, sagt viel über unseren Umgang mit Exzellenz und Begabung aus.

„University Challenge“: England sucht den Supernerd

An den beliebtesten Fernsehsendungen eines Landes lässt sich nicht nur erstaunlich präzise ablesen, was das jeweilige Publikum unterhaltsam findet, sondern auch, was eine Gesellschaft bewundert und wofür sie stehen will. Was bedeutet es also, dass Millionen von Briten seit mehr als sechzig Jahren jeden Montagabend den Fernseher einschalten, um in der BBC nerdigen und weit überdurchschnittlich klugen Studenten dabei zuzusehen, wie sie Fragen über japanische Linguistik oder botanische Entdeckungen des 18. Jahrhunderts beantworten, von denen ein Großteil der Menschheit noch nie gehört hat? „University Challenge“, so der Name der Sendung, wirkt schon in ihrer Konzeption aus deutscher Sicht beinahe absurd. Es gibt kein Preisgeld und keine emotionalen Hintergrundgeschichten, die Kandidaten sind keine gecasteten Hochglanzfiguren, sondern strebsame und leicht exzentrische Studienanfänger und das Format, inklusive Low-Budget-Studiodesign, hat sich trotz allen Erfolgs seit vierzig Jahren nicht verändert. Auch inhaltlich könnte das Programm nicht weiter von den deutschen Quizshows à la „Wer wird Millionär“ entfernt sein, in denen der Fokus neben prominentengetriebener Unterhaltung vor allem auf der Botschaft liegt, prinzipiell jeder Bürger – unabhängig von Herkunft, Bildung oder sozialem Milieu – mit genügend Allgemeinwissen, Ruhe und etwas Glück könne eine solche Sendung gewinnen. Zelebrierter Elitismus Bei „University Challenge“ hingegen geht es gerade nicht darum, dem Publikum das beruhigende Gefühl zu geben, im Grunde könne jeder mithalten. Stattdessen besteht der Reiz offenbar darin, intellektuell hochbegabten jungen Menschen von den prestigeträchtigsten Universitäten des Landes dabei zuzusehen, wie sie ihr Wissen in Teams gegeneinander messen und dabei nicht selten jahrhundertealte Rivalitäten zwischen Colleges und Universitäten am Buzzer fortschreiben. Die Sendung ist damit Teil jener universitären Popkultur, die auch in den Vereinigten Staaten zum gesellschaftlichen Selbstverständnis gehört, in Deutschland jedoch weitestgehend fehlt. „University Challenge“ inszeniert akademische Leistung beinahe wie einen sportlichen Wettkampf, die entscheidenden Komponenten sind Geschwindigkeit, Konzentration und eine exzellente Teambalance – neben dem alles entscheidenden, lexikonartigen Wissen der Teilnehmer natürlich. Hier geht es nicht um Geschicklichkeitsspiele oder popkulturelle Belesenheit, sondern tatsächlich um Inhalt: um mittelalterliche Philosophie, theoretische Physik, klassische Musik oder Differentialgleichungen. Wissen erscheint nicht als dekoratives Nebenprodukt der Unterhaltung, sondern als Wert an sich und die Tatsache, dass es sich hier im Grunde um ein ungemein elitäres, hierarchisches und traditionsverliebtes Ritual handelt, wird nicht etwa versteckt, sondern geradezu zelebriert. Macht des Rituals Das hängt eng mit den jahrhundertealten Mythen britischer Eliteuniversitäten zusammen. Traditionsreiche Institutionen wie Oxford oder Cambridge erzeugen mit ihren College-Ritualen, ihrem Alumni-Stolz und der Ehrfurcht vor Exzellenz und Erfolg eine kulturelle Aura, in der akademische Leistung nicht nur als individuelle Qualifikation, sondern als Teil einer historischen nationalen Tradition erscheint: Wer sich dort durch Wissen und Begabung bewährt, erhält Anteil an einer Geschichte von Kontinuität, nationaler Bedeutung und symbolischem Kapital, die größer und älter ist als man selbst. Diese Form der offenen Elitenbewunderung scheint in Deutschland kaum vorstellbar, statt auf Hierarchisierung und wenige nationale Prestigeinstitutionen setzt das deutsche Universitätssystem vielmehr auf das Gleichheitsversprechen – mit dem Anspruch, ohne Studiengebühren oder aufwendige Auswahlprozesse Bildung möglichst vielen zugänglich zu machen. Die deutsche Universität ist damit kein exklusiver Klub, dessen Mitgliedschaft ein Leben lang identitätsstiftend