Obwohl knapp 68 Prozent der Wähler am Sonntag für eine Abwahl des Raunheimer Bürgermeisters David Rendel (SPD) gestimmt haben, bleibt er im Amt. Denn laut Hessischer Gemeindeordnung müssen 30 Prozent der rund 10.500 Wahlberechtigten für die Abwahl eines Bürgermeisters stimmen. Dieses Quorum wurde am Sonntag um 231 Stimmen verfehlt. „Jetzt muss es wieder um Raunheim gehen“, erklärte Bürgermester David Rendel am Montagnachmittag in einer schriftlichen Stellungnahme. Er kündigte einen intensiven Dialog mit allen Fraktionen an. Er nehme das Abstimmungsergebnis ernst und wolle künftig Entscheidungen besser kommunizieren. Die Auseinandersetzungen im Parlament müssten zum Wohl der Stadt wieder auf sachlicher Ebene geführt werden. „Ich bin bereit, meinen Beitrag zu einem neuen Umgang miteinander zu leisten“. Mit dem Ende des Abwahlverfahrens solle auch der Abwahl-Wahlkampf beendet werden. Gespannt haben am Sonntagabend rund 100 Personen die Auszählung im Foyer des Raunheimer Rathauses verfolgt. Der Blick auf den Großbildschirm ließ die Befürworter einer Abwahl des Bürgermeisters zunächst hoffen. In allen zwölf Wahlbezirken waren die Rendel-Gegner einer Abwahl deutlich in der Überzahl. Doch der Blick auf die kleine Zahl am unteren Rand sorgte schnell für Ernüchterung. Dort wurde angezeigt, wie viele Stimmen noch fehlten, um das Quorum zu erreichen. Nach elf von zwölf ausgezählten Wahlbezirken waren das immer noch 997 Stimmen. Da war klar, dass Rendel das Abwahlverfahren überstehen würde. Die Enttäuschung über den Wahlausgang war den vier Fraktionen WsR, CDU, Grüne und UMMA deutlich anzumerken. Auch die SPD gab sich zurückhaltend. Nachdem sich der Fraktions- und der Parteivorstand ebenfalls von Rendel distanziert hatten, sei noch nicht sicher, wie die Unterstützung des Bürgermeisters für die weitere Arbeit aussehen werde. Man warte jetzt die Ermittlungen des Staatsschutzes gegen den Bürgermeister ab, sagten Fraktionschef Giorgio Nasseh und Parteichef Toheed Khan. Rendel soll vor dem Abwahlantrag im Parlament den CDU-Stadtverordneten Nils Merten gewarnt haben, für eine Abwahl zu stimmen. Er kenne Details aus dem Leben des jungen Mannes, die er öffentlich machen wolle. Merten hat daraufhin Anzeige gegen Rendel erstattet, dieser hat die Vorwürfe noch am Abend bestritten. Mülltüten mit geschredderten Unterlagen im Untergeschoss CDU-Chef Stefan Teppich beurteilt den Wahlausgang als einen „Sieg dritter Klasse“. Der Grünen-Fraktionsvorsitzende Volker Schalle zeigte sich vom Wahlsystem enttäuscht, weil die Mehrheit der Wähler in diesem Fall nicht greife. „Wir hatten uns ein anderes Ergebnis gewünscht“, sagte WsR-Fraktionschef Mohammed Ghazi. Der UMMA-Fraktionsvorsitzende Danial Quyyum betonte, seine Fraktion akzeptiere jedes demokratisch und ordnungsgemäß zustande gekommene Wahlergebnis. Um die verhärteten Fronten im Parlament wieder zu befrieden, schlägt die SPD ein Mediationsverfahren unter Beteiligung aller Fraktionen und womöglich auch unter Einbindung des Bürgermeisters vor. Rendels Rüsselsheimer Amtskollege Patrick Burghardt (CDU) appellierte an die Raunheimer, jetzt die Gräben nicht weiter zu vertiefen, sondern aufeinander zuzugehen. Er freue sich über das Wahlergebnis und schätze Rendel als verlässlichen Partner. Aufregung und Hektik gab es am Wahlabend kurz nach dem Ende der Auszählung. Einige Stadtverordnete entdeckten beim Entsorgen von Unterlagen im Untergeschoss, in dem auch die Fraktionsräume untergebracht sind, Mülltüten mit geschredderten Unterlagen. Darunter auch Farbschnipsel von Wahlbriefen. Die Polizei bestätigte inzwischen die Beschlagnahme zweier Müllsäcke und hat unter anderem einen Umschlag mit der Aufschrift „Wahlsache“ gefunden. Ob die Unterlagen im Zusammenhang mit der Wahl von Sonntag stehen, müsse noch geprüft werden. Die Darmstädter Staatsanwaltschaft ermittelt.
