Das Zielobjekt gerät ins Visier. Dann überstrahlt eine Explosion das Bild, kurz darauf verschwindet alles im aufsteigenden Rauch. Es sind Aufnahmen, die an Kampfszenen aus fernen Kriegsgebieten erinnern. Doch sie stammen aus der Karibik und von der Pazifikküste, unweit der Vereinigten Staaten. Während sich die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf andere Krisen richtet, geht dort der Krieg gegen die angeblichen Narco-Terroristen weiter. Am vergangenen Montag schlug das US-Militär wieder zu und versenkte in der Karibik ein mutmaßliches Schmugglerboot. Zwei Menschen wurden getötet. Damit steigt die Zahl der Todesopfer seit Beginn der Operation auf mindestens 187. Insgesamt gab es inzwischen mehr als 50 Angriffe. Was heute unter dem Namen „Operation Southern Spear“ Schlagzeilen macht, begann am 2. September des vergangenen Jahres. Erstmals seit der Invasion Panamas 1989 griff die US-Armee an diesem Tag wieder ein Ziel in der Region aus der Luft an. Es handelte sich um ein Schnellboot aus Venezuela, das nach Angaben Washingtons mit Rauschgift beladen war. Die elf Menschen an Bord waren sofort tot. Das Weiße Haus feierte den Schlag als ersten Erfolg in seinem militarisierten Kampf gegen den Drogenschmuggel in den Vereinigten Staaten. Der Angriff auf ein ziviles Ziel war zugleich ein Tabubruch. Bis dahin galt der Kampf gegen den Rauschgiftschmuggel als Aufgabe der Strafverfolgung. Die Küstenwache stoppte Boote, nahm Verdächtige fest und übergab sie der Justiz. Unter Präsident Donald Trump haben sich die Maßstäbe jedoch radikal verschoben. Washington erklärt, man befinde sich in einem „bewaffneten Konflikt“ mit lateinamerikanischen Kartellen. In dieser Logik sind Schmuggler keine Kriminellen mehr, sondern „ungesetzliche Kombattanten“. Nach Auffassung der US-Regierung dürfen sie deshalb ohne Vorwarnung und ohne Gerichtsverfahren gezielt ausgeschaltet werden. Gleichzeitig in Karibik und Pazifik In den vergangenen Wochen hat das Pentagon die „Operation Southern Spear“ nahezu geräuschlos auf ein neues Niveau gehoben. Im April kam es im Vergleich zu den Vormonaten zu deutlich mehr Angriffen, vor allem im Pazifik. Dahinter steht laut der „New York Times“ eine massive logistische Aufrüstung. Die Zeitung beruft sich auf zwei Quellen aus Militärkreisen, wonach die Armee die Zahl geheimer Angriffsflugzeuge und bewaffneter MQ-9-Reaper-Drohnen erhöht hat. Die Maschinen operierten demnach von Stützpunkten in El Salvador und Puerto Rico aus. Ziel der Aufstockung sei es, genügend Drohnen und Flugzeuge in der Region zu stationieren, um die Karibik und den Ostpazifik gleichzeitig abdecken zu können, ohne Ressourcen verlegen zu müssen. Ein verdächtiges Boot habe früher noch eine Chance von etwa 50 Prozent gehabt, unentdeckt zu bleiben, nun liege diese Wahrscheinlichkeit nur noch bei rund 25 Prozent. Keine Lösung für das Drogenproblem Doch je erfolgreicher die US-Armee die Boote aufspürt und zerstört, desto lauter wird die Kritik. Rechtsexperten und internationale Organisationen sehen in den Angriffen eine Serie illegaler, außergerichtlicher Hinrichtungen. Sie verweisen darauf, dass Streitkräfte keine Zivilisten ins Visier nehmen dürfen, die keine unmittelbare Bedrohung darstellen – selbst dann nicht, wenn sie in kriminelle Aktivitäten verwickelt sind. Besonders schwer wiegen Berichte über sogenannte Double-Tap-Angriffe. Beim ersten Schlag im September sollen zwei Menschen die Explosion überlebt haben. Anschließend seien sie in einem zweiten Angriff gezielt getötet worden. Zugleich mehren sich die Zweifel an der Genauigkeit der Geheimdienstinformationen. Während das US Southern Command alle Opfer als „Narco-Terroristen“ bezeichnet, berichten Angehörige häufig von einfachen Fischern, die aus wirtschaftlicher Not gehandelt hätten oder gar unbeteiligt gewesen seien. Bereits im vergangenen Oktober forderte der UN-Hochkommissar für Menschenrechte, Volker Türk, die USA auf, die Angriffe einzustellen. Er nannte sie „inakzeptabel“ und eine Verletzung des internationalen Menschenrechts. Auch enge Verbündete wie Großbritannien und Kanada sind auf Distanz gegangen. Teilweise haben sie die Weitergabe von Geheimdienstinformationen eingeschränkt, um nicht in die tödlichen Schläge hineingezogen zu werden. Trotz der massiven Kritik und der rechtlichen Grauzone gibt es keine Anzeichen dafür, dass Washington einlenkt. General Francis L. Donovan, der das Southern Command seit Februar führt, sagte im April vor dem Streitkräfteausschuss des Senats, die Angriffe hätten die „narco-terroristischen“ Gruppen in der Region gezwungen, ihre operativen Muster zu ändern. Zugleich räumte er ein, dass sie keine langfristige Lösung für das Drogenproblem der USA seien. Donovan sagte außerdem, er habe seit seiner Übernahme des Kommandos begonnen, einen umfassenderen Ansatz gegen den Rauschgiftschmuggel aufzubauen und die Zusammenarbeit mit regionalen Partnern wie Ecuador zu vertiefen.
