FAZ 14.09.2026
15:28 Uhr

US-Open-Sieger: Was über Zverev erzählt wurde, stimmt nicht mehr


Vielleicht nicht der beste, aber der zurzeit erfolgreichste Tennisspieler: Alexander Zverev sichert sich seinen zweiten Grand-Slam-Titel und verkehrt nebenbei etliche Narrative über ihn ins Gegenteil.

US-Open-Sieger: Was über Zverev erzählt wurde, stimmt nicht mehr

Der Mann, von dem sie sagten, dass er in den entscheidenden Momenten zu viel nachdenkt, grübelte. Er brummte, er schnaufte, er zögerte. Mehrmals setzte er zu einer Antwort an und brach sie doch wieder ab. Ob er denn, nachdem er in diesem Jahr erst die French Open und nun, am Sonntag, auch noch die US Open gewonnen hatte, der aktuell beste Tennisspieler der Welt sei, war Alexander Zverev gefragt worden. „Wahrscheinlich nicht“, sagte er nach langer Bedenkzeit. „Aber wenn Jannik verletzt ist und Carlos gerade erst von einer Verletzung zurückkommt, dann wahrscheinlich schon.“ Auch Zverev hält Carlos Alcaraz und Jannik Sinner also noch immer für die besten Tennisspieler der Welt. Sofern sie fit sind und in Form. Doch der Spanier und der Italiener waren in diesem Jahr eben nur selten fit und in Form. Zverev ist deshalb zwar vielleicht nicht der beste, aber doch der zurzeit erfolgreichste Tennisspieler der Welt. Weil er immer dann, wenn einer von beiden fehlte und der andere überraschend ausschied, seine Chance nutzte. Am Sonntag, indem er das Finale in New York gegen den Amerikaner und Alcaraz-Bezwinger Ben Shelton nach einer herausragenden Leistung 6:3, 7:6 (7:2), 5:7, 6:2 gewann. Erster deutscher Sieg seit Boris Becker 1989 Zverev hat nun als erster deutscher Tennisspieler seit Boris Becker 1989 die US Open gewonnen. Er hat sich wenige Monate nach dem ersehnten ersten Grand-Slam-Titel gleich noch seinen zweiten gesichert. Bis zum Ende des Jahres hat er nun eine große Chance, in der Weltrangliste die Nummer eins zu werden und damit ein weiteres großes Karriereziel abzuhaken. Vor allem aber hat es Zverev binnen eines Jahres geschafft, etliche der Narrative, die ihn in den vergangenen Jahren begleitet haben, ins Gegenteil zu verkehren. „Spiel, Satz und Sieg“, aber Zverev jubelt nicht Denn der Mann, von dem sie sagten, dass er in den entscheidenden Momenten zu viel nachdenke, dachte im entscheidenden Moment diesmal gar nicht nach. In einer Art Trance, in „einem Tunnel“ sei er gewesen, berichtete Zverev von seinem Matchball beim Finalsieg über Shelton. Weil um ihn herum alle schrien und jubelten, habe er auch nicht gehört, wie die Schiedsrichterin „Spiel, Satz und Sieg“, sagte. Es dauerte mehrere Sekunden, bis Zverev begriff, dass er das Finale bereits gewonnen hatte. Bis er die Arme nach oben riss, bis er lachte und jubelte. Es ist die hohe Tennis-Kunst, jeden Ballwechsel unabhängig vom Ergebnis und seiner Bedeutung gleich zu spielen. Und Zverev, das zeigte er am Sonntag, hat sie gemeistert. Shelton, eine Art Instagram-Spieler moderner Prägung, der sich gerne in Pose wirft und seine Muskeln zeigt, brüllte den Bällen oft hinterher. Er jubelte, wenn er einen der wenigen längeren Ballwechsel gewonnen hatte. Er jubelte, wenn er einen kurzen Ballwechsel gewonnen hatte. Er jubelte, wenn sein Gegner einen Fehler machte. Zverev jubelte nicht. Er spielte einfach immer weiter. Selbst dann, als das Match beendet war, wollte er das tun. Bei den French Open fällt die Last ab Paris im Mai 2026. Wenige Tage bevor in Frankreich die French Open beginnen, erscheint in Deutschland eine Zverev-Biographie. Den Titel