FAZ 01.08.2026
20:53 Uhr

Ruth-Maria Thomas: Der Taschenrechner im Herz


Sie hat Schulden, er verwaltet Vermögen: „Die zweitgrößte Liebe“, der zweite Roman von Ruth-Maria Thomas, ist die kluge Geschichte einer Liebe über soziale Unterschiede hinweg.

Ruth-Maria Thomas: Der Taschenrechner im Herz

Drei Schritte von links nach rechts, vier von oben nach unten. So groß ist Michelles Hamburger Wohnung. Sie kennt die Maße, weil sie alle Zahlen kennt: den Kontostand, die Miete, die 20.000 Euro, die noch offen sind. Wer wenig hat, rechnet ständig. Wer viel hat, merkt nicht einmal, dass er nicht rechnet. „Die zweitgrößte Liebe“, der zweite Roman von Ruth-Maria Thomas, ist die Geschichte von Michelle und Henry, und sie beginnt mit ihrem Ende. Man liest also von der ersten Seite an mit dem Verdacht, dass etwas zerbrochen ist, und damit genauso, wie Michelle lebt: Der schlechte Ausgang ist schon eingepreist. Michelle, Anfang dreißig, ist bei einer alleinerziehenden Mutter aufgewachsen, die viel gearbeitet hat, und trotzdem fehlte immer das Geld. Während ihrer Ausbildung klaut Michelle Essen im Supermarkt, um sich Schminke leisten zu können. Danach: ein Schmuckladen in der Lausitz, dann die Insolvenz und die Schulden. Sie erträgt es nicht, in ihrer Heimat die Gescheiterte zu sein, und zieht nach Hamburg. Dort arbeitet sie an der Rezeption eines Luxushotels und stiehlt Essensreste vom Zimmerservice-Wagen. Sie kalkuliert den Wert von allem Bei der Arbeit bedient Michelle Gäste aus einer Welt, zu der auch Henry gehört. Er ist Vermögensverwalter, aufgewachsen in einer wohlhabenden Akademikerfamilie. Eines Abends spricht er sie vor dem Hotel an. Ob sie noch etwas vorhabe? „Saure Apfelringe essen und zu ein paar Youtube-Videos von Ryan Gosling masturbieren.“ Er fragt nach ihrer Nummer, sie nimmt lieber seine. Was folgt, ist eine Liebesgeschichte. Ruth-Maria Thomas, 1993 geboren, wuchs in Cottbus auf, war Sozialarbeiterin und studierte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Ihr Debüt „Die schönste Version“ (2024) handelte von Gewalt in einer Beziehung, wurde ein Riesenerfolg und war für den Deutschen Buchpreis nominiert. Michelle spielte darin eine Nebenrolle. Jetzt bekommt sie ihre eigene Geschichte. Die Stärke des Romans liegt in der Buchführung, die Thomas ihrer Heldin in den Kopf legt. Henry bietet Michelle ein finanziell sorgenfreies Leben. Doch sie kalkuliert den Wert jedes Geschenks. Als er ihr zu Weihnachten ein Schmuckkästchen reicht, rasen ihre Gedanken – echte Steine? Wie viel könnte sie damit von den Schulden tilgen? Im Kästchen liegt ein Schlüssel, sie soll bei ihm einziehen, und während er auf eine Antwort wartet, rechnet sie weiter: Gibt sie ihre Wohnung auf und trennen sie sich später, findet sie nie wieder ein so billiges Zimmer. Thomas erzählt das aus beiden Perspektiven, und sie tut es fair. Michelle sorgt sich, dass sie „irgendwann nicht mehr unterscheiden kann, ob sie Henry wegen der Schuhe liebte oder wegen seines schönen Herzens“. Und Henry, der sie aufrichtig liebt, denkt, sie könne es sich eigentlich nicht leisten, ihn nicht zu lieben. Beiden fehlt das Verständnis für die Welt des anderen. „Wie fühlt es sich eigentlich an, so abgesichert zu sein?“, fragt Michelle ihn eines Tages. Er hat noch nie darüber nachgedacht. „Und was ist das für ein Gefühl . . . Existenzangst zu haben?“, fragt er zurück. Er kennt niemanden, der so viel über Geld redet wie sie. Sie niemanden, der so wenig darüber redet wie er. Sich um Michelle zu kümmern, gibt Henry das Gefühl, gebraucht zu werden. Seinen Freunden stellt er sie als Künstlerin vor. Mit ihm, findet er, könnte sie aus Leidenschaft Schmuck machen, statt aus Not im Hotel zu arbeiten. „Er brauchte sie, damit es funkelte, und sie brauchte ihn, um ungestört funkeln zu können“, denkt er und sucht hinter ihrem Rücken nach Räumen für einen neuen Schmuckladen. Als er ihr eine Reise nach Rom schenkt, streiten sie; als er ihr einen Antrag macht, fühlt sie sich in die Ecke gedrängt. Wie soll sie herausfinden, was sie fühlt, wenn alles betäubt ist von der Verlockung, nie wieder Angst vor Geldnot haben zu müssen? Am klügsten ist der Roman dort, wo er die Scham umverteilt. Man erwartet sie bei der Verschuldeten, aber Michelle steht zu ihren 20.000 Euro Minus und hat kein Problem damit, Henry in ihre Drei-mal-vier-Schritte-Wohnung zu bitten. Er dagegen erfindet Ausreden, um sie nicht in seine Eigentumswohnung mit den maßgefertigten Möbeln einzuladen, fährt mit dem Taxi zu ihr und steigt zwei Straßen früher aus, damit sie ihn nicht ankommen sieht. Henry denkt, sie schäme sich. Aber sie schämt sich nicht. Nicht alles daran ist neu. Die Konstellation – arme Frau, reicher Mann, Klassenscham – ist ein Genre für sich. „Die zweitgrößte Liebe“ ist aber auch kein Ableger: Ruth-Maria Thomas erzählt hier eine neue Geschichte, auch wenn man Michelle schon aus ihrem Debütroman kennt. Im neuen Buch legt sich die Autorin mit Henry eine zweite Perspektive zu, die sie ernst nimmt. Und erzählt von beiden mit einem solchen Gespür für Details, dass daraus eine eigene Dringlichkeit entsteht. Ruth-Maria Thomas, „Die zweitgrößte Liebe“. Roman. dtv, 304 Seiten, 24 Euro.