FAZ 01.10.2026
08:40 Uhr

Nächster DFB-Gegner: Das Herzensprojekt von Serbien-Trainer Veljko Paunovic


Serbiens „Adler“ kränkeln seit langer Zeit. Veljko Paunovic soll die Fußball- Nationalmannschaft aus der Krise führen. Doch der Heilungsprozess kommt nicht voran.

Nächster DFB-Gegner: Das Herzensprojekt von Serbien-Trainer Veljko Paunovic

Der 11. Oktober 2025 darf als ein geschichtsträchtiges Datum für den serbischen Fußball gewertet werden. An jenem Abend unterlag die serbische Nationalmannschaft vor heimischer Kulisse im beschaulichen Leskovac 0:1 gegen Erzrivale Albanien und verspielte damit etwaige Chancen, sich für die Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko zu qualifizieren. Es war das letzte Spiel in der Ära von Trainer Dragan Stojkovic, der nach dieser Blamage seinen Rücktritt erklärt hatte. Die Wahl des Fußballverbands fiel anschließend auf Veljko Paunovic, der als Spieler eine beachtliche Karriere auf der iberischen Halbinsel vorzuweisen hat und zudem die spanische Staatsbürgerschaft besitzt. Es bedurfte viel Überzeugungsarbeit, bis der Wahl-Madrilene Paunovic sich dieser Aufgabe annahm. Eine Delegation des serbischen Fußballverbands reiste in die spanische Hauptstadt, um den kurz davor von Real Oviedo entlassenen Trainer als Übungsleiter für das serbische Auswahlteam zu gewinnen. Der Vertrag war anfangs bis zum Jahresende datiert, damit der 49-Jährige sich in den verbliebenen beiden Spielen gegen England und gegen Lettland ein Bild von seiner Mannschaft machen konnte. Die WM-Qualifikation wurde zwar verpasst, doch er nahm das Projekt an und verlängerte seinen Vertrag bis Sommer 2030. „Der Weg ist lang, aber jeder Halt ist wichtig“, sagte Veljko Paunovic bei seiner Vertragsverlängerung im vergangenen Dezember. Ein erster Halt war eine 0:3-Niederlage im Testspiel gegen den späteren Weltmeister Spanien im vergangenen März, was unter der Rubrik „erwartungsgemäß“ registriert wurde. Im Juni folgten dann aber die nächsten Hiobsbotschaften: eine 1:5-Pleite gegen Mexiko und ein 0:3 gegen Kap Verde, was bei Paunovic Ernüchterung ausgelöst hat. Er hatte zuvor an alle Seiten appelliert, diese Testspiele als Etappen des Entwicklungsprozesses zu sehen, was bei etlichen Spielern nicht unbedingt auf Resonanz stieß. Altbekannte Diagnose für Serbiens Fußball Es hagelte im Vorfeld der Partien Absagen mit zum Teil fadenscheinigen Erklärungen. Als Konsequenz erklärte Paunovic seinen Rücktritt, der jedoch von Seiten des Verbands nicht angenommen wurde. In der Pressekonferenz bei der Kaderverkündung zu der aktuellen Länderspielserie sprach er von einem „Heilungsprozess“, in dem sich der serbische Fußball befinde. Die Diagnose vom kranken serbischen Fußball ist keine Exklusivität von Paunovic, der seine ersten Fußballschritte bei Partizan Belgrad machte, wo auch sein Vater, Blagoje, große Erfolge erlebt hat und heute noch Legendenstatus besitzt. Politische Einflussnahme von ganz oben, Verstrickungen von Funktionären in die Belgrader Unterwelt und eine marode Infrastruktur komplettieren ein Bild, das wenig Zuversicht zulässt. Dabei könnte vieles besser laufen, wenn man berücksichtigt, dass Paunovic als Trainer die serbische U-20-Auswahl zum Weltmeistertitel 2015 geführt hat. Sechs Spieler dieser Generation stehen auch im aktuellen Kader der „reprezentacija“. Die nächste Station für Paunovic war der Verbandsfußball mit den Chicago Fire in der amerikanischen Profiliga MLS. Dort kreuzten sich zwei Jahre später Paunovics Wege mit denen von Bastian Schweinsteiger. Der Weltmeister von 2014 lobte in etlichen Interviews die Arbeitsweise von Paunovic und verglich ihn mit seinem ehemaligen Trainer bei Bayern Pep Guardiola. Paunovic selbst macht hingegen keinen Hehl daraus, wen er als Vorbild und Mentor sieht: seinen alten Teamkollegen und heutigen Trainer von Atlético Madrid, Diego Simeone. Er wiederholt immer wieder, dass Simeone ihn stark beeinflusst habe, selbst Fußballtrainer zu werden. „Das Einzige, was ihm noch fehlt, ist der Champions-League-Titel. Ich hoffe, dass ‚Cholo‘ ihn mit Atlético auch noch gewinnen wird“, unterstrich er in einem Interview mit einem spanischen Radiosender. Vom Rohdiamanten zum Starspieler Während wenige seiner ehemaligen Spieler von der U 20 den großen internationalen Durchbruch schafften, dürfte zumindest ein aktueller Starspieler ihm zu Dank verpflichtet sein. Michael Olise wechselte 2017 in die Nachwuchsabteilung von FC Reading, nachdem er bei Manchester City und FC Chelsea nicht glücklich geworden war. Als Paunovic im Sommer 2020 im Londoner Westen das Traineramt des Klubs übernommen hatte, traf er Olise vor Ort und war sein erster Profitrainer. Er formte aus dem Rohdiamanten einen Außenbahnspieler, der in der folgenden Saison zu Crystal Palace in die Premier League gewechselt ist, um anschließend an die Isar zu gelangen. „Er scheint aus einer anderen Epoche zu stammen, oder aus der Welt der Kunst“, sagte Paunovic in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“. Er war es, der den französischen Star davon überzeugt hat, dass seine ideale Position die rechte Außenbahn sei. Bis dato pflegte der wortkarge Fußballästhet eher im zentralen Mittelfeld seine Kreise zu ziehen. Paunovic selbst zog seine Kreise als Spieler im gegnerischen Strafraum, da er als Mittelstürmer auf Torejagd ging. Auch Ewald Lienen hielt große Stücke auf ihn, als er Trainer beim spanischen Klub CD Teneriffa war. Und als er dann auf der Bank von Hannover 96 saß, holte er ihn im Januar 2005 als Leihspieler nach Niedersachsen, ohne jedoch davon zu profitieren. Er blieb in der gesamten Rückrunde torlos. Es steht viel auf dem Spiel für die „Adler“ Sollte die serbische Auswahl in der Allianz-Arena gegen die DFB-Auswahl am Donnerstag (20.45 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Nations League und beim ZDF) ebenfalls tor- und punktlos bleiben, wäre der Abstieg aus der Elitekategorie der Nations League schwer abwendbar. Das würde dazu führen, dass die „Adler“ bei der kommenden Auslosung zur EM-Qualifikation nicht gesetzt sind und eine schwierige Gruppe erwischen könnten. Bleibt nun abzuwarten, wie und mit wem der Heilungsprozess fortgesetzt wird. „Wenn mich die Spieler in den bevorstehenden Spielen nicht überzeugen, dass ihnen unser Projekt am Herzen liegt, dann habe ich hier keine Zeit mehr zu verlieren“, unterstrich Paunovic in der besagten Pressekonferenz in Belgrad.