Bla. Blabla. Blablabla. Drei Laute, die darüber entscheiden, wie gesprächig eine Autofahrt werden darf. Wer sich bei der Mitfahrplattform Blablacar anmeldet, legt vorab fest, wie viel Austausch erwünscht ist. Die Plattform unterscheidet zwischen „bla“ für eher schweigsam, „blabla“ für normales Gesprächsverhalten und „blablabla“ für besonders gesellig. Ergänzend werden weitere Vorlieben abgefragt: Darf im Auto geraucht werden? Soll Musik laufen? Sind Haustiere willkommen? Die Anmeldung dauert nur wenige Minuten. Trotzdem erinnert sie stellenweise eher an eine Dating-App als an ein Mobilitätsangebot. Ich entschied mich für „blablabla“, und schon wenige Tage später buchte ich eine Mitfahrgelegenheit. Ich wollte spontan meine Cousins über das Wochenende in Nürnberg besuchen. Doch zwei Tage vor der Abreise waren mir die Bahntickets trotz Bahncard zu teuer, und eine mehrstündige Fernbusfahrt kam für mich nicht infrage. Also öffnete ich Blablacar. Strecke: Aachen – Nürnberg 25 Euro. Fahrer: Paul. Drei positive Bewertungen. Zahlung per Paypal. Ein paar Klicks später war die Fahrt gebucht. Statt allein in der Bahn zu sitzen und zu lesen, Musik zu hören oder einfach aus dem Fenster zu schauen, ohne ein Gespräch zu führen, stieg ich zu einer fremden Person ins Auto. Und das für eine Fahrt von geplant viereinhalb Stunden. Wer eine Mitfahrgelegenheit bucht, entscheidet sich nicht nur für ein Verkehrsmittel, sondern auch für Gesellschaft. Ich fuhr bei jemandem mit, den ich zuvor noch nie gesehen hatte, und vertraute darauf, dass er wusste, was er tat. Bemerkenswert war, wie selbstverständlich es sich anfühlte. Für viele gehört diese Form des Reisens längst zum Alltag. Und die Idee, freie Plätze im Auto mit Fremden zu teilen, ist deutlich älter als die Apps, über die solche Fahrten inzwischen organisiert werden. Rückgriff auf ein altes Prinzip „Man hat sich immer schon mitfahren lassen“, sagt Andreas Knie, Mobilitätsforscher am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und Professor für Soziologie an der TU Berlin. Wer heute nach einer Mitfahrgelegenheit suche, greife damit auf ein Prinzip zurück, das lange vor Smartphones und Internet existiert habe. Früher sei getrampt worden. „Das war für meine Generation völlig normal“, sagt Knie. Heute sei das dagegen kaum noch zu beobachten. Auf das Trampen folgten die klassischen Mitfahrzentralen. Besonders rund um Universitäten entwickelten sie sich zu einem festen Bestandteil studentischer Mobilität. „Das hat richtig geboomt“, sagt Knie. Von nahezu jeder Hochschulstadt aus ließen sich Fahrten in andere Universitätsstädte organisieren. Aus diesen analogen Plattformen, bei denen die Menschen ihre Telefonnummern noch an schwarze Bretter gepinnt haben, gingen schließlich die digitalen Kanäle hervor. Das Grundprinzip blieb laut Knie jedoch dasselbe. Verändert hätten sich nur die Vermittlung und die Organisation. Zudem sei das Mitfahren längst kein reines Studentenphänomen mehr. Nach Angaben von Blablacar sind Fahrer in Deutschland im Durchschnitt 35 Jahre alt, Mitfahrer etwa 30. Marktführer Blablacar Blablacar ist die bekannteste Mitfahrplattform in Deutschland. Das 2006 in Frankreich gegründete Unternehmen vermittelt freie Plätze für Fahrten, die ohnehin stattfinden würden. Fahrer können so einen Teil ihrer Kosten decken, Mitfahrer vergleichsweise günstig reisen. Finanziert wird das Unternehmen über Vermittlungsgebühren. Der französische Anbieter ist inzwischen Marktführer, aber längst nicht das einzige digitale Angebot. In Deutschland existieren unter anderem die unentgeltliche Plattform fahrgemeinschaft.de sowie das ADAC-Pendlernetz. Während Blablacar Buchung, Bezahlung und Bewertung direkt in die Plattform integriert, funktionieren die anderen Angebote stärker nach dem Prinzip eines digitalen Schwarzen Bretts. Aber alle Anbieter verfolgen dasselbe Ziel: freie Plätze im Auto zu nutzen, Kosten zu teilen – und schließlich damit Ressourcen zu sparen. Dass dieses Prinzip für viele Menschen nach wie vor attraktiv ist, zeigt die starke Nachfrage. Nach eigenen Angaben ist die Zahl der angebotenen Fahrten von Blablacar in Deutschland seit März dieses Jahres um etwa 20 Prozent gestiegen. Für Adrien Tahon, operativer Geschäftsführer von Blablacar, hängt das vor allem mit den gestiegenen Kraftstoffpreisen zusammen. Sowohl neue Nutzer als auch Mitglieder, die schon seit Längerem dabei seien, böten häufiger Fahrten an, um ihre monatlichen Ausgaben zu senken. Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt der ADAC. Steigende Mobilitätskosten führten regelmäßig zu einer höheren Nachfrage bei Mitfahrplattformen. Zudem verweist der ADAC auf weitere Beweggründe. Fahrgemeinschaften seien ressourcenschonend, weil ohnehin geplante Fahrten besser ausgelastet würden. Gerade dort, wo es nur wenige Alternativen zum Auto gebe, könnten sie die Mobilität verbessern und Orte erreichen, die mit Bus oder Bahn nur schwer anzusteuern seien. Und dann gibt es noch einen Aspekt, der sich weder in Statistiken noch in Kostenrechnungen erfassen lässt. Wer eine Mitfahrgelegenheit bucht, kennt meist nur einen Namen, ein Profilbild und einige Bewertungen. Welche Menschen man tatsächlich trifft und welche Gespräche daraus entstehen, erfährt man erst unterwegs. Darüber dachte ich nach, während ich an einem Freitagmorgen auf Paul wartete, meinen Fahrer nach Nürnberg. Anfang zwanzig, Maschinenbaustudent in Aachen, auf dem Weg zu seinen Eltern nach Wien. Nürnberg lag auf seiner Strecke, ein typisches Beispiel dafür, wie das Prinzip funktioniert. Viel verband uns nicht Zehn Minuten nach der vereinbarten Zeit bog Pauls kleiner blauer Toyota um die Ecke. Im Kofferraum saß seine Hündin, ich war die erste Mitfahrerin. Nach und nach sammelten wir die anderen ein: Jan, ein Literaturstudent aus Regensburg, der die meiste Zeit in sein Buch vertieft war; neben ihm ein Argentinier, der entweder aß oder laut auf Spanisch über Facetime mit seinen Freunden sprach; und ein vierter Mitfahrer, dessen Namen ich vergessen habe. Ich erinnere mich nur, dass er zum Feiern nach Nürnberg wollte. Viel verband uns nicht. Unterschiedliche Berufe, unterschiedliche Lebensläufe, unterschiedliche Reiseziele. Gemeinsam hatten wir lediglich, dass sich unsere Wege für einige Stunden überschnitten. In Frankfurt änderte sich die Zusammensetzung der Gruppe. Der Argentinier stieg aus, dafür kam eine Frau hinzu. Was zunächst improvisiert wirkt, folgt einer erstaunlich klaren Logik: Menschen steigen ein und aus, Wege kreuzen sich vorübergehend und trennen sich wieder. Noch am Morgen hatte ich von diesen Menschen nur einen Namen, ein Alter und einige Bewertungen in einer App gekannt. Nun saß ich mit ihnen im Auto quer durch Deutschland. Vor wenigen Jahrzehnten wäre eine solche Fahrt vermutlich noch abenteuerlicher verlaufen. „Früher war das viel ungeschützter“, sagt auch Knie. Wer eine Mitfahrgelegenheit genutzt habe, sei oft „wie in einem schwarzen Loch verschluckt“ gewesen. Weder Angehörige noch Freunde hätten gewusst, wo sich jemand gerade befunden habe. Heute würden Fahrten digital vermittelt, Routen dokumentiert und Zahlungen nachvollziehbar abgewickelt. „Das ist auch ein deutlicher Gewinn an Sicherheit.“ Plattformen bauen Vertrauen auf Wie Plattformen heute Vertrauen schaffen wollen, erklärt Tahon. Telefonnummern, E-Mail-Adressen und Zahlungsdaten würden hinterlegt, Profile könnten verifiziert werden. Der wichtigste Faktor seien jedoch die Bewertungen. Das sei „der größte Hebel“, sagt Tahon. Fahrer und Mitfahrer bewerten sich nach jeder Fahrt gegenseitig. Wer wiederholt negativ auffällt, kann von der Plattform ausgeschlossen werden. Nach Angaben von Blablacar beeinflusst dieses System sogar das Verhalten der Fahrer. Das Unternehmen verweist auf eigene Umfragen, wonach Fahrer vorsichtiger unterwegs seien, wenn sie fremde Passagiere beförderten. „Wenn Fremde in Ihrem Auto sitzen, fahren Sie automatisch besser“, so Tahon. Die Aussicht auf eine spätere Bewertung führe offenbar dazu, dass Fahrer stärker auf ihr Verhalten achteten und Fehler möglichst vermeiden wollten. Vielleicht war genau diese Mischung aus Transparenz und gegenseitiger Bewertung der Grund, warum mir die Situation im Auto so selbstverständlich vorkam. Und wie man vier Stunden mit Fremden ohne große Langeweile verbringen kann, zeigte schließlich Jan. „Leute“, sagte er irgendwann und klappte sein Buch zu, „ich habe keine Lust mehr auf Small Talk. Lasst uns lieber nacheinander einen Song auswählen“. Niemand widersprach. Was ich zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht wusste – und was keine Bewertung verriet –, war die ausgeprägte Vorliebe der anderen Mitfahrer für Techno. Ein Lied war lauter als das nächste, die Bässe dröhnten durch den Wagen. Paul sagte immer weniger, öffnete einen Energydrink nach dem anderen und konzentrierte sich auf die Straße, während die Rauchpausen häufiger wurden. Die Hündin im Kofferraum hob nur gelegentlich den Kopf. Irgendwann, kurz vor Frankfurt, einigten wir uns auf einen Kompromiss. Aus den Lautsprechern lief „Late Night“ als Solomun Remix. So fuhren wir an diesem Freitagmittag laut Musik hörend in die Stadt hinein und siehe da: Irgendwo zwischen Autobahnauffahrt, Techno-Playlist und Wochenendplänen war aus einer Gruppe Fremder für ein paar Stunden so etwas wie eine kleine Reisegemeinschaft geworden.
