FAZ 06.08.2026
07:00 Uhr

Uniklinikum Frankfurt: Wo missbrauchte Kinder Schutz und Gehör finden


In Frankfurt gibt es mit dem Childhood-Haus ein Therapiezentrum für Kinder, die Opfer von Gewalt geworden sind. Sie werden dort medizinisch und rechtlich begleitet. Für Bundesfamilienministerin Prien ist das vorbildhaft.

Uniklinikum Frankfurt: Wo missbrauchte Kinder Schutz und Gehör finden

Sie sei hier, um zuzuhören. Das hat Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) am Dienstagabend bei ihrem Besuch im Childhood-Haus der Frankfurter Universitätsklinik gesagt, ein spezialisiertes Therapiezentrum für Kinder. Gewalt und Kindesmissbrauch, körperlich wie sexuell, habe es schon immer gegeben. „Aber wir haben in Deutschland erst seit rund 15 Jahren eine wirkliche Wahrnehmung für dieses Thema“, sagt die Ministerin. Bedrückend sei, was Kindern unter deutschen Dächern alles widerfahre. „Wir haben uns als Gesellschaft aufgemacht und gesagt, wir dürfen das nicht mehr hinnehmen.“ Daher sei es ihr wichtig, Einrichtungen wie diese zu besuchen, sagte Prien. Die hessische Familien- und Gesundheitsministerin Diana Stolz (CDU) pflichtete ihrer Amtskollegin bei. Als Jugendamtsdezernentin im Landkreis Bergstraße habe sie erlebt, welch unfassbare Dinge erwachsene Menschen Kindern antun können. Das Childhood-Haus in Frankfurt sei ein Vorzeigeprojekt. Im vergangenen Jahr seien 1166 Kinder und Jugendliche im Childhood-Haus vorstellig geworden – ein deutlicher Anstieg. Daher wolle die hessische Landesregierung in Kassel ein zweites Haus mit demselben Konzept eröffnen. „Man muss die Kinder in den Mittelpunkt stellen“, sagt Stolz. Dazu müsse ressortübergreifend und vernetzt miteinander gearbeitet werden, nicht nur in solchen Einrichtungen, sondern in der gesamten Gesellschaft. „Für mich ist es wichtig, das entstandene Know-how, was oft noch in den Anfängen ist, gut miteinander zu vernetzen“, erklärte Prien ihren Besuch. Es brauche mehr interdisziplinären Kinderschutz in Deutschland. Bund und Länder seien in gemeinsamer Verantwortung, die Forschung voranzutreiben und Modellprojekte auszuprobieren. Vernetzung mit Polizei und Justiz Das Childhood-Haus des Frankfurter Universitätsklinikums besteht seit 2023. Es ist eine Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren, die körperliche oder sexuelle Gewalt erfahren oder miterlebt haben. Das Haus sei so aufgebaut, dass es drei Aspekte vereint, sagt Matthias Kieslich, Leiter der Einrichtung. Diese seien zum einen eine kindgerechte Ausstattung mit bunten Farben und Spielzeug. So werde ein Raum geschaffen, der es Kindern leichter mache, sich zu öffnen, weil sie sich wohlfühlen können. Außerdem würden bestehende Verfahrensabläufe verändert. Zentraler Aspekt dabei sei die Vernetzung. Diese bestehe zum einen mit den zahlreichen medizinischen Abteilungen des Klinikums und niedergelassenen Ärzten sowie mit Justiz, Polizei und Jugendamt. Diese Zusammenarbeit sei essenziell für den Kinderschutz, sagte Projektkoordinatorin Kristina Odak. „Strafverfahren sind für Erwachsene konzipiert. Kinder haben dort häufig keine Möglichkeit, Gehör zu erfahren.“ Im Childhood-Haus stehe das Kind im Mittelpunkt. Medizinische Untersuchung, Vernehmung und Aussage – all das finde unter einem Dach statt. Daher besitzt ein Raum eine Videoanlage für Vernehmungen, in der Zeugenaussagen aufgenommen und bei Bedarf sogar live ins Gericht übertragen werden können. Mediziner Kieslich hat nach eigenen Worten in den Achtziger- und Neunzigerjahren noch erlebt, dass Kinder mehrmals mit Verbrennungen oder schwersten Verletzungen wiederkamen. Das erlebe er heute nicht mehr. „Das System, bei dem man vor 30 oder 40 Jahren gedacht hat, das wird nie funktionieren, funktioniert. Wir sehen, das Konzept wird angenommen. Das macht Mut.“