FAZ 15.05.2026
05:43 Uhr

Neuer Fed-Chef Warsh: Ein Notenbanker wie aus dem Bilderbuch


Kevin Warsh sieht aus, wie Donald Trump sich einen Zentralbankchef vorstellt. Vielleicht wird er trotzdem einer, wie die Welt ihn braucht.

Neuer Fed-Chef Warsh: Ein Notenbanker wie aus dem Bilderbuch

Der 56 Jahre alte Kevin Warsh ist schlank, feingliedrig und 1,85 Meter groß. Volles, aber kurz geschnittenes schwarzes Haar umrahmt sein schmales Gesicht. Seine Augen sind tiefdunkel, seine Nase ist von edler Geradlinigkeit. Er spricht wie einer, der viele Reden gehalten hat, mit Pausen an den richtigen Stellen. Seine ganze Erscheinung ist geschliffen und wirkt gelegentlich, als sei er in einen dunklen Banker-Anzug hineingeboren. Wer diese Attribute als vernachlässigbare Äußerlichkeiten abtut, ignoriert die Kriterien, die Präsident Donald Trump bei der Kandidatenauswahl für das wichtigste Amt der Geldpolitik wichtig sind. Trump will an der Spitze der amerikanischen Zentralbank Federal Reserve (Fed) eine Persönlichkeit, die etwas hermacht, wenn Kameras auf sie gerichtet sind. Janet Yellen verlor in Trumps erster Amtszeit ihren Posten als Fed-Chefin an Jerome Powell unter anderem, weil sie Trump zu klein war. Das berichtete die „Washington Post“ damals und wurde von anderen Quellen bestätigt. Trump selbst bezeichnete Warsh als jemanden „wie aus dem Bilderbuch“, um später zu ergänzen: „Er hat einfach den richtigen Look.“ Doch Warsh bringt für Trump nicht nur den richtigen Look mit, sondern auch ein Problem: Seine geldpolitische Vergangenheit passt schlecht zu Trumps Wunsch nach billigerem Geld. „Trump besetzt Ämter, als würde er einen Film casten“, sagt ein unter dem Namen Domer bekannter Prognosemarkt-Spieler, der mit seiner Wette auf Warsh ein kleines Vermögen gewonnen hat. Sein Schwiegervater ist der Erbe des Estée-Lauder-Konzerns Auch Trumps zweites Auswahlkriterium erfüllt Warsh spielend. Er kommt aus einem Milieu, das Trump vertraut ist. Man bewegt sich in den gleichen gesellschaftlichen Zirkeln, zu denen nur Zugang hat, wer Vermögen, Herkunft und den Besuch renommierter Institutionen nachweisen kann. Warshs Schwiegervater ist der New Yorker Milliardär Ronald Lauder, Erbe des Estée-Lauder-Kosmetikkonzerns, langjähriger Freund Donald Trumps und Großspender der Republikanischen Partei. Die Bekanntschaft geht mehr als 60 Jahre zurück, als beide die Wharton School of Business an der Universität von Pennsylvania besuchten. Lauder hatte Trump auf die Idee gebracht, er solle Grönland kaufen. Die Vorstellung, die beiden alten Weggefährten hätten nie über die Karriere des Schwiegersohns gesprochen, wirkt weltfremd. Als Multimillionär passt Warsh ebenfalls ins Muster. Er gehört zur langen Riege schwerreicher Persönlichkeiten, denen Trump Posten gegeben hat. Der offizielle Bericht über Warshs Einkommen, Vermögen und Arbeitsverhältnisse umfasst 69 Seiten. Er weist ein Vermögen von mindestens 100 Millionen Dollar aus. Genaueres bleibt offen: Die Zusammensetzung seiner größten Einzelanlagen legte Warsh nicht offen und berief sich auf Vertraulichkeitsvereinbarungen. Das ist heikel, weil Zentralbankern bestimmte Beteiligungen, etwa an Banken, verboten sind. Das Office of Government Ethics billigte seine Erklärung deshalb nur unter Vorbehalt. Die Lage wird allerdings dadurch verkompliziert, dass Warshs Frau Jane Lauder über ein Vermögen mit zahlreichen Beteiligungen verfügt, deren Wert sich auf rund zwei Milliarden Dollar addiert. Die linke Senatorin Elizabeth Warren kämpft dafür, die Nominierung zu stoppen – vermutlich vergeblich. Warsh kennt die Fed von innen Inzwischen hat der Senat Warsh bestätigt. Er wird dann am 15. Mai der 17. Chef der wichtigsten Notenbank der Welt und Nachfolger von Jerome Powell. Dieser bleibt ihm allerdings als gewöhnliches Mitglied des Gouverneursrats für eine Weile erhalten. Doch Warsh ist nicht nur eine Trump-kompatible Erscheinung. Er kennt die Fed von innen – und aus ihrer gefährlichsten Stunde. Er war schon einmal