Das Ziel einer Übernahme zu sein, ist für den Vorstand immer eine Herausforderung. Für Evonik kommt noch hinzu, dass der Essener Spezialchemiekonzern in unruhigen Zeiten steckt. Das Übernahmeinteresse von Deutschlands größtem Chemiekonzern BASF trifft Evonik mitten im Konzernumbau und ohne den langjährigen Vorstandsvorsitzenden an der Spitze. Das initiale Angebot über 10,3 Milliarden Euro, was einem Angebotspreis von 22,15 Euro je Aktie entspricht, hat der Evonik-Vorstand als „zu niedrig, um formelle Verhandlungen zu rechtfertigen“, abgelehnt, wie die „Financial Times“ am Montag berichtete. Evonik kommentierte den Vorgang nicht, dementierte gleichlautende Medienberichte aber ebenfalls nicht. Das Angebot entspricht einem Aufschlag von fast 29 Prozent auf den Aktienkurs von Evonik Anfang vergangener Woche, also bevor die Spekulationen über eine mögliche Übernahme von BASF kursierten. Inklusive Schulden würde der Spezialchemiekonzern vom Ludwigshafener Chemieriesen mit rund 14,2 Milliarden Euro bewertet werden. Die RAG-Stiftung äußert sich nicht zu Details Sowohl BASF als auch Evonik hatten am Freitag die Gespräche bestätigt. Evonik teilte mit, ein „freiwilliges öffentliches Übernahmeangebot für sämtliche Aktien der Gesellschaft“ bekommen zu haben, Gespräche zwischen den Unternehmen fänden „derzeit“ aber nicht statt. Die RAG-Stiftung, die mit fast 44 Prozent Hauptaktionärin von Evonik ist, bestätigte, von BASF angesprochen worden zu sein, äußert sich aber nicht zu Details. Ob eine Übernahme zustande kommt, hängt maßgeblich vom Willen der Stiftung ab. Gegründet wurde sie, um die Ewigkeitskosten des Steinkohlebergbaus im Saarland und im Ruhrgebiet zu finanzieren, sie ist also lokal stark verwurzelt. Und sie ist auch politisch, sitzen im Kuratorium doch Politiker wie Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU), Saarlands Ministerpräsidentin Anke Rehlinger (SPD) oder Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) und Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU). Auch der Vorsitzende der Chemiegewerkschaft IGBCE, Michael Vassiliadis, ist Teil des Gremiums. Er sitzt auch im Aufsichtsrat von BASF und wird sich deshalb aus den Übernahmeverhandlungen heraushalten, wie es am Montag hieß. Die IGBCE hat sich gleichwohl skeptisch zum Übernahmeangebot geäußert. Es blieben viele offene und kritische Fragen. Eine Übernahme eines erfolgreichen Unternehmens durch ein anderes erfolgreiches Unternehmen werde für ihre Standorte und Beschäftigten nicht allein dadurch zu einer Zukunftsgeschichte, dass das neue Gebilde größer werde, ließ sich Vassiliadis zitieren. Was Aktionären und Börsenhändlern schlüssig erscheinen möge, müsse mit Blick auf die Beschäftigten, die Standorte, den Markt und die heimische Wertschöpfung noch lange nicht sinnvoll sein. „Für die Beschäftigten und Standorte von BASF wie von Evonik braucht es vielmehr Zukunftsperspektiven und Investitionszusagen“, sagte Vassiliadis. Nur so werde trotz des hohen Konsolidierungsdrucks in der Branche eine Stärkung der deutschen und europäischen Standorte konkret greifbar. In beiden Unternehmen liefen derzeit ohnehin schon harte Restrukturierungs- und Personalabbauprogramme. „Beide Konzerne sollten sich hüten, diese Schraube zu überdrehen.“ Die wechselhafte Rolle von Evonik Im großen Branchenbild wäre die Übernahme eine weitere Episode in der wechselhaften Rolle, die Evonik und seine Vorgängergesellschaft Degussa in diesem Jahrhundert in der deutschen Chemiebranche gespielt haben. Degussa gehörte früher als drittgrößter deutscher Branchenvertreter mehrheitlich dem Energieversorger Eon. Das Unternehmen war international eines der ersten, das sich strategisch und marketingtechnisch mit dem Etikett der „Spezialchemie“ profilierte – verkürzt gesagt, steht das für Chemikalien, die in kleinen Mengen viel bewirken und margenstärker sein sollen. Ein Etikett, das bei BASF lange verpönt war, dort aber am Ende selbst übernommen wurde. Eon wollte seinen Zweidrittelanteil an Degussa verkaufen, und dieser Chemie-Teil wurde zur Währung in einem groß angelegten Tauschgeschäft der nordrhein-westfälischen Versorgerbranche. Nach vielen politischen Intrigen landete er im Jahr 2006 beim damaligen Bergbau-, Energie- und Wohnungskonzern RAG, der damit einen viel größeren