Scheich Salem al-Refai ist einer der libanesischen Fans von Ahmed al-Scharaa. „Gott sei Dank, jetzt ist es anders“, sagt er über die neuen Machtverhältnisse in Damaskus. Fast so, als ginge es um sein eigenes Land. Der Religionsgelehrte aus der nordlibanesischen Hafenstadt Tripoli kennt den syrischen Übergangspräsidenten persönlich. Beide entstammen einem ähnlichen Milieu. Al-Refai zählte laut Einschätzung von Sicherheitsbehörden in Deutschland, wo er einige Jahre lebte, zu den Unterstützern radikaler islamistischer Gegner des gestürzten Assad-Regimes in Syrien. Er sympathisierte mit Leuten wie Scharaa. Die tiefe Feindschaft gegenüber dem Gewaltherrscher Baschar al-Assad, den Scharaa mit seinen Rebellenmilizen im Dezember 2024 zu Fall brachte, haben beide Männer gemeinsam. So reiste der salafistische Prediger kurz nach dem Machtwechsel in einer kleinen Delegation in die syrische Hauptstadt zu einer Audienz mit dem neuen starken Mann. Scharaa habe schon damals einen Neustart in den Beziehungen beider Länder angekündigt, sagt al-Refai. „Er hat gesagt, dass er ein ganz normales Verhältnis zwischen Staaten will.“ Es ist eine Formel, die Regierungsvertreter aus Damaskus seither stetig bemühen. Auch in der libanesischen Regierung wird dieser Wunsch geäußert. Von einem „neuen Kapitel“ und „gegenseitigem Respekt“ ist die Rede. Aber auch von einem „komplizierten Verhältnis“ und „historischen Altlasten“. Die syrische Besatzung hat tiefe Spuren in Libanon hinterlassen Tatsächlich ist der beschworene Neustart schwierig. In Libanon haben während der Herrschaft des Assad-Clans die Jahre brutaler syrischer Militärpräsenz und Besatzung von 1976 bis 2005 tiefe Spuren in der kollektiven Psyche hinterlassen. Das Misstrauen gegenüber möglichen Dominanzbestrebungen aus Damaskus sitzt tief. Libanon galt den syrischen Herrschern immer bloß als Teil eines historischen „Großsyriens“, der zumindest indirekt zu beherrschen war. Auch die dschihadistischen Wurzeln Scharaas sind eine Quelle des Misstrauens. Der syrische Übergangspräsident war unter dem Kampfnamen Abu Muhammad al-Golani Anführer der syrischen Nusra-Front, einer bewaffneten Rebellengruppe, die unter dem Banner von Al-Qaida kämpfte. Er sagte sich 2016 von dem Terroristennetz los und gründete die Islamistenallianz „Hayat Tahrir al-Scham“ (HTS), zu Deutsch „Komitee zur Befreiung Großsyriens“. Der libanesische Präsident Joseph Aoun war, bevor er vergangenes Jahr ins Amt des Staatschefs aufstieg, Chef der libanesischen Armee. Diese hatte im Zuge des Bürgerkriegs an der Grenze zwischen beiden Ländern unter Verlusten Infiltrationsversuche von Nusra-Milizionären abgewehrt. Scheich Salem al-Refai vermittelte 2015, als es Verhandlungen gab, damit die Dschihadisten verschleppte libanesische Soldaten freilassen. Aoun, so heißt es von Diplomaten, hege eine Antipathie gegenüber Scharaa. Misstrauen gegenüber Ahmed al-Scharaa Unter den Christen und in der drusischen Minderheit in Libanon herrschen ebenso Ressentiments gegenüber dem ehemaligen Dschihadistenführer. Bei den Schiiten ist die Ablehnung womöglich noch größer, denn die Hizbullah ist ein Feind der von sunnitischen Islamisten dominierten neuen Führung in Damaskus. Die mächtige libanesische Schiitenmiliz kämpfte im Dienste Irans an der Seite des Assad-Regimes und half mit brutalen Mitteln, den Aufstand niederzuschlagen. Die von den Revolutionswächtern gelenkte Schiitenmiliz ist verhasster als deren iranische Patrone, die Syrien auch als Durchgangsland für Waffenlieferungen an die Hizbullah nutzten. Scharaa sieht die Hizbullah-Präsenz in Libanon als Bedrohung für die Sicherheit seines Landes. Daher ist Libanon für Damaskus laut Einschätzung syrischer Beobachter zu einem großen Teil eine Geheimdienstangelegenheit. Der Waffenschmuggel an die Hizbullah über die libanesisch-syrische Grenze ist auch noch nicht unterbunden, wie es aus Quellen mit guten Kontakten in die Schiitenorganisation heißt. Es werden demnach sogar Witze gerissen, dass es jetzt unkomplizierter sei, weil man unter Assad einen großen, undurchsichtigen und gierigen Apparat schmieren musste. Jetzt sei die Lage übersichtlicher. So müssen die Führungen in Beirut und Damaskus