FAZ 27.07.2026
10:50 Uhr

Seit 50 Jahren: Wie ein Arztpraxen-Schuh zum Sommerhit wurde


Bevor das Modell Boston von Birkenstock zum Sommertrend wurde, war es der Schuh Nummer eins für medizinisches Fachpersonal. Der Grund dafür könnte im Jahr 1976 liegen.

Seit 50 Jahren: Wie ein Arztpraxen-Schuh zum Sommerhit wurde

Die Farbwahl war wohl ein Glücksgriff. Sein neues Modell brachte Birkenstock im Jahr 1976 in drei Farben auf den Markt. Den Clog-Schuh mit einer Kork- anstelle der Holzsohle gab es in Hellbraun, Dunkelbraun und Weiß, jeweils zum Preis von 59 D-Mark für die Modelle der Größen 35 bis 40 und konsequenterweise, weil mehr Material gebraucht wurde, 67 D-Mark für die Modelle der Größen 41 bis 45. In diesem Sommer ist der Schuh, trotz der mittlerweile größenunabhängigen 155 Euro aufwärts pro Paar, im Mainstream angekommen. Gut drei Jahre hat es gedauert, in denen der Boston von der Stilsünde zum beliebten Sommerschuh für Millennials und die Generation Z wurde. Zumindest für jenen Teil der Bevölkerung, der zuvor an heiteren Tagen Birkenstock-Arizona-Sandalen mit zwei Riemen trug und an bedeckteren Sneaker von Adidas, Autry oder New Balance. In den Jahren nach 1976 mag er in den beiden Brauntönen insbesondere in Amerika die Klientel angesprochen haben, die sich bewusst von Markenturnschuhen fernhielt: Hippies oder Menschen, die es gerne gewesen wären. Dort – wie hier – hatte das medizinische Fachpersonal mit dem Boston in Weiß aber auch auf einmal seinen Schuh. Geschenkt, dass der Birkenstock-Clog schnell in anderen Farben aufgelegt wurde und dass mit Beginn des neuen Jahrtausends auch der Croc aus Plastik mit Modellen in Batikoptik-Lila seinen Siegeszug durch Kliniken und Arztpraxen antrat. Einer der ersten Birkenstock-Bostons war weiß und damit in seinem natürlichen Umfeld gesetzt. Diese geschlossene, halbschuhähnliche Schlappe stand also vor allem wegen der Farbgebung für zwei recht unterschiedliche Lebensgefühle. Das Unternehmen muss das früh erkannt haben: Hier die Freigeister, die sich vor ehrwürdigen Gebäuden und auf Backsteinmauern am Dasein auf Erden erfreuen, gerne zu zweit, offenbar gleichgestellt, was dem Boston in Braun 1999 denn auch einen Auftritt in „Notting Hill“ bescherte. Eben in der Szene, als der amerikanische Filmstar Anna Scott, alias Julia Roberts, sich auf ein normaleres Leben mit dem Buchverkäufer William Thacker, alias Hugh Grant, einlässt. Und auf der anderen Seite stand das medizinische Personal, insbesondere die Ärzteschaft, die selbst im Boston in Weiß begehrenswert ist, während Birkenstock in seiner Werbung die von Ärzten begehrten Frauen interessanterweise in unbequemen High Heels danebenstellt. Die Anzeigenzeile dazu lautete: „So this was comfort … for whatever journey lay ahead.“ – So also sah Komfort aus... für jede Reise, die vor ihm lag. (Es waren die späten Siebziger und anbrechenden Achtziger, und Männern wurde von der Werbung damals gerne vermittelt, sie wären Frauen überlegen.) Immerhin, das Hippie-Narrativ ist mittlerweile in puncto Birkenstock-Boston das gängigere. Männer wie Frauen schlappen in diesen Schuhen meist in Wildlederbrauntönen durch den Sommer – selbst wenn ihr Leben von inneren und äußeren Zwängen geprägt ist.