Als Andrew Parsons am vergangenen Freitag in der Arena von Verona die 50. Paralympischen Winterspiele eröffnete und von einer „neuen Generation von Helden“ oder dem „unendlichen menschlichen Potenzial“ sprach, war der Schaden schon längst angerichtet und gut sichtbar. Der Chef des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC) sprach seine Worte nicht nur in einer Arena, die lediglich in Teilen gefüllt war. Auch beim Aufmarsch der Para-Athleten kurz davor waren mehrere Länder, darunter Deutschland, aus Protest nicht vertreten. Der Grund für den Boykott der Nationen und, wenn man den örtlichen Helfern glauben mag, auch eines Teils des Publikums, war die Anwesenheit der russischen Para-Athleten, die dank der Entscheidung des IPC vom September wieder unter eigener Flagge antreten durften. Wer ist ein guter, wer ein schlechter Soldat? Dabei hat sich an der verzweifelten Lage der Ukrainer, die seit dem russischen Überfall kurz vor Beginn der Paralympischen Winterspiele in Peking vor vier Jahren ums Überleben kämpfen, gar nichts verändert. Was sich verändert hat, ist die Haltung des IPC. Während Parsons 2022 noch in seiner Paralympics-Eröffnungsrede in China betonte, dass er vom Weltgeschehen „erschüttert“ sei, ohne die ukrainischen Opfer und russischen Täter beim Namen zu nennen, hatte Putins Invasion auf den Nachbarstaat zumindest zur Folge, dass die Para-Athleten, die Russland repräsentieren, sanktioniert wurden und lediglich unter neutraler Flagge antreten durften. Diese Brandmauer ist seit der Entscheidung auf der Generalversammlung des IPC im vergangenen September längst gefallen. Parsons goss dabei weiter Öl ins Feuer, nachdem er kürzlich während eines Interviews mit der BBC durchsickern ließ, dass man auch russischen Veteranen aus dem Ukrainekrieg den Zugang zu den Spielen nicht verwehren würde. Sprich: Soldaten, die aktiv am Leid in der Ukraine mitverantwortlich sind. Gegenüber der F.A.Z. hieß es seitens des IPC dazu: „Es ist nicht Aufgabe des IPC zu entscheiden, wen die Welt als ‚guten Soldaten‘ und wen als ‚schlechten Soldaten‘ ansieht – dafür sind die Gerichte zuständig. Für uns sind sie Sportler.“ Weiter hieß es, die paralympische Bewegung sei 1948 als Instrument zur Rehabilitation von verwundeten Veteranen des Zweiten Weltkriegs gegründet worden und seit den ersten Paralympics 1960 würden Soldaten, die im Kampf verwundet wurden, an den Spielen teilnehmen. Das solle so bleiben: „Bei allen Paralympischen Spielen führt das Gastgeberland Hintergrundüberprüfungen aller Personen durch, die eine Akkreditierung beantragen, um zu entscheiden, wer an den Spielen teilnehmen darf und wer nicht.“ Parsons stellte in seinem Gespräch mit der BBC klar, dass es ihm und dem IPC egal sei, was die Para-Athleten als Soldaten „in der Vergangenheit auf dem Schlachtfeld getan haben“. Zwar seien Kriegsverbrechen natürlich etwas anderes, „aber was wir mit dieser Bewegung anbieten, ist eine zweite Chance“. Dabei wälzt das IPC die Verantwortung, wer diese erhält, auf die Austragungsländer ab. Das dürfte vor allem beim Ausrichter der Paralympics 2028, den USA, zu einer problematischen Situation führen. Denn die Regierung in Washington erkennt den Internationalen Strafgerichtshof, der Verbrechen wie Völkermord, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verfolgt, nicht an. Nicht nur Angehörige der russischen Armee, der zahlreiche Verbrechen zur Last gelegt werden, dürften dann theoretisch mitmachen. Das IPC hätte damit jedenfalls in diesem Fall kein Problem. Kritik vom ukrainischen Verband Von ukrainischer Seite sorgte diese Position für Entrüstung. „Ich habe einige Nachrichten russischer Soldaten gelesen, die sie an ihre Familien geschrieben haben“, sagte der Vorsitzende des ukrainischen Paralympischen Komitees, Walleri Suschkewytsch, gegenüber der F.A.Z. „In einem Schreiben brüstet sich ein russischer Soldat: ‚Gestern habe ich einem ukrainischen Gefangenen die Ohren abgeschnitten.