In der Rolle des Außenseiters fühlt sich Steffen Marx wohl. Vor 20 Jahren hat er in München die Giesinger Braumanufaktur und Spezialitäten Braugesellschaft mbH gegründet, obwohl der Biermarkt schrumpft. Sich gegen alle Widerstände behaupten zu müssen, scheint Marx anzuspornen. Das Bier von Giesinger Bräu ist inzwischen in der Stadt breit vertreten. Das ist auch den sieben Stehausschänken in guter Lage, etwa am Sendlinger Tor oder am Viktualienmarkt, zu verdanken. Giesinger Bräu wächst gegen den Markttrend und erzielt mit seinen 110 Mitarbeitern einen Umsatz im niedrigen zweistelligen Millionenbereich. Doch Marx reicht das nicht, er hat ein großes Ziel: das Oktoberfest. „Wir sind eine Münchner Brauerei, wir brauen Münchner Bier, und wir wollen auf die Wiesn. Im Jahr 2026 sollte es möglich sein, transparent und fair darüber zu entscheiden, wer dort ausschenken darf“, begründet er sein Anliegen. Das größte Volksfest der Welt ist in fester Hand der großen sechs Münchner Brauereien: Augustiner, Paulaner, Hacker-Pschorr, Spaten, Löwenbräu und das zum Freistaat Bayern gehörende Hofbräu. Sieben Zelte für sechs Brauereien Doch blickt man auf die Besitzverhältnisse, reduzierte sich die Zahl der großen Brauereien, die sieben der 14 großen Bierzelte auf dem Oktoberfest besitzen. Spaten und Löwenbräu sind Marken des internationalen Braukonzerns AB Inbev. Hacker-Pschorr gehört zur Paulaner-Gruppe, an der die Familie Schörghuber 70 Prozent und der niederländische Bierkonzern Heineken 30 Prozent halten. Die Vorgabe in den Betriebsvorschriften der Stadt München für das Oktoberfest erfüllen die sechs Brauereien: Sie brauen ihr Bier mit Münchner Grundwasser. Aber das macht auch Giesinger Bräu. Warum die junge Brauerei ihr Bier nicht auf dem Oktoberfest ausschenken darf, beschäftigt inzwischen auch die Kommunalpolitik. Im Koalitionsvertrag von Grünen, SPD, FDP, Rosa Liste und Freien Wählern steht, dass auf der Wiesn nur Münchner Bier ausgeschenkt werden soll, aber man offen sei für weitere Münchner Brauereien. Mit einem Bürgerbegehren erhöht Marx den Druck auf die Kommunalpolitik. Ihm fehlen noch 12.000 Unterschriften, um die für einen Bürgerentscheid erforderlichen 33.000 vorweisen zu können. Sollte es dazu kommen, müssten 110.000 Münchnerinnen und Münchner für Giesinger Bräu auf der Wiesn stimmen. Nicht alle Biertrinker in der Stadt schwören auf Giesinger Bräu. Der unangefochtene Platzhirsch ist Augustiner, dessen Helles das in München am meisten getrunkene Bier ist. Aber die Chancen von Marx im Bürgerentscheid stehen nicht schlecht, weil in der Stadt viele die Vergabepraxis für die Wirte auf der Wiesn kritisch sehen. An den Stammtischen wird der Vorwurf des Filzes schnell laut. Ein Fest-Umsatz von 1,6 Milliarden Euro Für Aufsehen sorgt die Klage des Wirtes Alexander Egger, der in den Jahren zuvor das kleine Zelt „Münchner Stubn“ geleitet hatte, aber sich vergeblich um zwei große Bierzelte, das Schottenhamel und das Paulaner-Festzelt, bewarb. Er will erreichen, dass die großen Bierzelte nach europäischem Vergaberecht zugeteilt werden müssen. Doch das Bayerische Oberste Landesgericht sah in einer Verhandlung am 11. September keine Pflicht für eine europaweite Ausschreibung. Am 16. Oktober will das Gericht seine Entscheidung verkünden. Einige Juristen wittern in den Betriebsvorschriften der Stadt München, wonach nur die sechs großen Brauereien ihr Bier ausschenken dürfen, einen kartellrechtlichen Verstoß, weil andere Anbieter ausgeschlossen werden. Die dafür zuständige, dem bayerischen Wirtschaftsministerium unterstellte Landeskartellbehörde sieht in der Ausschankbeschränkung keinen Verstoß gegen das Kartellrecht. Es geht um eine Frage von erheblicher wirtschaftlicher Bedeutung. Das Referat für Arbeit und Wirtschaft der Stadt München als Veranstalter des Oktoberfests rechnet in diesem Jahr mit einem Umsatz von knapp 1,6 Milliarden Euro. Davon dürften auf dem Festgelände, der Theresienwiese, 617 Millionen Euro ausgegeben werden. Das Referat erwartet für das am Samstag begonnene und am 4. Oktober endende Oktoberfest 6,7 Millionen Besucher. Die aus dem Ausland anreisenden Gäste, knapp ein Fünftel aus den Vereinigten Staaten, gut 13 Prozent aus Italien, knapp zwölf Prozent aus Großbritannien und rund neun Prozent aus Österreich, dürften geschätzt 292 Millionen Euro für Einkäufe und Dienstleistungen aufwenden. Für Übernachtungen und Gastronomie dürften sie weitere 688 Millionen