beim Aufbau neuer Beziehungen durch ein Minenfeld von Skepsis und Empfindlichkeiten navigieren. Doch es gab bereits von Pragmatismus getriebene Erfolge. Tarik Mitri, der für die Syrien-Beziehungen zuständige stellvertretende libanesische Ministerpräsident, hat in Interviews erklärt, die Beziehungen hätten sich „erheblich verbessert“. Damaskus und Beirut haben ein gemeinsames Hohes Komitee ins Leben gerufen, das strittige Themen bearbeiten soll. Dazu zählen Fragen des Grenzverlaufs, die Rückführung syrischer Kriegsflüchtlinge aus Libanon, ein aufgeladenes Thema in dem kleinen Land, oder die Freilassung syrischer Gefangener aus libanesischen Gefängnissen. Hunderte waren in Zusammenhang mit Terrorismusvorwürfen vor Militärgerichte gestellt worden. Andere wurden unter dem Vorwurf der Mitgliedschaft in dschihadistischen oder bewaffneten Gruppen inhaftiert, die das Assad-Regime bekämpft hatten. Interveniert Scharaa gegen die Hizbullah? Damaskus dringt außerdem darauf, dass Libanon hochrangige Kader des Assad-Regimes ausliefert, die im Nachbarland untergetaucht sind und von denen manche Schutz einflussreicher, Assad-freundlicher Kräfte genießen. Im August kamen die libanesischen Behörden erstmals im Fall eines hohen Offiziers diesem Ansinnen nach. Aber trotz solcher Fortschritte halten sich Befürchtungen, Scharaa könnte in alte Damaszener Muster verfallen, hartnäckig. Ebenso Spekulationen über eine mögliche syrische Militäraktion gegen die Hizbullah auf libanesischem Boden. Diese gehen nicht zuletzt auf US-Präsident Donald Trump zurück, der das selbst ins Spiel gebracht hat. „Ich habe Israel vorgeschlagen, die Hizbullah Syrien zu überlassen, denn um ehrlich zu sein, glaube ich, dass sie das besser hinbekommen“, sagte er im Juni. Scharaa sei zwar „kein Pfadfinder“, aber er mache einen guten Job, so Trump. Auch von westlichen Diplomaten ist länger zu hören, Vertreter in der Trump-Administration hätten solche Ideen. Einflussreiche Trump-Vertraute wie der Syrien-Sonderbeauftragte Tom Barrack gelten als Fürsprecher des syrischen Machthabers. Scharaa hat sich Washington erfolgreich als Partner angedient. Er erhält Anerkennung für seinen pragmatischen Umgang mit dem jahrzehntealten Feind Israel, mit dem Damaskus über ein Sicherheitsabkommen verhandelt. In politischen Kreisen in Beirut wird die Sorge geäußert, die amerikanischen Sympathien für Scharaa brächten Libanon in eine benachteiligte Position. Tom Barrack selbst schürte solche Befürchtungen im Sommer 2025. Er war seinerzeit frustriert darüber, dass die libanesische Regierung sich noch scheute, Verhandlungen mit Israel aufzunehmen und der Hizbullah entschieden entgegenzutreten. Sollte Beirut keine tiefgreifenden Veränderungen vornehmen, sagte der Spitzendiplomat, laufe Libanon Gefahr „nach Bilad al-Scham zurückzukehren“. So lautet die arabische Vokabel für das historische Großsyrien. Damaskus will kein Chaos im Nachbarland Der syrische Staatschef selbst hat eine Libanon-Operation öffentlich ausgeschlossen. Vergangenen Monat sagte Scharaa in einem Interview mit dem qatarischen Sender Al Jazeera: „Wir ziehen keine militärische Intervention in Libanon in Betracht.“ Damaskus unterstütze zwar die Bestrebungen der Regierung in Beirut, das Waffenmonopol des libanesischen Staates herzustellen, was die gängige Formel für die Entwaffnung der Hizbullah ist. Zugleich äußerte er die Befürchtung, dass „jedes Chaos in Libanon direkte Auswirkungen auf Syrien haben wird“. Der islamistische Prediger Salem al-Refai wischt die Sorge vor einem syrischen Eingreifen auf libanesischem Boden oder einer übergriffigen Politik des großen Nachbarn beiseite. „Scharaa hat kein Interesse daran, Libanon zu kontrollieren“, sagt er. „Syrien hat genug mit sich selbst zu tun.