FAZ 07.05.2026
15:00 Uhr

Soziologe Daniel Oesch: „Die Mittelschicht könnte zur großen Verliererin der KI-Revolution werden“


Welche Berufsgruppen gehören ökonomisch zu den Gewinnern, welche zu den Verlierern? Wählt die AfD, wer zu wenig verdient? Ein Gespräch mit dem Soziologen Daniel Oesch über Einkommensentwicklungen und ihre Folgen.

Soziologe Daniel Oesch: „Die Mittelschicht könnte zur großen Verliererin der KI-Revolution werden“

Die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland ist in den vergangenen 30 Jahren um gut 20 Prozent gestiegen. Allerdings gibt es große Unterschiede zwischen den einzelnen Bereichen der Wirtschaft. Welche Berufsgruppen haben verloren, welche gewonnen? In ganz Westeuropa hat die Beschäftigung der Höherqualifizierten zugenommen, jene der Niedrigqualifizierten abgenommen. Zu den größten Verlierern zählen Produktionsarbeiter, also Beschäftigte am Fließband oder in der Fertigung, ebenso Kleinunternehmer mit wenigen Angestellten. Die Gewinner wiederum finden sich unter Managerinnen und Beratern, unter technischen Experten wie etwa Architektinnen und Informatikern, aber auch in staatsnahen Berufen, bei Ärzten, Lehrerinnen und Sozialarbeitern. Wie kommt es zu diesen Unterschieden? Die Jobs von Niedrigqualifizierten wurden durch den technologischen Wandel häufiger ersetzt, etwa durch Maschinen, Software und Automatisierung, oder durch die Globalisierung in Länder mit niedrigeren Löhnen verlagert. Höherqualifizierte hingegen konnten dank neuer Technologien ihre Wertschöpfung steigern und wurden dadurch noch wertvoller. Spiegelt sich das auch in der Lohnentwicklung wider? Ja. Die Löhne der Höherqualifizierten stiegen, weil sie auf dem Arbeitsmarkt stärker nachgefragt wurden, während die Löhne der Niedrigqualifizierten stagnierten. Allerdings kommt bei der Lohnentwicklung ein entscheidender Faktor hinzu: Verhandlungsmacht. Wo Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer gut organisiert sind, etwa dank starker Gewerkschaften, fließen Produktivitätsgewinne in breite Lohnerhöhungen, zum Beispiel bei Chemielaboranten. Wo diese Macht fehlt, landen sie eher bei den Aktionären oder bei einer kleinen Gruppe von Spitzenverdienern, wie etwa in der Fleischindustrie oder bei Paketdiensten. Wie erklären sich aber die Lohnzuwächse in Bereichen wie Gesundheit oder Bildung, die auf den ersten Blick weniger stark vom technologischen Fortschritt profitieren? In Deutschland sorgte zuletzt der Fall der Psychotherapeuten für Aufsehen, deren Honorare seit 2013 um mehr als 50 Prozent gestiegen waren und die nun gegen eine Honorarkürzung um 4,5 Prozent protestierten. Produktivitätsgewinne führen nicht nur zu höheren Löhnen und Unternehmensgewinnen, sondern auch zu niedrigeren Preisen. Das stärkt die Kaufkraft aller und kurbelt dadurch indirekt auch jene Bereiche an, die weniger vom technologischen Wandel beeinflusst sind. Gerade für den Gesundheits- und Bildungssektor gilt außerdem: Wo der Staat die Gehälter festlegt, wie bei den Psychotherapeuten durch die Kassenärztliche Bundesvereinigung, spielen weniger Marktmechanismen eine Rolle als politische Entscheidungen. Häufig wird vor einem Schrumpfen der Mittelschicht gewarnt. Zu Recht? Die schrumpfende Mittelschicht ist ein Mythos. Zu diesem Befund kann man nur kommen, wenn man den Begriff so weit fasst, dass alle zur Mittelschicht gehören außer Sozialhilfeempfänger und Spitzenverdiener. Wir haben die Einkommensentwicklung verschiedener Berufsklassen in sechs westlichen Ländern untersucht. Von 1980 bis 2020 ist die Arbeiterklasse überall am stärksten geschrumpft und hat die geringsten Lohnzuwächse erlebt. Das gilt für ungelernte Arbeiter ebenso wie für Facharbeiter. Typische Mittelschichtsberufe wie Pflegefachkräfte und Sonderpädagoginnen, Abteilungsleiter und Juristinnen haben dagegen sowohl beschäftigungsmäßig als auch beim Einkommen gewonnen. Dass sich die Mittelschicht als Verliererin fühlt, stimmt nur im Vergleich zur kleinen, aber einflussreichen Oberschicht, die tatsächlich viel stärker profitiert hat. Doch die wahren Verlierer der vergangenen Jahrzehnte kommen nicht aus der Mittelschicht – es sind die Arbeiter. Zuletzt haben gerade die unteren Einkommensgruppen aber zulegen können. Seit 2020 haben die Niedrigqualifizierten die größten Lohnzuwächse erzielt, größere als die Hochqualifizierten. Woran liegt das? Normalerweise haben Niedrigqualifizierte kaum Verhandlungsmacht, weil es für