FAZ 05.06.2026
21:46 Uhr

Theater Ulm: Beckmesser lacht sich schlapp


Kay Metzger verabschiedet sich mit einer umwerfenden Inszenierung von Richard Wagners „Meistersingern von Nürnberg“ als Intendant vom Theater Ulm und macht damit sein Haus zum „deutschen Meister“.

Theater Ulm: Beckmesser lacht sich schlapp

Als Wagnerianer möchte er nicht gelten, aber ohne Richard Wagner wäre Kay Metzger nie Regisseur geworden. Sein Opern-Urerlebnis war der „Lohengrin“ in Mannheim, bei dem der katholische Internatsschüler in jugendlicher Unschuld flehte, ein Robin Hood möge dieser armen Frau, Elsa, zu Hilfe kommen. Als Metzger dann später in Bayreuth Wagners „Ring“ in der Inszenierung von Patrice Chéreau miterlebte, stand sein Berufswunsch fest: Regie. In München studierte er Theaterwissenschaft und wurde Assistent von August Everding, mit dem zusammen er 1994 seine ersten „Meistersinger“ in Meiningen realisierte. Über Stationen in Coburg, Halberstadt und Detmold, wo seine zweiten „Meistersinger“ über die Bühne gingen, kam Metzger 2018 als Intendant ans Theater Ulm, an Deutschlands ältestes Stadttheater, einst Sprungbett für Herbert von Karajan und viele Sänger und Sängerinnen. Bis dahin hatte er alle Wagner-Opern teils mehrfach inszeniert. „Schrecklich erfolgreich“, wie er dieser Zeitung fast erstaunt erzählt, wurde er in Ulm vor allem mit den postumen Uraufführungen der Opern „La Légende de Tristan“ und „Le Petit Pauvre dʼAssise“ des französischen Organisten und Komponisten Charles Tournemire 2022 und 2025. Sie brachten ihm den medialen Ritterschlag ein; eine Aufnahme der „Franziskus-Oper“ ist kürzlich erschienen. Das Risiko sei er eingegangen, weil er an die Musik glaubte. Dafür, dass die „kostbare Theaterlandschaft“ in Deutschland auch das Scheitern „einpreise“ und das Privileg biete, „Wagnisse einzugehen“, ist Metzger dankbar. Mit einem Wagnis der besonderen Art, seinen dritten „Meistersingern“, verabschiedet er sich jetzt als Intendant von Ulm. Er erinnert daran, dass es auch hier seit dem 15. Jahrhundert Meistersinger-Gesellschaften gab, und bezieht die Stadt in Petra Mollérusʼ Bühnenbild des dritten Aktes mit Videoaufnahmen ein. Der letzte Sänger der Ulmer Zunft starb 1876! An dessen Grab holte sich der fabelhafte, stimmmächtige Bariton Joachim Goltz aus Mannheim seinen Segen für die Rolle des Sixtus Beckmesser, den er zugleich mit urkomischer Bühnenpräsenz als von sich überzeugtem Stadtschreiber im hellen Anzug mit Aktentasche präsentiert (Kostüme Eva-Maria Weber). Metzger und Goltz, der die Partie schon an anderen Häusern gesungen hat, kennen sich seit zwanzig Jahren und erweisen sich als Großmeister der Gegenläufigkeit. Peng: Ein Deutschlandfähnchen! Alles Erwartbare dieser Figur, so wie sie in vielen politisch ausgerichteten Aufführungen derzeit erscheint, ist gestrichen. Beckmesser als Juden-Karikatur Wagners? Kein Gedanke. Das Werk als seine eigene Rezeptionsgeschichte im Nationalsozialismus? Das kennen wir ja schon. Eine deutsche Tragödie? Im Gegenteil, eine Komödie mit eingebautem Kobold (der Tänzer Gaëtan Chailly), freilich mit ein paar „Störfeuern“, wie Metzger unter Berufung auf seinen Regiekollegen Harry Kupfer sagt. Aber auch damit verbindet