in einer der heißesten Phasen für die Zentralbank Mitglied des Gouverneursrats der Federal Reserve. Warsh war von Präsident George W. Bush 2006 als Fünfunddreißigjähriger in die Fed berufen worden und gehörte während der Finanzkrise zum inneren Kreis um den damaligen Zentralbankchef Ben Bernanke, der in Tag- und Nachtsitzungen versuchte, die Finanzkrise zu bändigen. In seinen Memoiren „The Courage to Act“ beschreibt Bernanke Warsh als einen seiner engsten Begleiter in Sitzungen und bei Krisentelefonaten. Warsh war Verbindungsmann zwischen der Notenbankspitze und den Vorstandschefs der Finanzbranche. Ihm kam zugute, dass er nach der Ausbildung zum Juristen an der Harvard Law School sieben Jahre als Investmentbanker bei Morgan Stanley gearbeitet hatte, bevor er im Weißen Haus als Wirtschaftsberater und Kontaktmann zur Wall Street diente. Ehemalige Kollegen in der Zentralbank bestätigen, dass Warsh geholfen habe, die Märkte zu verstehen und die Antwort der Fed auf die Finanzkrise zu formen. Bush hatte den Finanzmarktpraktiker Warsh in der Fed platziert als Gegengewicht zum Akademiker Ben Bernanke. Es war eine Entscheidung, die sich nach Darstellung von Beteiligten in Zentralbank, Regierung und an der Wall Street in der Krise bewährte. Investmentbanker Warsh sah die Finanzkrise nicht kommen Mit Bernanke teilte Warsh auch, dass er die Finanzkrise nicht kommen sah. „Bislang scheint die Neubewertung von Kreditrisiken das Finanzsystem jedoch nicht nennenswert belastet zu haben“, sagte Warsh noch im Juli 2007 in einer Kongressanhörung. „Als 2007 und 2008 alles auseinanderzufallen begann, wussten wir, dass die Lage schlimm war. Aber wir ahnten nicht, dass daraus eine ausgewachsene Panik werden würde“, bestätigte Warsh in einem Interview 2018 für die konservative Denkfabrik Hoover Institution, deren Fellow er bis heute ist. Im selben Gespräch skizzierte er auch den Bruch mit Bernanke. Warsh wollte nach eigener Darstellung die Kriseninstrumente und vor allem die quantitative Lockerung beenden, während Bernanke den Kauf von Staatsanleihen und gebündelten Hypothekenpapieren in großem Umfang durchsetzte, mit dem Ziel, die langfristigen Zinsen zu drücken. Obwohl Warsh mit Bernanke 2010 für eine zweite Runde solcher Wertpapierkäufe votierte, schrieb er in der folgenden Woche einen Gastbeitrag, in dem er Vorbehalte gegen diese Politik äußerte. Wenige Monate später verließ Warsh die Notenbank. Bernanke schrieb in seiner Autobiographie, er habe Warsh das nicht nachgetragen. Sein früherer Kollege habe seine Bedenken schon zuvor geäußert und mit offenen Karten gespielt. Warsh galt einmal als geldpolitischer Falke Doch die Episode offenbart noch etwas anderes: Aus dem Krisenmanager war ein Kritiker geworden. Warsh hielt die Rettungspolitik für notwendig, aber ihre Fortsetzung für gefährlich. Er war, geldpolitisch gesprochen, ein Falke. Eine Bloomberg-Analyse seiner damaligen Reden stützt dieses Bild. In 13 Reden warnte Warsh während seiner Zeit im für die Geldpolitik verantwortlichen Offenmarktausschuss der Fed ausdrücklich vor Aufwärtsrisiken für die Inflation. Das ist auffällig, weil die Kerninflation damals nur selten über 2,5 Prozent stieg, während die Arbeitslosenquote zeitweise auf zehn Prozent anwuchs. Selbst am Tag nach dem historischen Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers im Jahr 2008 drückte Warsh als Notenbankgouverneur die Sorge aus, die Inflation könnte nach oben springen. „Ich bin noch nicht bereit, meine Inflationssorgen aufzugeben“, sagte er laut Fed-Protokoll vom 16. September 2008. Die Erkenntnis war noch nicht eingesickert, dass eine massive Rezession im Entstehen war, auf die Notenbanken gewöhnlich mit entschlossenen Leitzinssenkungen reagieren. Er war nicht allein in der Runde. Warsh sah die Entwicklung ebenso wenig kommen wie seine Kollegen. Nur: Bei ihm wog es schwerer – er war gerade wegen seines Gespürs für Finanzmärkte in die Fed geholt worden. In den Jahren nach seinem Abschied ging Warsh weiter