Manchmal ist ein Galopprennen schon am Start verloren: Als sich die Startboxen in der 48. Kronimus Badener Meile öffneten, blieb der fünfjährige New Emerald kurz stehen und kam nie so richtig in Gang. Am Ende reichte es im mit 55.000 Euro dotierten Hauptereignis zum Auftakt des Frühjahrs-Meetings auf der Galopprennbahn in Iffezheim bei Baden-Baden nur zum sechsten und letzten Rang – gut zehn Pferdelängen hinter dem überlegenen Sieger aus Frankreich, Sir Tommy Cen. „Das Geläuf war für New Emerald nicht weich genug“, urteilte sein Trainer Marcel Weiß anschließend. Ein kleiner Dämpfer für den Mülheimer Coach und seinen neuen Stalljockey Sibylle Vogt, die ansonsten von Erfolg zu Erfolg reiten. In der noch jungen Saison haben sie mit New Emerald, Alleno und Lordano bereits drei Gruppe-Rennen gewonnen. Die internationalen Gruppe-Prüfungen sind maßgeblich im Galoppsport, vergleichbar mit den Europapokal-Wettbewerben im Fußball, abgestuft in den Kategorien Gr.I bis Gr.III. „Ein Gruppe-I-Sieg fehlt noch – egal in welchem Rennen“, sagt die einunddreißigjährige Sibylle Vogt über ihre Ziele. „Einen gesunden Ehrgeiz und die Bereitschaft, immer weiter dazuzulernen“, assistiert Weiß der Schweizerin, die ohne Frage die bislang erfolgreichste Rennreiterin in der mehr als 200 Jahre alten Geschichte des deutschen Galoppsports ist. Mehr als 400 Siege belegen dies. „Das Reiten habe ich von meinem Vater gelernt“, sagt Vogt. „Meine Eltern hatten aber mit dem Rennsport nichts zu tun. Der Kontakt zu den Rennen kam über ‚Fuchsjagden‘ mit meinem Pony in der Schweiz.“ Seit 2016 reitet sie in Deutschland. Zuerst zwei Jahre lang für den mehrfachen Championtrainer Markus Klug, dann ging sie zu Carmen und Georg Bocskai nach Iffezheim, bei denen sie in der Schweiz ihre Ausbildung zur Rennreiterin absolviert hatte. „Sie waren sehr gute Lehrmeister, haben die Rennen per Video mit mir angeschaut und mich konstruktiv korrigiert.“ Sechsmonatige Rennsperre wegen Dopings 2019 gewann sie für Bocskai auf Winterfuchs ihr erstes Gruppe-Rennen. 2020 holte sie sich sensationell gegen berühmte männliche Konkurrenz wie Frankie Dettori, Mike Smith oder Olivier Peslier den internationalen Jockey-Wettbewerb in Saudi-Arabien. 2021 gewann sie als erste Reiterin in Europa eines von nur vier sogenannten klassischen Rennen, die dreijährigen Pferden vorbehalten sind – die German 1000 Guineas (Gr.II) mit der Stute Novemba. Doch es gab auch Rückschläge: im Sommer 2022 nach zwei Stürzen eine längere Verletzungspause und im Vorjahr dann eine sechsmonatige Rennsperre wegen Dopings. „Es war ein derber Schlag für meine Karriere, aber es gibt noch mehr als das – Freunde, Familie, Dinge, die oft zu kurz gekommen sind“, sagt Vogt über diese schwierige Zeit. In Frankreich wurde ihr Kokain nachgewiesen, sie erklärte, sie habe die verbotene Substanz durch sexuellen Kontakt zu ihrem Partner aufgenommen. Im Gegensatz zu ähnlich gelagerten Fällen in anderen Sportarten wirkte sich das aber nicht strafmildernd aus. „Ans Aufhören habe ich nicht gedacht“ „Während der Sperre habe ich meine Arbeit gemacht, am Stall von Peter Schiergen morgens die Pferde im Training geritten, bin aber von den Rennplätzen ferngeblieben, habe mich zurückgezogen“, so Vogt. „Ans Aufhören habe ich nicht gedacht. Denn ich höre nicht auf, wenn andere das sagen.“ Ende November dann das Comeback und wenige Monate später der Wechsel von Köln an den Diana-Stall in Mülheim, wo Marcel Weiß unter anderem Torquator Tasso trainiert hat – 2021 Sieger im wichtigsten Galopprennen Europas, dem Prix de l’Arc de Triomphe. „Man kann nicht besser einsteigen, es ist eine grandiose Zusammenarbeit mit einem tollen Team“, lobt Vogt ihre neue Arbeitsstätte. „Marcel und ich haben dieselben Ideen, und die Kommunikation passt. Ich genieße, wie es gerade läuft.“ Am Diana-Stall ist Vogt fest angestellt, um vier Tage in der Woche die Pferde im Training, der sogenannten Morgenarbeit, zu reiten. Hinzu kommen die Rennen, für die es Reitgeld gibt – 90 Euro pro Ritt und die Erfolgsprämie von üblicherweise fünf Prozent des gewonnenen Preisgeldes. An einem Renntag wie in Iffezheim sitzt Vogt mehrmals im Sattel, nicht nur für Marcel Weiß, sondern auch für andere Trainer, die sie buchen können. Es ist ein gefährlicher Beruf, wie sich gerade Anfang der Woche erwiesen hat: Nina Baltromei, die im Vorjahr als erste Frau mit Hochkönig einen deutschen Derbysieger ritt, stürzte im Training schwer und brach sich einen Brustwirbel, muss länger pausieren. Doch die gute Nachricht: Sie wird am Wochenende in Iffezheim erwartet, um zu sehen, wie sich der „Galopper des Jahres“ Hochkönig im Hauptrennen des Frühjahrs-Meetings am Sonntag schlägt. Im mit 70.000 Euro dotierten Großen Preis von Tattersalls (Gr.II) hat Weiß zwei Starter. Vogt hat sich für den fünfjährigen Alleno und gegen den zwei Jahre älteren Vorjahressieger Lordano entschieden. „Sibylle hatte völlig freie Wahl, ich rede ihr da nicht rein“, sagt Weiß. „Und bisher hat sie immer richtig gelegen.“