einfache Tätigkeiten immer genug Bewerber gibt. Das ändert sich schlagartig, wenn der Arbeitsmarkt leer gefegt ist – wie im Aufschwung nach der Pandemie. Plötzlich waren auch Niedrigqualifizierte kaum noch zu haben, und die Arbeitgeber mussten sich mit höheren Löhnen um sie bemühen. Zudem erhielten Niedrigqualifizierte erstmals seit Langem politischen Rückenwind: In einigen Ländern wie Deutschland, Großbritannien oder den USA wurde mehrmals der Mindestlohn erhöht. Und Gewerkschaften setzten Tariferhöhungen durch, die den unteren Lohngruppen überproportional zugutekamen. Sind Einkommensentwicklungen soziologisch heute überhaupt noch so relevant? Oder wird die Gesellschaft mittlerweile nicht stärker durch die Verteilung der Vermögen gegliedert? Einkommen und Vermögen hängen stark zusammen, denn wer gut verdient, kann auch Vermögen aufbauen. Entscheidender aber ist, dass Vermögen für die untere Hälfte der Bevölkerung kaum eine Rolle spielt. 40 Prozent der Haushalte in Deutschland besitzen weniger als 40.000 Euro. Wer etwas mehr hat, besitzt meist nur eine selbst genutzte Immobilie – Vermögen auf dem Papier, aber keine freie Liquidität. Für den Großteil der Leute hängt der Lebensstandard vom Lohn ab. Welche politischen Folgen haben die beschriebenen Entwicklungen? Bei der Bundestagswahl 2025 wählten 38 Prozent der Arbeiter AfD. Liegt das daran, dass die Arbeiter in den vergangenen Jahrzehnten zu den Einkommensverlierern zählten? Das scheint mir weniger eindeutig, als oft vermutet wird. Man kann zwei Konfliktlinien unterscheiden: eine ökonomische und eine kulturelle. Neoliberale wie Marxisten glauben, dass politische Einstellungen vor allem vom Geldbeutel abhängen. Doch ebenso entscheidend sind kulturelle Konflikte – über Migration und die EU, über Multikulturalismus und Religion. Einiges spricht dafür, dass gerade diese Fragen ausschlaggebend sind. Die ersten großen Erfolge erzielten Rechtspopulisten in Europa in reichen, eher egalitären Ländern wie Dänemark, Norwegen, Belgien oder der Schweiz. Selbst innerhalb dieser Länder waren sie häufig in wohlhabenden Regionen besonders erfolgreich, im Speckgürtel um Zürich oder im flämischen Teil Belgiens. Wer den Rechtspopulismus allein ökonomisch erklären will, hat da ein Problem. Aber in Deutschland ist die AfD im strukturschwachen Osten am stärksten. Das stimmt, aber die wirtschaftlichen Unterschiede zwischen Ost und West haben seit den Neunzigern stetig abgenommen, nicht zugenommen. Wäre wirtschaftliche Rückständigkeit allein ausschlaggebend, hätten die Rechtspopulisten schon viel früher erstarken müssen. Außerdem ist die AfD eben auch nicht schwächer geworden, als die Löhne der Arbeiter zuletzt gestiegen sind, unter anderem dank der Mindestlohnerhöhung der Ampelregierung. Der Geldbeutel allein erklärt es nicht. Was können die anderen Parteien also tun? Eine gerechtere Verteilung des Wirtschaftswachstums ist zwar wünschenswert, wird aber die Rechtspopulisten nicht zum Verschwinden bringen. Deren Aufstieg wurzelt in einem tieferen Konflikt, einem Kulturkampf, der sie grundsätzlich den Grünen und der Neuen Linken gegenüberstellt. Für die Sozialdemokratie ist das ein Dilemma: Wenn sie kulturell konservative Positionen übernimmt, gewinnt sie vielleicht Wähler bei den Arbeitern, verliert sie aber in der progressiven Mittelschicht. Ihre besten Erfolgschancen hat sie daher trotz aller Kulturkämpfe, wenn sie glaubwürdig auf Wirtschafts- und Sozialpolitik setzt, wo sich Alte und Neue Linke treffen. Nun erleben wir den nächsten großen technologischen Wandel mit dem Aufstieg der Künstlichen Intelligenz. Wer wird davon profitieren und wer nicht? Der Aufstieg der KI könnte die Entwicklung tatsächlich grundlegend verändern. Bisher hat Technologie vor allem einfache, repetitive Jobs ersetzt. KI setzt höher an: Bürojobs könnten bis hinauf zur Ebene der Sachbearbeiter, Analysten oder Juristen unter Druck geraten. Das sind zum Beispiel klassische Einstiegsstellen für Studienabgänger. Persönliche Dienstleistungen und handwerkliche Berufe dürften dagegen sicherer bleiben: KI ersetzt keine Altenpflegerinnen oder Klempner. Hoch qualifizierte Manager und Spezialisten wiederum werden die KI nutzen, um noch produktiver zu werden. Viel davon ist Spekulation – aber in diesem Szenario könnte ausgerechnet die Mittelschicht zur großen Verliererin der KI-Revolution werden. Daniel Oesch ist Professor für Wirtschaftssoziologie an der Universität Lausanne.