Ein Profikiller mit Links-Rechts-Schwäche. Darauf muss man erst einmal kommen. In seiner zwanzigsten „Nachtschicht“ stellt der Autor und Regisseur Lars Becker die komplette Geschichte auf die Dyskalkulie des Täters ab. Zuerst sehen wir, wie sich der Auftragsmörder nicht einmal auf der Straße orientieren kann und später erschießt er – vermeintlich – den Falschen. Oder doch nicht? Der Titel der Jubiläumsfolge – „Sterben verboten“ – jedenfalls ist reine Ironie. An das Gebot hält sich hier niemand, im Gegenteil, hier wird von links wie rechts scharf geschossen. Auf den Killer ist ein Killer angesetzt und schließlich fliegt auch noch ein dritter Heckenschütze ein, den Jürgen Prochnow grandios als leicht dementen älteren Herrn spielt, der sich nicht einmal an Wesentliches erinnern kann. So packt Lars Becker in 90 Minuten mit einem Staraufgebot alles in seine 20. „Nachtschicht“ hinein, was die Reihe auszeichnet und seine Fans erwarten. Und doch gab es bei der Premiere auf dem Hamburger Filmfest am Freitagabend eine schlechte Nachricht. Von der wir allerdings nicht so ganz wissen, ob wir sie glauben sollen. Die erste „Nachtschicht“ lief 2003 Denn am Ende des Premierengesprächs nach dem Film, als Lars Becker mit vielen seiner Schauspieler auf der Bühne stand, sagte Armin Rohde, der seit der ersten Folge den Kommissar Erich Bo Erichsen spielt, ohne den man sich die „Nachtschicht“ nicht vorstellen kann, dass dies sein letzter Dienstauftritt in der Reihe gewesen sei. Heißt das womöglich, dass mit „Sterben verboten“ die Geschichte eines glücklichen Fernsehsonderfalls endet, der 2003 mit der Folge „Amok“ begann und dem ZDF eine Krimifarbe beschert, die im deutschen Fernsehen einmalig ist? Das blieb an diesem Abend im Ungefähren. Dass es sich bewahrheitete, wünschen wir uns nicht. Denn schon an der Schauspielerei, zu der Lars Becker sein Ensemble animiert, und den knappen, trocken sitzenden Dialogen kann man sich nicht sattsehen. Sei es das Quartett aus der Polizeiwache mit Armin Rohde, Idil Üner, Sabrina Ceesay und Özgür Karadeniz; seien es Frederick Lau, Fritz Karl und Roland Koch als Unterweltpaten; Laurence Rupp, André Hennicke und Jürgen Prochnow als Auftragskiller, Almila Bagriacik als Unschuldige, die in alles verstrickt ist, oder Friederike Becht in der Rolle einer Anwältin, deren Vorname Donna schon andeutet, wer hier die Bosse gegeneinander ausspielt. Dabei vermittelt uns der Krimiautor Lars Becker auch wieder sein Bild der gesellschaftlichen Vielfalt unseres Landes, zu dessen Gegenwart, worauf er im Premierengespräch verwies, heute so etwas wie das „Institut für Remigration“ gehört, das der Rechtsidentitäre Martin Sellner gerade in Magdeburg gegründet hat. Auf der Abschiebeliste eines von der AfD beherrschten „Grundfunks“ stünden die „Nachtschicht“-Krimis garantiert. Sein Personal hat Lars Becker in der Jubiläumsfolge am Ende ziemlich dezimiert. Doch das wollen wir nicht als Verweis nehmen. Sondern mit der nächsten traditionellen „Nachtschicht“-Premiere auf dem Hamburger Filmfest im nächsten Jahr rechnen.
