Judith McCrory setzt heute mit dem Training aus. Sie erholt sich noch von einer besonderen Strapaze – die 55 Jahre alte Frankfurterin hat unlängst 33 Kilometer den Ärmelkanal durchkrault. 19 Stunden und 20 Minuten hat sie gegen Wind und Wellen gekämpft, erfolgreich. Vorbereitet auf dieses sportliche Lebensziel hat sie sich überwiegend im ehemaligen Stadtbad Mitte. Am Donnerstagabend machen ihre Trainingsgefährten reichlich Wellen in dem 25-Meter-Becken an der Frankfurter Hochstraße, das zum Hilton-Hotel gehört und von Fitness First betrieben wird. McCrory schaut zu, mit dem Rücken zur riesigen Fensterfront gen Wallanlagen. Zwei der sechs geleinten Bahnen stehen 90 Minuten zur Verfügung für die Gruppe, die schon jahrelang zusammen trainiert und aus der diverse Freundschaften entstanden sind. Vom Banker bis zur Erzieherin, vom Expat bis zur Seniorin – was die Gruppe eint: Alle sind gute Schwimmer. In Kürze haben sie aber wohl keine sportliche Heimstatt mehr. Dem Fitnessclub droht die Schließung wie dem Hilton Hotel, das den Fitnessclub beherbergt. Auf der Internetseite von Fitness First heißt es, dass das Studio vom 12. Oktober an dauerhaft geschlossen sei. Zimmer im „Hilton Frankfurt City Centre“ sind nur noch bis 30. Oktober buchbar. „Es wäre so traurig, ja, eine Schande, wenn das Bad für immer schließen müsste“, sagt McCrory. In solch zentraler Innenstadtlage gebe es keine Alternative. Und dass das ehemalige Stadtbad Mitte schon um 6 Uhr in der Früh öffne, sei auch einzigartig. Viele ältere Frankfurter und Generationen von Schülern haben dort einst das Schwimmen erlernt. Ärger um Hilton-Hotels Auslöser der Turbulenzen sind internationale Sanktionen gegen den wirtschaftlichen Betreiber der Hotel-Immobilie, die nicht im Besitz von Hilton ist. Der iranische Geschäftsmann Ali Ansari soll für Regierungsmitglieder des Mullah-Regimes in Teheran hohe Vermögenswerte und Immobilien erworben haben. Durch seine angebliche Nähe zu den von der EU als Terrororganisation eingestuften Revolutionsgarden steht Ansari seit Juli auf der Sanktionsliste der USA und EU. Das hat zur Folge, dass Konten gesperrt und Vermögen eingefroren werden. Zudem gilt ein Verbot, mit Ansari und dem ihm zugeschriebenen, weitverzweigten Firmengeflecht Geschäfte zu machen. Ansari bestreitet die Vorwürfe. Zu seinem Besitz gehören gleich zwei Hilton-Hotels in Rhein-Main. Das Haus in Gravenbruch in Neu-Isenburg mit seinen 140 Beschäftigten hat schon Ende Juli einen Insolvenzantrag gestellt, befindet sich im „Notbetrieb“ und nimmt keine Gäste mehr auf. Auch wie es in dem Haus an der Hochstraße weitergeht, ist noch ungewiss. Somit ist auch die Zukunft des Bades offen. Die Stadt sieht derzeit keine Handlungsmöglichkeiten. Oberbürgermeister Mike Josef (SPD) wies auf Nachfrage darauf hin, dass es klare, wenn auch derzeit komplizierte Besitzverhältnisse gebe und die Stadt keinen Zugriff habe. Für die Bäderbetriebe Frankfurt signalisierte Geschäftsführer Boris Zielinski, dass seine Gesellschaft für Gespräche sicher bereitstünde, sollte das Bad irgendwann in einer veränderten Konstellation einen Betreiber benötigen. Er könne sich aber nicht vorstellen, dass allzu schnell Bewegung komme in diese durch weltpolitische Entwicklungen beeinflusste Gemengelage. Zielinski zerstreute zumindest Bedenken, dass das Bad allzu schnell dem Verfall preisgegeben sei, wenn es nicht betrieben würde. „Ein Jahr ohne Betrieb wäre ganz sicher mal kein Problem.“ Badeparadies mitten in der Innenstadt Das Stadtbad Mitte war 1960 eröffnet worden, die Baukosten betrugen damals horrende 13,4 Millionen Mark auf dem 6000 Quadratmeter großen Grundstück an den Wallanlagen. Zwei 25-Meter-Becken, ein 10-Meter-Sprungturm, eine Tribüne für rund 500 Zuschauer, dazu ein Kinderbecken und Wellnessbereich – ein Badeparadies mitten in der Innenstadt, das im Sommer 1993 von der Stadt geschlossen wurde, weil sie die Kosten für die Sanierung des baufälligen Gebäudes nicht tragen konnte. Das Bad war damals ein Symbol für die finanzielle Krise der Kommune. 1995 verkaufte die Stadt das Bad an die Hotelkette, die auf dem Gelände ein Haus mit über 300 Zimmern errichtete und nur noch eine der drei Schwimmhallen aufrechterhielt. Das Bad mit seiner wellenförmigen Dachkonstruktion wurde unter Denkmalschutz gestellt. Im Vertrag wurde für 30 Jahre festgeschrieben, dass das verbliebene Becken an fünf Tagen und mindestens 45 Stunden je Woche für die Öffentlichkeit zugänglich sein muss. Für Hotelgäste und Mitglieder des Fitnessclubs, der den Betrieb übernahm, ist der Eintritt kostenfrei. Die für 30 Jahre gültige Vereinbarung ist im vergangenen Jahr abgelaufen, trotzdem blieb es für die Allgemeinheit weiter zugänglich, es bescherte dem Fitnessclub schließlich auch Einnahmen, und es war ein gutes Miteinander.Damit könnte es ein Ende haben. Zum Leidwesen der Schwimmer, welche diesen zentralen Ort, an dem kaum geplanscht und vielmehr sportlich geschwommen wird, so sehr schätzen. „Wir sind untröstlich“, sagt die Frankfurterin Anja Göttker-Schnetmann, die derzeit für den Ironman auf Hawaii trainiert, wo sie Ende Oktober in ihrer Altersklasse starten will. „Es ist ein Kleinod in der Stadt, wo sich täglich so viele unterschiedliche Menschen treffen, um gemeinsam einer Leidenschaft nachzugehen: dem Bahnenschwimmen.“