‘ Als Antwort schrieb die Mutter: ‚Mein Sohnemann, das hast du gut gemacht.‘ In einem anderen, furchtbaren Schreiben las ich, wie ein Soldat stolz seiner Frau erzählte, dass er eine Frau und ihre zwei Töchter in einem besetzten Ort auf der Straße erschossen habe. Mister Parsons, ich lade Sie gerne dazu ein, diese Briefe zu lesen.“ Parsons und das IPC würden sich zwar auf die Ursprünge der paralympischen Bewegung berufen, die als Hilfe für versehrte Soldaten durch Sport entstanden sei. Suschkewytsch verwies darauf, dass der treibende Gedanke dahinter die Unterstützung von Soldaten gewesen sei, die ihre Heimat gegen den Faschismus verteidigt haben. „Mister Parsons mag es egal sein, dass ein russischer Soldat auf dem Podium bei den Paralympics steht. Aber für einen ukrainischen Para-Athleten, dessen Mutter, Ehefrau oder Tochter getötet wurde, ist es das nicht“, sagte Suschkewytsch. „Wir fürchten uns nicht, dass frühere Soldaten Russlands zu den Paralympics zurückkehren. Denn wir stehen für die paralympischen Werte ein. Wenn aber Mitglieder des russischen Parlaments laut dazu aufrufen, dass man bald in Deutschland mit Soldaten einmarschieren werde, möchte ich Mister Parsons daran erinnern, dass sich die IPC-Zentrale in Bonn befindet.“ Russland macht indes kein Geheimnis daraus, dass verletzte Soldaten aus dem Krieg gegen die Ukraine als Para-Athleten für die Sportfront „recycelt“ werden. Im Rahmen des groß angelegten staatlichen Programms „Wir sind zusammen – Sport“ unterstützte das Paralympische Komitee Russlands mit Geld und Know-how Kriegsveteranen, „die im Rahmen ihrer militärischen Aufgaben in der Ukraine schwere Verletzungen und Behinderungen erlitten haben“. Auf diese Weise wurden bereits Hunderte verwundete russische Veteranen durch Sport aktiv gefördert. Darunter etwa Tsedin Geninow, der im Angriffskrieg gegen die Ukraine sein Bein verloren hat. „Viele Leute stellen mir diese Frage: ‚Hast du keine Angst? Du bist doch ein Kriegsveteran und hast an der Speziellen Militärischen Operation teilgenommen. Wirst du in Europa zum Beispiel nicht als Kriegsverbrecher angesehen?‘“, erzählte der Para-Bogenschütze in einem Video in sozialen Medien und konterte: „Nun, wenn einer Angst vor Wölfen hat, dann soll er dem Wald fernbleiben.“ Worontschichinas „Gefühl des Stolzes“ Bei den aktuellen Paralympics sind bislang noch keine Kriegsveteranen vertreten. Die russischen Para-Athleten, die anwesend sind, erzielten bereits Erfolge, mit denen sich ihr Heimatland schmücken kann, etwa im Para-Ski-Alpin, wo Warwara Worontschichina am Montag im Super-G für Russland die erste Goldmedaille bei den Paralympics unter eigener Flagge seit den Heimspielen von Sotschi 2014 bescherte. Das erste Mal seit zwölf Jahren ertönte damit auch die russische Nationalhymne: „Ehrlich gesagt ist es sehr ungewohnt, dass man nicht mehr daran denken muss, dass irgendwo ein Symbol angebracht ist und es dafür Probleme oder Sanktionen geben könnte“, sagte Worontschichina gegenüber russischen Medien. „Es ist wirklich ein Gefühl des Stolzes.“ Auch die Ukrainer haben mit mittlerweile zehn gewonnenen Medaillen in den ersten beiden Tagen der Spiele, darunter dreimal Gold, einen erfolgreichen Start erlebt. Dessen ungeachtet sieht Suschkewytsch in der Rückkehr der Russen bei den Spielen und einer künftigen Teilnahme russischer Veteranen ein sichtbares Zeichen für einen inneren Zerfall der Paralympics: „Viele Jahre lang haben wir behauptet, dass die Paralympische Bewegung ein großer Fortschritt der Menschheit sei“, sagte er auch im Hinblick auf die Eröffnungsrede von Parsons nur wenige Tage zuvor. „Heute wissen wir, dass es nicht mehr der Fall ist.“