wirkt, denn ob jemand nun in Hamburg oder München studiert, scheint wenn überhaupt nur in Hinsicht auf den Ruf bestimmter Fakultäten relevant. Politiker und Prominente brüsten sich nur selten öffentlich mit ihrer Alma Mater, Alumni-Netzwerke werden weit weniger kultiviert als im angelsächsischen Raum, und auch akademische Rituale spielen eine vergleichsweise geringe Rolle. Das hat auch historische Gründe. Während Großbritannien seine elitären Institutionen mit erstaunlicher Kontinuität bis in die Moderne gerettet und demokratisch eingehegt hat, beruht der internationale Ruf des deutschen Hochschulsystems traditionell gerade darauf, dass wissenschaftliche Exzellenz nicht an wenigen Standorten konzentriert, sondern breit über viele Universitäten im ganzen Land verteilt ist. Hinzu kommen die politischen Katastrophen des zwanzigsten Jahrhunderts, die das Vertrauen in gesellschaftliche Eliten nachhaltig erschütterten und zu einem deutlich skeptischeren Verhältnis gegenüber sichtbaren Hierarchien führten. Gleichheit versus Begabung Elite wird hierzulande oft weniger als Ausdruck von Verantwortung oder Exzellenz verstanden denn als Chiffre für Abgehobenheit, Ungleichheit und Machtanmaßung – und dennoch ist der Begriff in den letzten Jahren vermehrt in den Diskurs zurückgekehrt. Seit den frühen Nullerjahren diskutieren Politiker nahezu aller Parteien über Elitenförderung, Spitzenforschung und internationale Wettbewerbsfähigkeit. Mit der 2005 gestarteten Exzellenzinitiative sollte Deutschland im globalen Wettbewerb um Wissen und Innovation sichtbarer werden; ausdrücklich orientierte sich das Programm an der Idee, Hochschulen von internationalem Rang hervorzubringen und den Wissenschaftsstandort Deutschland zu stärken. Aber während von konservativer Seite regelmäßig vor sinkender Leistungsbereitschaft, mangelndem Bildungsniveau und einer Gesellschaft gewarnt wird, die Exzellenz und Elite nicht ausreichend würdige, weisen linke und sozialdemokratische Kritiker vor allem darauf hin, dass Eliten auch in Deutschland längst existieren und die vermeintlich faire Leistungsgesellschaft immer noch stark von struktureller Ungleichheit und sozialer Geschlossenheit geprägt sei. Beide Diagnosen haben einen wahren Kern, denn obwohl Studien immer wieder zeigen, dass Herkunft, Netzwerke und kulturelles Kapital sich auch in Deutschland häufig sozial selbst reproduzieren und Arbeiterkinder und Ostdeutsche nicht nur an den Universitäten, sondern in der Folge auch in vielen Führungspositionen unterrepräsentiert bleiben, wird wohl kaum jemand bestreiten, dass eine moderne Gesellschaft auf Exzellenz und die Förderung besonderer Leistungen angewiesen ist. Die eigentliche Frage lautet deshalb weniger, ob Eliten trotz des berechtigten Anspruchs auf Chancengerechtigkeit existieren sollten, sondern wie offen eine Gesellschaft mit ihnen umgeht. Denn auch Großbritannien und die Vereinigten Staaten sind von dieser Debatte keineswegs verschont geblieben, im Gegenteil: Der Brexit und die Wahl Trumps waren nicht zuletzt populistische Revolten gegen urbane Wissenseliten, gegen Experten, gegen Oxford, Cambridge oder die Ivy-League-Universitäten, denen viele Wähler vorwarfen, den Kontakt zum Alltag großer Teile der Bevölkerung verloren zu haben. Die Diskussionen über Herkunft, Klasse und Privilegien sind also in England keineswegs schwächer ausgeprägt als in Deutschland, aber neben aller Kritik an akademischen Eliten existiert dort weiterhin auch eine Kultur der öffentlichen Anerkennung von Leistung und Exzellenz, die eine Show wie „University Challenge“ so erfolgreich macht. Die Sendung ist eine Erinnerung daran, dass man vor sozialen Ungleichheiten nicht die Augen verschließen muss, um sich dennoch an Ehrgeiz und außergewöhnlicher Begabung zu erfreuen. Die Studenten am Buzzer mögen nicht für alle stehen, aber sie verkörpern etwas, worauf eine Gesellschaft durchaus stolz sein darf: die Hoffnung, dass Wissen, Disziplin und Talent auch in Zukunft zu ihren wichtigsten Ressourcen gehören.