auf Distanz zur Fed. Er hielt ihr vor, sich schleichend Zuständigkeiten jenseits ihrer Kernmission anzueignen, durch fortgesetzte Anleihekäufe Märkte zu verzerren, die Staatsverschuldung zu begünstigen und die Grenzen zwischen Geld- und Fiskalpolitik zu verwischen. Diese Kritik hatte die gleiche Stoßrichtung wie die Vorhaltungen des Finanzministers Scott Bessent, der die Unabhängigkeit der Fed durch deren Expansion in zweckfremde Aufgabenfelder bedroht sieht. Warsh warnt vor einer Fed, die sich Zuständigkeiten anmaßt Warshs Kritik an der Fed ist nicht abwegig. Viele Ökonomen fragen, ob die Notenbank mit Wertpapierkäufen, Klimarisiken, Verteilungsfragen und Finanzmarktstützung ihre Kernaufgabe überdehnt hat. Doch Trump schert sich weniger um diese Debatten. Ihn stört nicht eine zu mächtige Fed. Ihn stört eine Fed, die sich ihm widersetzt. Er hat deutlich zu verstehen gegeben, dass er nicht an die Unabhängigkeit der Federal Reserve glaubt und dass Zentralbanker, die sich seinen Wünschen widersetzen, neben heftiger Kritik mit verbalen Beleidigungen und juristischer Verfolgung rechnen müssen. Das wirft die Frage auf, warum sich Kandidaten diesem Risiko überhaupt aussetzen. Im Falle Kevin Warshs darf man vermuten, dass persönlicher Ehrgeiz eine Rolle spielte. Warsh hatte schon in Trumps erster Amtszeit Hoffnungen, Fed-Chef zu werden. Trump warf ihm später einmal spielerisch vor, nicht hart genug um die Nominierung gekämpft zu haben. Es gab ältere Spekulationen, dass er gerne Chef der New Yorker Federal Reserve geworden wäre, und jüngere Gerüchte, dass er sich Hoffnungen machte, Finanzminister zu werden. Schwerer zu entschlüsseln ist ein anderes Rätsel: Wieso nominiert Präsident Trump einen Kandidaten, dessen frühere Auslassungen zur Geldpolitik ihn in einen tiefen Gegensatz zum Verlangen des Präsidenten nach lockerer Geldpolitik stellen? Die wahrscheinliche Deutung lautet, dass Warsh seine wirtschaftspolitischen Vorstellungen anschlussfähig gemacht hat an Trumps krude Ideen. In einem Fernsehinterview im vergangenen Oktober fand er lobende Worte für Trumps „America first“-Wirtschaftspolitik, die zu niedrigeren Preisen und hohem Wirtschaftswachstum führe, während die Federal Reserve die erfolgreiche Arbeit des Präsidenten unterminiere. Trump lasse mit „America first“ die Wirtschaft so stark wachsen, dass selbst eine notorisch versagende Notenbank mit ihrer kontraproduktiven Politik die positive Entwicklung nicht stoppen könne. Das war die Quintessenz des Interviews, das einige Ex-Kollegen verstörte. KI gebe der Fed Spielraum für Zinssenkungen Warshs neue Argumente für eine weichere Geldpolitik kommen überraschend. Erstens verweist er auf Künstliche Intelligenz. Sie erhöhe die Produktivität und drücke damit die Inflation. Das gebe der Fed Spielraum für Zinssenkungen. Nur zeigt sich kurzfristig eher das Gegenteil: Der Investitionsboom verteuert Grafikprozessoren, Gasturbinen, Bauleistungen und Strom. Zweitens zweifelt Warsh an den üblichen Inflationsmaßen. Der Preisindex der persönlichen Konsumausgaben, an dem sich die Fed orientiert, greife zu hoch. Bereinigte Maße zeigten einen günstigeren Trend. Langjährige Zentralbanker wie Bob Dudley widersprechen. Drittens verweist Warsh auf die Fed-Bilanz. Wenn die Notenbank Anleihen verkauft oder auslaufen lässt, wirkt das restriktiv. Diese Straffung, so seine Logik, könne niedrigere Leitzinsen rechtfertigen. Warsh versprach den Senatoren, für die Unabhängigkeit der Federal Reserve zu kämpfen. Er sei weder Marionette noch Handpuppe Trumps. Aber hätte Trump ihn gewählt, wenn er glauben müsste, dass Warsh sich ihm widersetzt? Eine Hoffnung liegt darin, dass er am Ziel seiner Karrierepläne zu neuer Größe wächst. Es wäre nicht das erste Mal. Präsident Harry Truman hatte aus Ärger über den widerborstigen Thomas McCabe 1951 William Martin zum Fed-Chef gemacht, den er für loyal hielt. Martin wurde zum Garanten der Unabhängigkeit der Federal Reserve. Truman nannte ihn später einen Verräter.