des Buchs kann man zu diesem Zeitpunkt schon für gewagt halten. Zwei Wochen später muss man ihn als fatal bezeichnen. „Der Unvollendete“ nämlich erzählt von einem Tennisspieler, der immer wieder daran scheitert, die ganz großen Titel zu gewinnen. Kurz nach dem Veröffentlichungstermin gewinnt dieser Tennisspieler die French Open und ist danach vieles, aber sicher nicht mehr „unvollendet“. Damals in Paris, erzählt Zverev nun in New York, habe sich für ihn ein Kreis geschlossen. Als er auf die rote Asche sank und die Hände vors Gesicht schlug, ließ er dort eine Last zurück, die ihn früher stets gehemmt hatte. Etwa einen Monat später spielte Zverev erstmals in seiner Karriere auch in Wimbledon ein Grand-Slam-Finale. Und plötzlich, erzählte er, habe er es erstmals genossen, in einem Grand-Slam-Finale zu spielen, obwohl er dort gegen Jannik Sinner verlor. „Vor dem Sieg in Paris, habe ich immer den Stress gefühlt“, berichtete Zverev in New York. „Es gab immer dieses Fragezeichen. Werde ich jemals eines gewinnen?“ Die Frage, die sich auch Zverev immer wieder stellte, hatte sich erstmals hier gestellt. Auf den Tag genau sechs Jahre vor seinem Sieg gegen Shelton hatte Zverev bei den US Open nämlich schon einmal im Finale gestanden. In seinem damals ersten Grand-Slam-Endspiel führte er gegen den Österreicher Dominic Thiem bereits mit 2:0-Sätzen, ehe er nervös wurde und das Match noch verlor. Auch weil er bei den French Open zwei Jahre später im Endspiel gegen Carlos Alcaraz noch einmal eine 2:1-Satzführung nicht ins Ziel bringen konnte, hieß es danach, Zverev sei zwar ein sehr guter Tennisspieler, aber kein Champion. Zwischenzeitlich, so schien es, glaubte er das selbst. Zverevs Lehren „Die Narben des Finales von 2020 sind verschwunden“, sagte Zverev nun. Auch, weil er seine Vergangenheitsbewältigung selbst in die Hand genommen hat. Über Jahre warfen ihm Tennis-Experten wie etwa Boris Becker vor, sich in Drucksituationen zu oft in seine „Komfortzone“ weit hinter der Grundlinie zurückfallen zu lassen. So wirklich gelten lassen wollte Zverev diese Kritik jedoch nicht, präsentierte im Laufe der Jahre allerlei Erklärungen dafür, warum dies so sein müsse. Doch dann kam Zverev im Januar dieses Jahres aus der Winterpause und spielte plötzlich aktiver, offensiver. Er habe mit seinem Team entschieden, das zu versuchen, um Alcaraz und Sinner näherzukommen, sagte Zverev dazu. Eine der vielen Tennis-Weisheiten lautet jedoch, dass man nicht jedes Match gewinnen muss, sondern nur dafür sorgen, dass der Gegner es verliert. Wie das dann aussehen kann, zeigte Zverev gegen Shelton. Er ergriff zwar die Initiative, wenn dies nötig war, gab seinem Gegner aber auch oft genug lediglich die Chance, sich selbst zu schlagen. Um dieses Gespür für die richtige Balance zu entwickeln, hat Zverev Zeit gebraucht. Doch der vermeintlich Unbelehrbare hat es gelernt. Zverev hat in New York am Sonntag am Ende auch noch darüber gesprochen, warum er sich nicht für den aktuell besten Tennisspieler hält. „Ich denke nicht, dass ich der Talentierteste bin. Ich habe kein gottgegebenes Talent wie einige andere“, sagte er. Alles, was er leiste, sei das Ergebnis von „vielen Stunden auf dem Platz, vielen Stunden im Fitnessstudio, vielen Stunden auf der Laufbahn“. Shelton nannte Zverev nach dem Match den „härtesten Arbeiter auf der gesamten Profitour“. Zverev bestätigt das. „Mein Tennis ist harte Arbeit“, sagte er. Nach dem Mann, von dem viele Fans seit Jahren sagen, er sei arrogant, klang das nicht mehr.