Der Jahreswechsel liegt schon eine Weile zurück, und damit sind viele der guten Vorsätze verdrängt oder vergessen. Weniger Stress, mehr Zeit für die Familie, weniger Ungesundes, mehr Bewegung: Wie schwer es selbst motivierten Menschen fällt, an Neujahr gefasste Vorhaben dauerhaft in die Tat umzusetzen, zeigt ein Blick in die leeren Fitnessstudios. Im Gegensatz zu jenen, deren Geist willig, doch der innere Schweinehund stärker war, erscheint Alexander Zverevs Zwischenbilanz wesentlich positiver. Was sich Deutschlands bester Tennisspieler für 2026 vorgenommen hat, so lässt sich nach zehn Wochen sagen, versucht er beharrlich und augenscheinlich aus innerer Überzeugung umzusetzen. „Aggressiv zu spielen, das ist etwas, worauf ich mich freue und was mich begeistert“, sagte Zverev in Indian Wells, wo er in der Runde der letzten Acht steht. Der Hamburger hat nach einem für ihn eher mäßigen Tennisjahr 2025 allen Grund, mit dem bisherigen Saisonverlauf zufrieden zu sein. Bei den Australian Open überzeugte er spielerisch und holte alles aus sich heraus, ehe ihm im Halbfinale gegen Carlos Alcaraz die Kräfte ausgingen. Danach, im mexikanischen Urlaubsort Acapulco, verlor er sein zweites Match unglücklich, wusste die Niederlage aber als Teil eines begonnenen Prozesses einzuordnen. Beim derzeit laufenden Mastersturnier in der kalifornischen Wüste verstärkt sich der Eindruck, dass Zverev mehr aus sich und seinem Talent macht. In seinen drei Matches gegen den Italiener Matteo Berrettini, Brandon Nakashima und am Dienstag Francis Tiafoe (beide USA) spielte der Weltranglistenvierte fast immer dominant, wenn es darauf ankam. Anders als noch vor wenigen Monaten, als er sich in kniffligen Situationen lieber ein wenig hinter die Grundlinie zurückzog als mehr Risiko einzugehen und dem Gegner mit Selbstbewusstsein und Schlagfertigkeit zu beeindrucken. „Ich war über das gesamte Match hinweg aggressiv“, lautete Zverevs Selbstlob nach dem 6:3, 6:4 gegen Tiafoe. Dieselbe Haltung ist an diesem Donnerstag gegen Arthur Fils gefordert. Der 21 Jahre alte Franzose startete nach achtmonatiger Verletzungspause ähnlich forsch und fröhlich in die Saison wie Zverev. „Viel aggressiver sein“ Ende vergangenen Jahres, als er nicht von einem Turnier zum anderen hetzen und Weltranglistenpunkte sammeln musste, konnte der Hamburger klare Gedanken fassen. Im Familienrat mit Vater und Trainer Alexander senior sowie Bruder und Manager Mischa kamen die Zverevs zu dem Schluss, dass Veränderung vonnöten sei, wenn es noch was werden soll mit dem ersehnten ersten Grand-Slam-Turniersieg. Also fing der Achtundzwanzigjährige an, auf dem Platz anders aufzutreten. Dabei sind aller guten Dinge drei für Zverev: „Viel aggressiver sein. Versuchen, den Ball härter zu schlagen. Auch versuchen, ein bisschen mehr nach vorne zu rücken.“ So nüchtern er seine Vorsätze vorbringt – im Grunde ist es eine Sensation, wie Zverev sich verändert. Dass er besser daran täte, seine Komfortzone ein paar Meter hinter der Grundlinie zu verlassen und offensiver zu denken und zu handeln, legten ihm wohlmeinende Zeitgenossen seit Jahren nahe. Dafür wurden sie stets abgewatscht; vor allem Boris Becker bekam einiges ab, weil er öffentlich Ratschläge gab, um die Zverev nicht gebeten hatte. Nun ist der Hamburger Tennisfamilie zugutezuhalten, dass sie sich öffnet. Zwar nicht für einen namhaften Supercoach mit eigenen Ideen. Aber für eine strategische Neuausrichtung. Zverev setzt weniger darauf, den Gegner mit intensiven Ballwechseln zu zermürben. „Ich will versuchen, den Gegner zu beherrschen, statt mir lange Ballwechsel zu liefern. Es geht mehr ums Gewinnen als darum, körperlich fitter zu sein.“ Intelligenz ist nicht mehr so wichtig In Indian Wells, wo der Deutsche noch nie übers Viertelfinale hinausgekommen ist, funktioniert es gut. In Fleisch und Blut übergegangen ist aber noch längst nicht alles. Gegen Tiafoe drängte es Zverev mal übereifrig nach vorne, sodass er schlecht zum Ball stand und verschlug. Andere Male ließ er sich zurückfallen wie früher. „Ich versuche hier Matches zu gewinnen, deshalb falle ich manchmal in mein altes Selbst zurück“, sagte Zverev. Er hat offenbar eingesehen, dass seine Chancen auch bei Grand-Slam-Turnieren nur steigen, wenn er Punkte möglichst schnell gewinnt und nicht nach schier endlosen und kraftraubenden Ballwechseln. Diese Überzeugung zeigte sich, als er in Indian Wells nach der Bedeutung eines „Tennis IQ“ gefragt wurde. Vor zehn Jahren seien Tennisintelligenz und Taktik wichtig gewesen, antwortete Zverev. Im heutigen Powertennis jedoch gewönnen die Profis mit der stärksten Vorhand oder Rückhand oder dem besten Aufschlag. „Ich glaube, dass Carlos Alcaraz und Jannik Sinner nicht deshalb das Meiste gewinnen, weil sie Tennis mit vielen taktischen Kniffen spielen. Sondern weil ihre Schläge einfach besser sind als von allen anderen.“ Alexander Zverev verfügt über einen bärenstarken Aufschlag, eine der besten Rückhände der Welt und eine Vorhand, die schneller geworden ist. Stimmt seine Theorie, ist er in diesem Jahr mehr denn je bereit, die beiden überragenden Spieler herauszufordern. Und ihnen die größten Titel streitig zu machen.
