Das Fliegen klimafreundlicher machen und damit sogar Geld verdienen: Dieses übergeordnete Ziel steckt hinter einem neuen Abkommen, das der Düsseldorfer Energiekonzern Uniper und der dänische Projektentwickler für synthetische Kraftstoffe, Arcadia eFuels, an diesem Mittwoch am Flughafen Düsseldorf unterzeichnet haben: Uniper wird demnach voraussichtlich von den frühen 2030er-Jahren an über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren hinweg jährlich 40.000 Tonnen nachhaltiges, synthetisches Flugbenzin (E-SAF) beziehen. Es stammt aus einem Projekt namens „Endor“, das Arcadia im dänischen Vordingborg vorantreibt. Die vereinbarte Bezugsmenge entspricht Uniper zufolge dem Bedarf für etwa 1000 Flüge mit einer Boeing 787-9 zwischen Düsseldorf und Abu Dhabi. Es handelt sich Unternehmensangaben zufolge um eine der bislang größten E-SAF-Abnahmevereinbarungen in der EU. Die Luftfahrt gilt als ein Wirtschaftsbereich, der schwierig auf einen kohlenstoffdioxidarmen Betrieb umzustellen ist. In Europa gibt es einen Stufenplan, demzufolge ein steigender Anteil alternativer Kraftstoffe dem Kerosin beigemengt werden muss. Derzeit müssen Alternativen zu zwei Prozent eingemischt sein, 2030 steigt der Anteil auf sechs Prozent, bis 2050 auf 70 Prozent. Schon die Startquote könnte gerissen werden Momentan wird die Quote fast ausschließlich durch SAF aus Altfetten und Biomasse erfüllt. Bloß die dürften nicht in nahezu unbegrenzter Menge verfügbar sein. Und von 2030 an schreibt die EU vor, dass 1,2 Prozent E-SAF in den Flugzeugtank müssen, 2050 dann 35 Prozent. Das klingt zunächst wenig, doch schon die Startquote droht, gerissen zu werden. Sie entspräche einem deutschen Jahresbedarf von knapp 100.000 Tonnen. Der Bau von Fertigungsanlagen stockt. Lars Redeligx, Chef des Düsseldorfer Flughafens und Präsident des Branchenverbands BDL, warnte jüngst in der F.A.Z., dass sich diese Quote „nur noch in einem optimistischen Szenario erfüllen lässt, nicht mehr im heute wahrscheinlichsten“. Mancher dürfte gar darauf setzen, dass die EU-Quoten noch kippen – die Verwendung eines Produkts könne nicht vorgeschrieben werden, wenn es dieses am Markt fast gar nicht gebe. Uniper zeigt sich jedoch unbeirrt. „Die Luftfahrt zählt zu den Sektoren, deren Dekarbonisierung besonders anspruchsvoll ist. Gleichzeitig werden flüssige Kraftstoffe noch über viele Jahre unverzichtbar bleiben. Entscheidend ist daher, nachhaltige Flugkraftstoffe vom Projektstadium in die industrielle Skalierung zu überführen“, sagte der Vorstandsvorsitzende Michael Lewis am Mittwoch. Die Vereinbarung bringe langfristige Nachfrage und neues Angebot zusammen. Für Uniper sei sie „ein wichtiger Schritt zum Aufbau einer starken Position in einem Markt mit erheblichem Wachstumspotential“. Erhebliche Unsicherheiten Der Energiekonzern tritt in der Rolle eines Händlers auf. Er nimmt das E-SAF ab, sichert dem Partner in Dänemark eine verlässliche Nachfrage und will das Flugbenzin anschließend „vor allem an kommerzielle Fluglinien“ weiterverkaufen, wie Lewis weiter sagte. Zu einzelnen Kunden machte Uniper keine Angaben. Grundsätzlich entspreche es Unipers „Kerngeschäft“, Verbindungen zwischen Angebot und Nachfrage zu schaffen, so ein Sprecher. Das Unternehmen, das seit der Gaskrise 2022 fast vollständig verstaatlicht ist, ist einer der führenden Gashändler Deutschlands und Deutschlands größter Gasimporteur. Verbunden ist das E-SAF-Geschäft allerdings noch mit erheblichen Unsicherheiten. So hat auch im aktuellen Fall Unipers dänischer Partner Arcadia den Bau der Produktionsanlage bislang nicht begonnen, wie die Geschäftsführerin von Arcadia eFuels, Amy Hebert, am Mittwoch bestätigte. Arcadia habe noch nicht einmal eine finale Investitionsentscheidung für die „mehr als zwei Milliarden Euro“ getroffen, die das Unternehmen in das Projekt zu stecken plant. Die Vereinbarung mit Uniper sei „das entscheidende Puzzleteil“ und ein Meilenstein. „Dieser Vertrag war für uns nötig, um das Finanzierungsverfahren zu beginnen“, sagt Hebert. Wann die finale Investitionsentscheidung getroffen werde, sei noch offen. Üblicherweise dauerten solche Prozesse zehn bis zwölf Monate. Arcadia will das nachhaltige Flugbenzin aus Wasserstoff, der unter Verwendung von erneuerbarem Strom erzeugt wird, und aus abgeschiedenem CO₂ herstellen. Der neue Kraftstoff erzeuge von der Herstellung bis zum Ausstoß bis zu 98 Prozent geringere Treibhausgasemissionen. Das Verfahren ist in seiner Grundform nicht neu, aber energieintensiv. E-SAF, bislang nur aus Kleinanlagen, kostet am Markt mehr als das Zehnfache von normalem Kerosin. Die Hoffnungen richten sich darauf, dass sich durch technische Fortentwicklung der Preisunterschied verringern lässt. Den ersten Anbietern droht dann aber das Problem, dass ihr E-SAF teurer wäre als das aus späteren Projekten. Deshalb blieben bislang große Abnahmegarantien selten – und folglich auch Investitionen in Herstellungsanlagen. Fluggesellschaften warnen vor Strafen, falls E-SAF-Quoten gerissen werden. Zahlen müssten zunächst nicht Airlines, sondern die Inverkehrbringer von Kraftstoff. Die Flugbranche befürchtet aber, dass diese Kosten auf den Kerosinpreis umgelegt werden. Diskutierte Bußen von 17.000 Euro je Tonne E-SAF könnten sich laut BDL auf mehr als 1,6 Milliarden Euro im Jahr summieren. Uniper hatte sich schon in der Vergangenheit zweimal an Projekten rund um nachhaltiges Flugbenzin beteiligt. Beide wurden aber im Planungsstadium wieder eingestampft: So beteiligte sich Uniper 2022 an einem Konsortium mit dem Flugzeughersteller Airbus, dem Energietechnologiekonzern Siemens Energy und dem Chemieunternehmen Sasol, das eine E-SAF-Anlage in Hamburg bauen wollten. In einem weiteren Projekt wollten Uniper und Sasol in Schweden E-SAF aus forstwirtschaftlichen Reststoffen, biogenem Kohlenstoff und erneuerbarem Wasserstoff herstellen. Auch dieses Vorhaben wurde von 2024 an nicht mehr weiterverfolgt.
