FAZ 18.08.2026
09:27 Uhr

Saline in Bad Nauheim: In Bad Nauheim liegt Salz in der Luft


Die Gradierbauten im Kurpark sind Denkmäler im Dienst der Gesundheit. Jetzt wird eines anderthalb Jahre lang saniert. Auch das Inhalatorium schließt länger.

Saline in Bad Nauheim: In Bad Nauheim liegt Salz in der Luft

Einen Tag am Meer zu verbringen, das ist in Bad Nauheim nicht wirklich möglich. Salzhaltige Luft atmen, das kann man in der Wetterauer Kurstadt aber schon, und zwar beim Spaziergang rund um eines der Gradierwerke. Denn über deren mit Schwarzdorn gefüllte Wände rieselt Solewasser, wodurch sich bei der Verdunstung salzhaltige Tröpfchen bilden, die durch Luftbewegungen verweht werden. Diese Aerosole reinigen und befeuchten die Atemwege. Ursprünglich zur Salzgewinnung für die Bad Nauheimer Saline errichtet, dienen die teils mehr als hundert Meter langen und rund zehn Meter hohen Wände heute der Gesundheit. Wie früher bedürfen diese Wahrzeichen Bad Nauheims regelmäßiger Pflege und immer wieder der Sanierung, weil ihnen Feuchtigkeit und Minerale zusetzen.  Flicken von Schwarzdorn und Stützbalken da und dort gehören zu den Instandsetzungsarbeiten. Wenn es damit nicht mehr getan ist, muss das ganze Bauwerk umfassend saniert werden, wie jetzt das Gradierwerk I. Nach Worten von Steffen Schneider, Fachbereichsleiter des städtischen Kur- und Servicebetriebs, hält der Schwarzdorn durchschnittlich etwa 25 Jahre, die Holzkonstruktion je nach Beanspruchung 50 bis 60 Jahre. Das Großprojekt beginnt im September und erstreckt sich bis 2028. Gut zweieinhalb Millionen Euro muss die Stadt dafür aufbringen, sie kann aber auf finanzielle Unterstützung setzen. Weil es sich bei diesen Gradierwerken um bedeutende Bauten zur Industrie- und Bädergeschichte handelt, wurden für die Sanierung von Gradierbau I gut eine Million Euro aus dem Denkmalschutz-Sonderprogramm des Bundes sowie weiteres Geld aus dem Landesfördertopf zum Erhalt von Kulturdenkmälern bewilligt. Wie es aus dem Rathaus heißt, wird zunächst eine Baustraße für den Transport von Material und Baugeräten eingerichtet. Parallel dazu werden die einzelnen Gewerke ausgeschrieben, vom Gerüstbau über den Abbruch und die Entsorgung bis zu den Holz- und Bedornungsarbeiten. Los geht es mit dem Entfernen des an vielen Stellen verkrusteten Schwarzdorngeästs, das in einer Kompostierungsanlage entsorgt werden soll. Danach machen sich Handwerker daran, sämtliche Balken der Holzkonstruktion auszubessern oder zu ersetzen, wenn dies nicht mehr möglich ist. Auch die technischen Einrichtungen der Pumpanlagen werden überprüft und ausgebessert. Im letzten Schritt steht das Wiederbefüllen der Wände an. In einer speziellen Technik werden die Zweige so gebündelt, dass die Sole bestmöglich rieseln kann. Erleichterung bei Bronchitis, Asthma und Allergien Das Rohmaterial kommt von Schwarzdornplantagen aus zertifizierten Anbaugebieten. Aus welcher Region genau, stehe erst nach Sichtung der Ausschreibung fest, heißt es im Rathaus. Die Stadt lässt außerdem das dem Gradierbau I angegliederte Inhalatorium umbauen, um dort mehr Plätze für Besucher zu schaffen und die technischen Einrichtungen auf den neuesten Stand zu bringen. Ziel ist es, künftig einen ganzjährigen Betrieb des Inhalatoriums zu ermöglichen. Dort ist die Wirkung der Aerosole noch intensiver, als wenn man nur vor den Wänden steht. Mithilfe von Kompressoren wird dort die Luft in einer Kammer verwirbelt, sodass die Aerosole bis in die kleinsten Äste der Bronchien vordringen können. Was nicht nur Menschen mit Bronchitis, Asthma und Allergien zugutekommt, sondern auch von vielen gesundheitsbewussten Gästen geschätzt wird. Alle diese Arbeiten machen es laut Stadtverwaltung erforderlich, das Areal um das Gradierwerk I in der Grünanlage an der Zanderstraße am Rande der Innenstadt das ganze nächste Jahr zu sperren, einschließlich Liegewiese und Inhalatorium. Bis Mitte 2028 sollen die Arbeiten beendet sein. Dass sich die früheren Salinenbetreiber zum Bau aufwendiger Anlagen entschlossen, hat mit dem vergleichsweise niedrigen Salzanteil der in Bad Nauheim geförderten Sole zu tun. Weil die Vorräte an Brennmaterial für herkömmliche Siedeverfahren immer wieder knapp wurden, besann man sich aufs Gradieren, um einen höheren Salzgehalt durch Verdunsten zu erzielen. Zunächst entstanden sogenannte Leckwerke, mit Stroh und Lehm gefüllte Wände. Später ließ sich die Sole mit Pumpen, angetrieben durch Wasserräder und Windkraft, auf noch höhere Gradierbauten befördern. Zu entscheidenden Verbesserungen führte die Dorngradierung. Man hatte herausgefunden, dass die feinen Verzweigungen des Schwarzdorns besonders gut für die Tröpfchenbildung sind und das Holz der Sträucher mit permanenter Feuchtigkeit, Salz und Frost vergleichsweise gut zurechtkommt. Während der Blütezeit der Bad Nauheimer Saline im 18. und 19. Jahrhundert wurde die Sole auf 23 Gradierbauten mit einer Gesamtlänge von fast vier Kilometern Länge gefördert. Mit der so im Salzgehalt gesteigerten Sole gewannen die Salinenbetreiber jährlich bis zu 5000 Tonnen des Minerals. Erst Mitte des vergangenen Jahrhunderts war die Rentabilität so weit gesunken, dass die Saline ihren Betrieb einstellte. Erhalten geblieben sind in Bad Nauheim fünf Gradierbauten, wobei es sich bei der größten dieser Wände um eine Doppelkonstruktion handelt. In unseren Tagen werden sie von Einheimischen, Kurgästen und Besuchern gleichermaßen als eine Art Freiluft-Inhalatorium geschätzt.