FAZ 25.05.2026
12:53 Uhr

Radarsatelliten: Spionage aus privater Hand


Viele europäische Länder nutzen kleine Satelliten einer finnischen Firma zur militärischen Aufklärung. Sollten Zivilisten wirklich so sensible Aufgaben übernehmen?

Radarsatelliten: Spionage aus privater Hand

Im Untergeschoss eines unscheinbaren Bürogebäudes stehen die glitzernden Kästen, die Europa im Weltall unabhängig machen sollen: kleine Satelliten, gerade mal hundert Kilogramm schwer. Außen dran Solarplatten, drinnen Kabel und Platinen. Ein Stück weiter hinten im Gang stehen die Kisten, mit denen die Satelliten später nach Amerika transportiert werden, von wo aus man sie ins All schießen wird. Hier im finnischen Espoo nahe Helsinki produziert die Firma Iceye pro Jahr rund fünfzig Satelliten, bald soll die Zahl verdoppelt werden. Iceye wächst rasant, laufend werden neue Verträge mit Militärs aus ganz Europa abgeschlossen. Der Einsatzort der Satelliten ist flexibel, sie lassen sich steuern. Gerade seien die meisten über der Ukraine aktiv, sagt ein Mitarbeiter der Firma. 72 Satelliten sind derzeit im Einsatz, mindestens sechzig weitere sollen bis 2027 folgen. Mit Radartechnik tasten sie die Erde ab, was unabhängig von Wolken oder Tageslicht funktioniert. Aus den Daten werden dann Bilder erzeugt und mithilfe von Künstlicher Intelligenz interpretiert. Kunden können die Daten kaufen, von Grenzmonitoring über Truppenbewegungen bis hin zu Naturkatastrophen, alles in beinahe Echtzeit. Ursprünglich wurden die Kleinstsatelliten zur Beobachtung des arktischen Eises entwickelt, daher der Name der Firma. Mit dem Radar mit synthetischer Apertur (SAR) lassen sich Veränderungen der Eisschicht detailliert beobachten. Der Durchbruch war das noch nicht. Den brachte Russlands Überfall auf die Ukraine vor gut vier Jahren. Seitdem verzeichnet das Unternehmen enorme Wachstumsraten. Der Umsatz lag im vergangenen Jahr bei 250 Millionen Euro, für dieses Jahr wird eine Verdopplung erwartet. Der Gewinn betrug über hundert Millionen Euro. Und mehr als eineinhalb Milliarden Euro an Aufträgen stehen an. Die Zahl der Angestellten ist in diesem Jahr um rund 400 auf etwa tausend gewachsen. Das größte Problem sei derzeit, gutes Personal zu finden, sagt ein Mitarbeiter. Manche vergleichen Iceye schon mit Nokia Gegründet wurde das Unternehmen von Pekka Laurila und Rafał Modrzewski, einem Finnen und einem Polen. Letzterer war Erasmus-Student in Finnland. Den Gründern zufolge soll das Unternehmen das „Auge der ganzen Welt“ werden. Ziel ist es demnach, in Echtzeit objektive Daten aus allen Winkeln der Erde liefern zu können. Im kleinen Finnland sorgt diese Erfolgsgeschichte für Aufsehen. Das Land darbt wirtschaftlich; seit Jahren gab es kein richtiges Wirtschaftswachstum mehr, viele Firmen entlassen Leute, anstatt einzustellen. Schon wird Iceye im Land mit Nokia verglichen, jener Firma, die einst den Handyweltmarkt beherrschte. Iceye hat mittlerweile eine „Zelle“ im Angebot. Das ist eine Art Container, den die Käufer bekommen. Darin befindet sich so etwas wie eine kleine Satellitenkommandozentrale. Dort landen die Rohdaten, werden zu Bildern verarbeitet und klassifiziert, sodass einzelne Objekte – etwa Panzer und Schiffe – verfolgt werden können. Taktische Einheiten können damit, so wirbt das Unternehmen, nahezu in Echtzeit und ohne spezialisiertes Personal direkt auf Weltraumaufklärung zugreifen. Die Software entwickelt das Unternehmen selbst. KI wende man „überall“ an, sagt ein Mitarbeiter. Etwa bei Satellitenoperationen, der Sequenzierung der Daten und deren Interpretation. Alle Aufnahmen werden gespeichert, so können auch langfristige Veränderungen etwa im Falle von Naturkatastrophen nachvollzogen werden. Kaufen lassen sich entweder einzelne Bilder oder große Datenanalysen. Selbst ganze Satelliten kann man mieten. Die Kosten für die Produktion eines Satelliten will ein Unternehmenssprecher nicht exakt beziffern. Nur so viel: Während ein klassischer Satellit