Konzern übernahm – und das gegen den Widerstand des Degussa-Vorstands. Degussa diente dem Konzern dazu, mit seinen Dividenden die milliardenschweren Folgekosten des Bergbauausstiegs zu finanzieren: absackende Häuser, steigendes Grundwasser zum Beispiel. RAG stieß auch seine Immobilien- und Energiesparte ab, übrig blieb die Chemie, also im Kern Degussa. Außer dass der langjährige Chef Werner Müller den Namen tilgen ließ, obwohl die RAG den Wert der global bestens bekannten Marke Degussa bei der Übernahme auf 173 Millionen Euro beziffert hatte. Sie wich dem Kunstnamen Evonik. Nachdem Bayer 2005 seine ungeliebten Chemie-Teile in Lanxess ausgelagert hatte, warb deren erster Vorstandschef Axel Heitmann mit Verve dafür, in Nordrhein-Westfalen einen zweiten „National Champion“ neben BASF zu schaffen: nämlich über eine Fusion mit Degussa, für die er 2007 intensiv politisch lobbyierte. Zum Missmut Müllers allerdings. Heitmanns Wunsch blieb denn auch ein solcher. Auch BASF mischte schon mit Im jahrelangen Hin und Her um Degussa/Evonik spielte auch BASF eine Rolle: eine Nebenrolle, aber eine beträchtliche. Denn RAG zwang Degussa dazu, seine damals als Ertragsperle geltende Bauchemie zu veräußern, um die vollständige Degussa-Übernahme zu finanzieren. Den Zuschlag bekam BASF, für 2,7 Milliarden Euro einschließlich Schulden. Die Übernahme rund um Zusatzmittel für Beton und Zement stellte sich für die Ludwigshafener als Misserfolg heraus: Das Geschäft wurde nie richtig in den BASF-Verbund integriert, BASF reichte die Sparte am Ende an einen Finanzinvestor weiter. Aktuell wird Evonik vom Interims-Vorstandsvorsitzenden Claus Rettig geführt. Er war eingesprungen, weil der langjährige Vorstandsvorsitzende Christian Kullmann nach einer ungeplanten Operation ausgefallen ist und dem Konzern wohl bis zum Frühjahr fehlen wird. Rettig leitete bisher von Singapur aus das Asiengeschäft des Konzerns, er arbeitet seit mehreren Jahrzehnten für diesen und war schon vor einiger Zeit eingesprungen, als die Finanzchefin Maike Schuh das Unternehmen plötzlich verlassen hatte. „Evonik ist an der Börse unterbewertet“ Derzeit ist Rettig in Asien unterwegs. Einige Tage bevor das Interesse von BASF an Evonik bekannt wurde, hatte der Interims-Vorstandsvorsitzende vor Journalisten am Konzernsitz in Essen seine Pläne für die Strategie erklärt. „Evonik ist an der Börse unterbewertet“, sagte Rettig. „Das können wir ändern, indem wir zeigen, dass wir nicht nur Kosten sparen, sondern auch solide wachsen.“ Rettig führt das Restrukturierungsprogramm im Konzern fort. Bis Ende des Jahres 2029 will Evonik weitere 3200 Stellen streichen, davon 2150 in Deutschland. Das Programm schließt nahtlos an ein voriges Abbauprogramm von 2023 an. Das Restrukturierungsprogramm ist indes kein reiner Stellenabbau. Es geht auch darum, die Produktion effizienter zu steuern, digitaler etwa, mit mehr Künstlicher Intelligenz. „Wer den Bedarf besser plan kann, kann die Produktion besser planen. Wer ganz genau weiß, welche Rohstoffe wann benötigt sind, muss weniger vorhalten. Dadurch gehen die Kapitalkosten runter“, sagte Rettig. Außerdem plant Evonik, Unternehmensteile zu verkaufen. Das könnte dazu führen, dass das Unternehmen vom Jahr 2030 an bis zu 10.000 Mitarbeiter weniger haben könnte als sieben Jahre zuvor, als es noch rund 34.000 waren. Zum Vergleich: BASF hat rund 95.000 Mitarbeiter. „Unsere Strategie ist genau die richtige, denn wir müssen flexibler werden“, sagte Rettig. „Die Welt wird unberechenbarer. Und wir können unsere globalen Stärken besser ausspielen.“ Hohe Energiekosten und die Kaufzurückhaltung aus wichtigen Industrien wie der Automobilbranche setzen der deutschen Chemie zu, derzeit erlebt die Branche aber durch die Nahostkrise und die anhaltende Blockade in der Straße von Hormus eine Art Sonderkonjunktur. Denn die asiatischen Wettbewerber sind oft noch stärker betroffen. Auch Evonik hat kürzlich seine Jahresprognose angehoben. „Gerade in der aktuellen Phase sind unsere vielen Standorte, die wir über die Welt verteilt haben, ein großer Vorteil“, sagte Rettig. „Wir haben Material, wo andere keins haben, und das hängt mit unserer Aufstellung zusammen: Wir haben nicht diese unbeweglichen Massestandorte, sondern häufig relativ kleine Einheiten für unsere Geschäftsfelder.“
