FAZ 24.09.2026
15:50 Uhr

Remmo-Clan: „Es gibt keinen Polizisten in Berlin, der nicht die Familie Remmo kennt“


Seitdem Issa Remmo auf einer Wahlparty der Linken in Neukölln auftauchte, bekommt der Clan viel Aufmerksamkeit. Wer sind die Remmos – und was könnten sie von der Linken wollen?

Remmo-Clan: „Es gibt keinen Polizisten in Berlin, der nicht die Familie Remmo kennt“

Dass Issa Remmo auf einer Wahlparty der Linken in Neukölln auftauchte, passt ins Bild. Der Remmo-Clan sucht immer wieder die Öffentlichkeit, obwohl das ungewöhnlich für eine Familie ist, die von der Polizei in Teilen dem kriminellen Clan-Milieu zugeordnet wird. Auch Benjamin Jendro von der Gewerkschaft der Polizei in Berlin sagt, dass im Bereich der organisierten Kriminalität „Publicity eigentlich nicht gut für das Geschäft“ sei. Die Remmos seien seit jeher einen anderen Weg gegangen. Jendro deutet deren öffentliche Auftritte als den Versuch, den eigenen Einfluss zu demonstrieren und den Eindruck zu erwecken, dass der Rechtsstaat sie kaum nachhaltig stoppen könne. Die Großfamilie kam in den 1980er-Jahren aus Libanon nach Berlin und soll heute mehrere Hundert Mitglieder haben. Vor allem junge Männer wurden wegen zahlreicher Verbrechen und Gewalttaten als Verdächtige gefasst und verurteilt. Angehörige des Remmo-Clans wurden wegen des Diebstahls einer 3,75 Millionen teuren Goldmünze aus dem Berliner Bode-Museum und wegen des Einbruchs in das Dresdner Grüne Gewölbe verurteilt. Auch mit Gewalt machten einzelne Familienmitglieder Schlagzeilen: Das Landgericht Frankfurt am Main etwa verurteilte im vergangenen Jahr drei Geschwister des Remmo-Clans zu Bewährungsstrafen. Nach Überzeugung des Gerichts hatten sie den Nochehemann einer der Angeklagten in der Wohnung der Frau festgehalten, ihn zusammengeschlagen und mittels des sogenannten Waterboardings gefoltert. Issa Remmo sei die „schillerndste Figur“ der Großfamilie „Es gibt keinen Polizisten in Berlin, der nicht die Familie Remmo kennt“, sagt Jendro. Das bedeute nicht, dass sie die mächtigste Familie in der Hauptstadt sei – so etwas sei im Bereich organisierter Kriminalität ohnehin schwer zu sagen. Große öffentliche Aufmerksamkeit bekamen die Remmos auch im Jahr 2018, als die Berliner Staatsanwaltschaft Dutzende Immobilien der Familie vorläufig sicherstellte, weil der Clan nicht nachweisen konnte, wie sie finanziert worden sind. Zum Teil sind die Gerichtsverfahren um die endgültige Einziehung noch nicht abgeschlossen. In einigen Fällen sind Objekte inzwischen in das Eigentum des Landes Berlin übergegangen. Jendro bezeichnet Issa Remmo als die „schillerndste Figur“ der Großfamilie, denn er lege sich auch öffentlichkeitswirksam mit Sicherheitsbehörden oder Journalisten an. „Issa Remmo stand zwar schon mehrfach vor Gericht, wurde aber bis heute nie verurteilt, was angesichts der vielen Beleidigungen in Richtung unserer Kollegen eigentlich unfassbar ist“, sagt Jendro. „Wir reden aber über einen Mann, dessen Söhne mehrfach für schwere Straftaten juristisch zur Verantwortung gezogen wurden.“ Issa Remmo habe mehr als ein Dutzend Kinder, ob er heute wirklich noch das Sagen innerhalb der Familie habe, sei nicht klar. Clans veränderten sich, Angehörige von Großfamilien arbeiteten in einer jüngeren Generation bei einzelnen Straftaten auch familienübergreifend zusammen. In den vergangenen Jahren sei der Remmo-Clan zudem nicht mehr so auffällig gewesen, weil einzelne prägende Familienmitglieder zwischenzeitlich inhaftiert gewesen seien. Im vergangenen Jahr machte Issa Remmo Schlagzeilen, als er als Teilnehmer einer angemeldeten Besuchergruppe im Berliner Abgeordnetenhaus war, wie zunächst der „Tagesspiegel“ berichtet hatte. Ein CDU-Politiker hatte die Gruppe eingeladen, der daraufhin angab, nichts Genaues über die Gäste gewusst zu haben. Die Linke geht auf Distanz Zum aktuellen Fall äußerte sich die Linke noch am Wahlabend. „Er war nicht eingeladen und wurde wieder rausgeschickt“, sagte Linken-Spitzenkandidatin Elif Eralp am Sonntagabend im ZDF. Auch die Linke in Berlin-Neukölln betonte nach Issa Remmos Besuch, dass es weder politische noch persönliche Beziehungen zu Remmo gebe – auch ungeladene Personen hätten Zutritt zu der öffentlichen Veranstaltung gehabt. Für Aufsehen sorgten aber noch zwei weitere Punkte: Der „Berliner Morgenpost“ sagte Issa Remmo, dass er sich in Deutschland erstmals von einer Partei unterstützt fühle. Und am Sonntagabend veröffentlichte sein Sohn Firas Remmo Screenshots eines Chatverlaufs mit einem Bundestagsabgeordneten der Linken, Ferat Koçak. Der bezeichnete den Chatkontakt als Fehler und zieht sich vorerst aus der Öffentlichkeit und dem Innenausschuss des Bundestags zurück. Auf der Plattform X schrieb Koçak am Montag: „Die Berichte über Chatverläufe zwischen mir und Firas Remmo haben die Öffentlichkeit verunsichert. Zu Recht: Kontakte von Mandatsträgern zu Personen, die der organisierten Kriminalität zugerechnet werden, sind durch nichts zu rechtfertigen.“ Nach Ansicht Jendros könnte Firas Remmo durch die Veröffentlichung von Chatverläufen mit Koçak zeigen wollen, dass man Einfluss auf Machtstrukturen im Land habe – und es selbst ihm als Sohn einer diffamierten Clanfamilie gelinge, Kontakt zu einem Abgeordneten der Partei zu haben, die nun in Berlin die meisten Stimmen bekam. Aus Jendros Sicht muss sich die Linke fragen: „Warum ziehen wir denn solche Leute an? Und wie gehen wir gegen so etwas vor?“ Wer in Berlin die Regierungsverantwortung übernehmen wolle, müsse beweisen, dass er sich klar von organisierter Kriminalität distanziere, nicht nur durch Lippenbekenntnisse, sondern Taten.