“ Aber kritische Beobachter der neuen Führung in Damaskus haben zumindest Zweifel am syrischen Willen, sich aus Libanon herauszuhalten und Beziehungen auf Augenhöhe aufzubauen. „Die neue Führung mag keine Ambitionen hegen, Libanon zu kontrollieren. Aber in HTS-Kreisen gibt es schon eine bevormundende Haltung gegenüber dem kleineren Nachbarland“, erklärt der syrische Politikberater Malik al-Abdeh. Gedankenspiele um die Stadt Tripoli Damaskus, so führt er weiter aus, wolle in strategischen Fragen ein gewichtiges Wort mitreden können. Etwa wenn es um die mögliche Ausbeutung libanesischer Erdgasvorkommen gehe. Und nach seinen Worten hat die syrische Führung auch ihre Augen auf Tripoli, die Heimatstadt von Salem al-Refai geworfen. Zumindest auf den Hafen der Stadt. Und es kursieren nach den Worten von Malik al-Abdeh Gedankenspiele, nach denen syrischer Zugriff auf Tripoli Teil diplomatischer Verhandlungsmasse sein könnte, zum Beispiel als Gegenleistung für syrisches Entgegenkommen in Richtung Israel. Die mehrheitlich sunnitische nordlibanesische Hafenstadt wäre zumindest ein natürliches Ziel für Syrien. Es ist eine Stadt mit ungeklärter Identität, die auf eine Geschichte der Vernachlässigung durch die libanesische Politik zurückblickt. Viele Familien in Tripoli haben engere Verbindungen in die syrische Stadt Homs als zur näher gelegenen libanesische Hauptstadt Beirut. Es gibt seit vielen Jahrzehnten enge Kontakte zwischen sunnitisch-islamistischen Kreisen auf beiden Seiten der Grenze, die dem Assad-Regime ablehnend gegenüberstanden. Tripoli wurde von Verhaftungswellen der brutalen syrischen Geheimdienste heimgesucht, missliebige Einwohner verschwanden in den Folterkellern des Assad-Regimes. Und keine Stadt in Libanon geriet so stark in den Sog des syrischen Bürgerkriegs wie Tripoli. Es gab heftige Gefechte zwischen sunnitischen Milizen und Kämpfern der Alawiten, jener Minderheit, der die Assads angehören. Islamistische Hassprediger rekrutierten Anti-Assad-Kämpfer in den Armenvierteln von Tripoli. Der syrische Sicherheitsapparat trieb mit seinen libanesischen Verbündeten in der libanesischen Stadt sein Unwesen. Im August 2013 wurde die Al-Taqwa-Moschee, in der Salem al-Refai predigte, von einem Bombenanschlag getroffen, wenig später ein weiteres Gebetshaus in der Stadt. Insgesamt 47 Personen wurden getötet. Bis heute wurden die Hintermänner nicht zur Rechenschaft gezogen. Irritationen nach dem Besuch des syrischen Außenministers Al-Refai hofft, dass sich das mit den neuen Machthabern in Damaskus ändert. Überhaupt hatte der Machtwechsel in Syrien Freudenfeiern auf den Straßen von Tripolis ausgelöst. Viele libanesische Sunniten fühlen sich dadurch gestärkt, dass jetzt Angehörige ihrer Religionsgruppe in Damaskus die Macht in ihren Händen halten. „Diese Regierung ist ein Rückgrat, auf dass wir uns verlassen können“, sagt Salem al-Refai. Als der syrische Außenminister und Scharaa-Vertraute Asaad al-Schaibani im Juli Libanon besuchte, reiste er auch nach Tripoli – und wurde dort von einer Menschenmenge wie ein Befreier gefeiert. Einflussreiche sunnitische Persönlichkeiten in Tripoli vermuten, dass der Jubel von libanesischen Politikern organisiert wurde, die sich syrische Unterstützung erhoffen. Aber der Auftritt des syrischen Ministers hinterließ Irritationen. „Das war bestenfalls unsensibel“, sagt ein liberaler Politiker aus der Stadt. „Er hätte sich besser auf die offiziellen Gespräche in Beirut beschränkt, anstatt ein solches Signal in Tripoli zu setzen.“ Die Popularität der sunnitische Machtübernahme in Syrien in den Straßen von Tripoli hat auch mit der politischen Lage der Sunniten in Libanon zu tun. Sie haben kein Kernland, das ihnen als Bastion dienen könnte wie zum Beispiel die Christen. Ihnen ist mit dem früheren Ministerpräsidenten Saad Hariri, der jetzt außer Landes lebt und vor einem politischen Comeback zurückschreckt, eine traditionelle Führungspersönlichkeit abhandengekommen. Mustapha Alloush, ein Arzt aus Tripolis und frührer Hariri-Vertrauter, ist fast ein wenig belustigt, wenn er über die Frage spricht, ob Scharaas Aufstieg die Moral der libanesischen Sunniten stärkt. „Sie sollten eigentlich froh sein. Jetzt gibt es keinen Anführer mehr, der ihnen das Denken abnimmt“, sagt der. Die Leute sollten jetzt besser anfangen, die libanesische, von Korruption zersetzte politische Klasse infrage zu stellen. Und den Hang, sich immer auf mächtige Verbündete im Ausland zu stützen. „In Syrien gibt es Wandel“, sagt Allousch, der sich aber nicht festlegen will, ob sich am Ende alles zum Besseren wendet. „Ich sehe noch nicht, wie es endet.“