Euro zahlen. Das „Oktoberfestbier“ wird bundesweit verkauft Für Brauereien ist das Privileg, ihr Bier auf der Wiesn ausschenken zu dürfen, auch deshalb interessant, weil sie bundesweit ihr Bier als „Oktoberfestbier“ im Einzelhandel und in Getränkemärkten anbieten können. Giesinger Bräu darf das nicht und bietet in diesem Zeitraum lediglich ein „Festbier“ an. Doch die Marke „Oktoberfestbier“ zieht die Bierfreunde stärker an. Und schließlich ist der Verkauf auf der Wiesn ebenfalls lukrativ. Die Maß, also ein Liter Bier, kostet zwischen 14,80 und 15,90 Euro. Im Vorjahr lag die Spanne zwischen 14,50 und 15,80 Euro. Damals wurden 6,5 Millionen Maß getrunken. Das klingt nach viel, doch in guten Jahren wie zum Beispiel 2023 gingen schon mehr als sieben Millionen Maß weg. Das entsprach einem Bierausschank von gut 74.000 Hektolitern. Derzeit produziert Giesinger Bräu 65.000 Hektoliter im Jahr. Eine Verdoppelung des Ausstoßes über zusätzliche Tanks hält Marx für unproblematisch. Giesinger Bräu schätzt den Anteil des Oktoberfestbiers auf rund drei Prozent des Jahresabsatzes einer Brauerei. Diese drei Prozent würden innerhalb von sechs Wochen abverkauft, davor und danach spiele diese Sorte keine Rolle. Die Festzeltwirte dürften je Liter Oktoberfestbier an die Brauereien zwischen zwei und vier Euro zahlen. Der Preis hängt auch davon ab, welche Leistungen – wie Maßkrüge oder Dekorationen – von der Brauerei gestellt werden. Für die Öffentlichkeit ist der Bierpreis auf dem Oktoberfest alljährlich wieder ein Thema. Wiesn-Besucher können sich die rund 15 Euro schöntrinken. Sie lassen sich aber auch schönrechnen. Denn in Gold hat sich der Preis seit dem Jahr 1906 kaum verändert. Damals kostete eine Maß 0,38 Mark, was 0,13 Gramm Gold entsprach. Bei einem aktuellen Goldpreis von 3719 Euro je Feinunze kommt Bernhard Matthes, Bereichsleiter Asset Management der Pax-Bank für Kirche und Caritas, für die Maß zu 14,80 Euro auf 0,124 Gramm Gold und für die Maß zu 15,90 Euro auf 0,133 Gramm. In Gold lässt sich die Maß auf der Wiesn freilich nicht bezahlen; vielmehr erwarten die Kellnerinnen und Kellner noch ein Trinkgeld je Glas von rund einem Euro. „Wir können Großlogistik“, sagt Marx Derweil bemüht sich Marx, Giesinger Bräu fit für die Wiesn zu machen. So werden Bierzelte auf bayerischen Volksfesten mit Giesinger Bier beliefert. Vergangenes Silvester versorgte Giesinger Bräu die Partymeile auf der Münchner Leopoldstraße mit 40.000 Besuchern. Für den Brauereichef steht fest: „Wir können Großlogistik.“ Sein Bier wird heute nur noch teilweise in Giesing gebraut. Die größte Produktionsstätte betreibt Giesinger Bräu im Münchner Norden. Angefangen hat Marx in einer Garage, wo er das erste Bier braute. Mit Giesinger Bräu brachte er Bewegung in den Biermarkt der Landeshauptstadt. Hier gibt es inzwischen viele kleine Brauereien, wie Tilmans oder Haderner. An der Tegernseer Landstraße verwirklicht sich Dietrich Sailer den Traum, die alte Marke Münchner Kindl wiederzubeleben. Dort im Süden Münchens baut er mit seinen zwei Söhnen an einer begehbaren Brauerei, samt Gastronomie. Bislang musste der Start immer wieder verschoben werden. Nun ist die Eröffnung im kommenden Jahr geplant. Mit Blick auf das Oktoberfest stehen Marx und Sailer in regelmäßigem Kontakt. Auch Münchner Kindl will sein Bier auf der Wiesn ausschenken dürfen. Eine Möglichkeit, diesen kleineren Brauereien den Zugang zu ermöglichen, wäre die „Oide Wiesn“, die als historischer Teil des Oktoberfestes im Süden des Festgeländes seit einigen Jahren Besucher anlockt, die es entspannt und ruhig bevorzugen und das zeitweise entfesselte Treiben in den großen Bierzelten weniger schätzen. Doch die „Oide Wiesn“ ist von dem offiziellen Festgelände abgetrennt. Besucher müssen für den historischen Teil zudem Eintritt bezahlen. Und natürlich stellt sich die Frage, warum neue, junge Brauereien in dem historischen Teil versteckt werden. Marx will auf die große Wiesn und kann sich der Unterstützung seiner 8000 Freunde, die in Crowdfunding-Runden einen hohen einstelligen Millionenbetrag zur Verfügung gestellt haben, sicher sein. Die Zinsen von sechs bis acht Prozent werden in Form von Bierzeichen vergütet. Diese können für Bier oder Speisen im Giesinger Bräustüberl oder in den Stehausschänken eingelöst werden. Ob die Bierzeichen in Zukunft auf dem Oktoberfest eingesetzt werden können, ist eine Frage, die Marx derzeit noch nicht beantworten kann.