Hunderte Millionen Euro koste, seien es bei den kleinen Radarsatelliten mehrere zehn Millionen. Und von der Bestellung bis zur Auslieferung vergehe nur ein Jahr. Zu den Kunden zählen Polen, die Niederlande, Portugal und Brasilien Im finnischen Verteidigungsministerium schwärmt man von dem Unternehmen, auf dessen Dienste man sich mehr und mehr verlässt. Drei Satelliten hat Finnland bestellt. Zu den Kunden von Iceye zählen mittlerweile zudem die Streitkräfte Polens und der Niederlande, aber auch Portugal und Brasilien. Allein Polen nutzt Berichten zufolge drei Iceye-Satelliten. Auch die Ukraine erhält Satellitenbilder der Firma, in Kooperation mit Rheinmetall und gefördert von der Bundesregierung. Der amerikanische Präsident Donald Trump stoppte einst zwischenzeitlich die Weitergabe von Geheimdienstinformationen an die Ukraine. Unter ihm gilt Amerika in Europa als unberechenbar, nicht zuletzt seit der Grönland-Krise. Ein finnisches Unternehmen, das den Kontinent bei der Weltraumaufklärung unabhängig von Amerika macht, kommt da gerade richtig. „Den USA kann nicht immer vertraut werden, dass sie im Ernstfall Informationen teilen. Da ist es sehr gut, wenn Europa eigene Lösungen entwickelt“, sagt Markus Holmgren, der am Finnischen Institut für Internationale Angelegenheiten (FIIA) zu technologischer Resilienz und Machtpolitik forscht. Daten der Firma hätten etwa geholfen, jene Schiffe zu identifizieren, die für Kabelschäden in der Ostsee verantwortlich gewesen seien. Und Finnland, das eine mehr als 1300 Kilometer lange Grenze mit Russland teilt, nutze die Bilder, um russische Truppenbewegungen festzustellen. Mit der Technik ließen sich auch Bewegungen weit hinter der Frontlinie beobachten. Zudem ermögliche sie es, durch Schutz hindurchzusehen und etwa verstecktes Militärmaterial zu erkennen, sagt Holmgren. Allerdings weist der Forscher auch auf die Folgen einer zunehmenden Privatisierung von kritischen Diensten hin, als deren Teil er Iceye sieht. „Wenn private Unternehmen diese entscheidenden Informationen liefern, kann das problematisch sein“, sagt er. Schließlich hätten diese eigene Interessen und könnten im Zweifelsfall ihre Dienstleistungen einstellen. Die Firma exportiert nur, was die finnische Regierung erlaubt Hier verweist Holmgren etwa auf das Unternehmen Starlink des amerikanischen Milliardärs Elon Musk, das lange Zeit nicht nur die ukrainischen, sondern auch die russischen Streitkräfte an der Front mit Internet versorgt hatte. „Jene, die den Service bieten, haben die Macht“, sagt Holmgren. Sollte es zu einem Krieg zwischen Europa und Russland kommen und ein Unternehmen außerhalb Europas zentrale Dienste liefern, „dann können wir uns nicht sicher sein, dass der Service aufrecht gehalten wird“. Immerhin sei Iceye finnisch. Bei der Frage, an welches Land das Unternehmen seine Dienste verkaufe, verweisen die Iceye-Mitarbeiter nur darauf, dass man sich an die Exportvorgaben der finnischen Regierung halte. Man verteidige Europa aus dem All, sagen sie immer wieder. Im vergangenen Jahr ist Iceye eine Kooperation mit dem deutschen Rüstungsgiganten Rheinmetall eingegangen. Auch im deutschen Neuss sollen bald Radarsatelliten produziert werden. Ziel des Joint Ventures ist es eigenen Angaben nach, eine der weltweit größten Erdbeobachtungssatelliten-Konstellationen zur Verteidigung Deutschlands bereitzustellen. Hierzulande sucht das Unternehmen nun qualifizierte Mitarbeiter. Bei alldem ist Iceye aber noch elementar auf die Amerikaner angewiesen. Denn seine Satelliten werden von dem Unternehmen SpaceX ins All geschossen, das ebenfalls Elon Musk gehört. Entweder von Florida oder von Kalifornien aus. Zwar gibt es in Europa Bemühungen, sich auch hier unabhängig von den Vereinigten Staaten zu machen und etwa den Weltraumbahnhof im norwegischen Andøya aufzubauen, den Kanzler Friedrich Merz im März besuchte. Doch bis von dort regelmäßig europäischen Satelliten ins All geschossen werden können, dürfte es noch Jahre dauern.