Der Pumpendruck der Espressomaschine ist die Pixelmanie der Kamerahersteller. Während die Fotoindustrie mittlerweile eingesehen hat, dass die Menge einzelner Bildpunkte, also die Auflösung, nicht unbedingt bessere Bilder macht, werben einige Hersteller von Siebträgermaschinen immer noch mit 15 Bar. Das ist in jeder Hinsicht Unsinn. Denn faktisch liegen am gepressten Mehl im Sieb bei nahezu allen Espressomaschinen lediglich neun Bar an. Um diesen Widerstand des Pucks zu überwinden, muss sie halt einen höheren Druck aufbauen. Konstant neun Bar Druck aufzubauen, um mit dem heißen Wasser Fruchtsäuren, Aromastoffe, Zucker, Bitterstoffe und Koffein zu lösen, wird immer häufiger unter Kaffeekennern infrage gestellt. Die magische Zahl ist wohl begründet durch die Bauart der Hebelmaschine in den Vierzigerjahren. Achille Gaggia wählte sie, damit Nutzer überhaupt mit ihrer Muskelkraft die Feder im Kolben noch nach unten drücken konnten. Youtuber und Kaffeeexperte Lance Hendrick führt in einem Video aus, dass Faema später für seine legendäre Brühgruppe E61 einfach den Druck von neun Bar übernommen hat, obwohl technisch ein anderer Druck möglich gewesen wäre. Weitere Hersteller folgten. Die neun Bar sind bis heute Standard an fast allen Siebträgermaschinen. Einige Produkte lassen es zu, dass der Nutzer ihn ändert, allerdings muss man dafür die Maschine öffnen. Auch wenn es Bohnen gibt, für die eine Extraktion mit diesem Druck optimal für die Aromenvielfalt, Textur oder Dichte ist, also ein hervorragender Espresso dabei herauskommt, gibt es ebenso viele Bohnen, denen die neun Bar nicht so guttun. Allen voran hell geröstete Bohnen. Da diese Röstart unter kommunikationsfreudigen Kaffeefreunden beliebt ist, mehren sich die Ratschläge im Netz, damit anders umzugehen. Im ersten Schritt sollte man den Druck auf bis zu sechs Bar senken. Noch besser wird das Ergebnis, wenn der Druck während der Extraktion angepasst wird. Und am besten spielen Kaffeemacher noch mit der Sättigung des Pucks, wenn die Extraktion startet. Wie macht man all das? Mit modernen Maschinen wie der Decent, Maro, Roxy oder Zuriga. Diese Siebträgermaschinen arbeiten mit pfiffiger Software und Sensoren, um den Druck einer anderen Konstante anzupassen: der Durchflussrate. Ihre Maßeinheit: Milliliter pro Sekunde. Über das Brühprofil legt der Nutzer fest, wie viel heißes Wasser pro Sekunde durch den Puck fließen soll. Da sich das Mehl im Laufe der Extraktion anders verhält und der Mahlgrad variabel ist, ändert die Pumpe fortwährend den Druck, um die Durchflussrate zu halten. Die Erfahrung mit der Maro, Roxy und Zuriga T2 zeigt, dass die Pumpe in unterschiedlichen Brühprofilen die neun Bar unterläuft. Mit einem optimalen Ergebnis.