er einen überraschenden Seitenhieb: In der Prügelszene des zweiten Aktes geraten zwar Wutbürger außer Rand und Band und heben Hass-Plakate empor. Aber an den Kragen gehen Beckmesser zuvörderst die Frauen, die ihn an einen Stuhl fesseln und sexuell provozieren. Als sich dann vom oberen Bühnenrand eine Gestalt mit musealem Riesengewehr den Weg nach unten bahnt und auf Beckmesser anlegt, kriegt man es für Sekunden mit der Angst zu tun – und atmet amüsiert auf, als der Abzug keinen Schuss, sondern nur ein armseliges Deutschlandfähnchen produziert. Am Schluss lacht sich Beckmesser selbst halb tot: Die völlige Umwertung dieser Figur ist von geradezu revolutionärer Regie-Stoßrichtung. Nicht nur, dass der Verlierer von der umworbenen Eva einen kleinen Blumenstrauß als Anerkennung erhält. Er selbst wird zum „Helden“ und Sympathieträger der Oper, wenn er erkennt, woran er gescheitert ist, sobald er Stolzings Preislied mit dem richtigen Text vorgetragen hört (Markus Francke singt es mit der tenoralen Emphase eines Mannes, der angesichts der anstehenden Entscheidung über sich hinauswächst). Seine eigene Blödheit kann Beckmesser lange nicht fassen. Dann beginnt er wie ein Besessener zu schreiben, steigert sich in einen wahren Schaffensrausch hinein, wird selbst zum neuen Künstler. Während Stolzing und Eva im Fertighaus mit Fahnenstange das spießbürgerliche Leben der Gesellschaft weiterführen werden. So wird diese Oper schließlich „deutscher Meister“ in ideologieferner Selbsterkenntnis. Dazu passt auch die eher zurückhaltende Baritonstimme von Dae-Hee Shin als Hans Sachs, mehr Skeptiker als Schulmeister der Nation. Obwohl es so aussieht, als würde sich mit den „Meistersingern“ ein beruflicher Kreis Metzgers schließen, gab ein ganz pragmatischer Grund den Ausschlag für die Stückwahl – die möglich gewordene Besetzung der weiblichen Hauptrolle mit der hauseigenen Sopranistin Maryna Zubko, die diese Partie nach einem Fachwechsel übernehmen wollte. Sie bringt das „morgendlich leuchten“, das Stolzing in seinem Preislied utopisch beschwört, als lyrische Emanation zum Vorschein: ein von Schönheit und sehnsüchtigem Glücksgefühl erfüllter Gesang, der seine erotische Attraktivität auch auf Sachs ausübt. Dass auch sie mehr für den Schuster-Poeten empfindet als Tochterliebe, wird im dritten Akt sogar einmal ausgespielt. Ihr leiblicher Vater Veit Pogner ist bei Guido Jentjens ein bürgerlicher Geschäftsmann in gediegenem Dunkelblau. Lehrbube David mit dem erfrischenden Joshua Spink freit dagegen seine Magdalene (I-Chiao Shih) mit Baseballcap. Felix Bender am Pult des Philharmonischen Orchesters sowie Opernchor und Extrachor des Theaters Ulm, Statisterie und Motettenchor der Münsterkantorei vollbringen in den fünf Stunden Aufführungsdauer Höchstleistungen. Musikalisch ist eigentlich in der Ouvertüre schon alles gesagt, prägnante Holzbläser gegen weitschwingende Streicher, Parlando-Ton gegen Strahlegesang, ein kräftiges Blech für die Outdoor-Szenen des dritten Aktes, kammermusikalische Verfeinerung gegen Bombast. Und weil Metzger gerade hier der Musik vertraut, darf sie auch in voller Länge für sich stehen: Die unbebilderte Ouvertüre ist das Geschenk eines Regiemeisters    von Ulm.