Der Präsident des Sparkassenverbands Baden-Württembergs, Matthias Neth, denkt manchmal schon an die Zeit nach seiner Tätigkeit als Verbandsvorsteher der 50 Sparkassen im Land nach. „Wer weiß, was ich im Ruhestand in 20 Jahren machen werde. Vielleicht befasse ich mich dann doch mit Theologie,“ sagt der 46 Jahre alte, in Stuttgart geborene Schwabe und promovierte Jurist mit leicht ironischem Unterton. Denn nach dem Abitur sei die Entscheidung zur Studienwahl zwischen Jura, Medizin und Theologie gefallen. Das Bankgeschäft hatte der junge Neth damals sicherlich nicht im Blick. Schon wenige Monate nachdem Neth das Amt des Sparkassenpräsidenten übernommen hatte, wirkte es so, als hätte er nie etwas anderes getan, als im Finanzwesen tätig zu sein. Mit 33 Jahren ist er 2013 einst der jüngste Landrat in Baden-Württemberg im Hohenlohekreis geworden. Mit 44 Jahren wird er 2024 auch der jüngste Verbandsvorsteher in dem Bundesland. Als Landrat ist er Schritt für Schritt in das Bankwesen hineingewachsen. Als Landrat sei man zugleich Verwaltungsratsvorsitzender der örtlichen Kreissparkasse, sagt er. Er sei gleichfalls Vorsitzender des Kreditausschusses gewesen. „In diesem Amt kann man die Zukunft des Kreises mitgestalten. Da werden nicht jeden Tag Riesensprünge gemacht, aber es besteht ein Potential, aktiv an der Entwicklung mitzuwirken“, erklärt er. An seiner Position schätze er den Gestaltungsspielraum. Und so versucht er nun in Baden-Württemberg neue Wege zu gehen, mit einem Finanzierungsvehikel für Stadtwerke und Kommunen zur Finanzierung der Wärmewende. „Die Stadtwerke können die Wärmewende nicht alleine finanzieren. Und auch die Kommunen haben in der Regel nicht das notwendige Kapital. Das gibt ihre Finanzausstattung nicht her.“ 250 lokale Energieversorger in Baden-Württemberg Alleine in Baden-Württemberg gibt es rund 250 Stadtwerke, also lokale Energieversorger. Fast jede Sparkasse erhalte momentan Anfragen von Stadtwerken und Kommunen. Stadtwerke spielen bei der Wärmewende eine entscheidende Rolle. Sie müssen hohe Investitionen tätigen. Ihnen fehlen aber in der Regel dazu die notwendigen finanziellen Mittel, und sie haben keinen Zugang zu den internationalen Kapitalmärkten. Die Sparkassen arbeiten bei dem geplanten Modell mit der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) zusammen, an der sie knapp über 40 Prozent halten. Die Landesbank soll das Geld dann bei internationalen Investoren einsammeln. Neth rechnet damit, dass spätestens bis zu den Sommerferien die erste Finanzierung für ein Stadtwerk steht. Wer Vorreiter sein wird, möchte er nicht verraten. „Mit unserem Finanzierungsmodell können die Stadtwerke auf dem weltweiten Kapitalmarkt Eigenkapital bekommen, ohne dass ein Geldgeber in ihren Aufsichtsrat einzieht. Dafür müssen sie aber eine Projektgesellschaft gründen.“ Ganz ohne staatliche Unterstützung wird die geplante Art der Finanzierung aber nicht auskommen. Um die Zinsen am Kapitalmarkt von acht Prozent und mehr zu drücken, seien Bürgschaften von Förderbanken notwendig, wie der Kreditanstalt für Wiederaufbau oder der L-Bank, letztere ist das landeseigene Förderinstitut. „Wenn durch solch eine Bürgschaft das Risiko reduziert wird, werden die Konditionen für das Stadtwerk günstiger.“ Das Modell sei für internationale Pensionsfonds interessant, weil es für sie durch die Zinseinnahmen langfristig planbare Einnahmen generiere, gibt sich Neth überzeugt und verweist darauf, dass schon andere Bundesländer sich nach dem Modell erkundigt hätten. Der Oberbürgermeister von Tübingen, Boris Palmer (parteilos), bewertet das Vorhaben skeptisch. „Es fehlt an Eigenkapital für die großen Investitionen der Stadtwerke in die Wärmewende, die Elektrifizierung des Busverkehrs und die Stromwende, insbesondere in die Netze. Der Vorschlag der Sparkassen bietet eine Lösung, die allerdings nicht ganz billig ist“, sagt er. Daher sei es nur die zweitbeste Lösung. „Am besten wäre es, den Kommunen zu erlauben, ihre Bonität für günstige Kredite an ihre Stadtwerke einzusetzen.“ Wichtige Rolle im Sparkassen-Dachverband Neth, Vater von zwei kleinen Kindern, ist ein politischer Strippenzieher. Er ist CDU-Mitglied und in der Partei sowie der Landesverwaltung bestens vernetzt. So kümmerte er sich als Referent in der Staatskanzlei einst um die ENBW-Beteiligung. Auch arbeitete er der CDU als parlamentarischer Berater im Schlossgarten-Untersuchungsausschuss zu, der den umstrittenen Polizeieinsatz gegen die Gegner des Bahnprojekts Stuttgart 21 mit zahlreichen Verletzten unter die Lupe nahm. Neth, der in Tübingen und Lausanne Jura studiert hat, spielt gleichfalls eine wichtige Rolle in Berlin beim Deutschen Sparkassen- und Giroverband (DSGV), dem Dachverband der Sparkassen-Finanzgruppe. Der Sparkassenverband Baden-Württemberg sei ein Verband, der überaus wichtige Beteiligungen halte, sagt er. Dazu gehört die Mehrheit an der LBS Süd, der SV Sparkassenversicherung und die Beteiligung an der Landesbank Baden-Württemberg. Letztere ist Deutschlands größte Landesbank. Und hier sieht er keinen Veränderungsbedarf mit Blick auf mögliche Fusionen. „Das Thema steht für uns nicht auf der Tagesordnung.“
