Mut, Vertrauen, Courage, Optimismus – diese Worte stehen auf einer Wand unter der Frage, was für erfolgreiche Unternehmensnachfolge nötig ist. Aufgestellt hat sie das Team von „Hessen macht Zukunft“ bei einer Veranstaltung in Wiesbaden für Unternehmer, die Nachfolger suchen, und Kandidaten, die sich diese Rolle vorstellen können, sowie Institutionen, die diesen Weg begleiten. Sie zusammenzubringen gilt als wichtige Aufgabe, denn nach verschiedenen Studien steht bis zum Ende des Jahrzehnts jährlich in mehr als 100.000 Unternehmen in Deutschland der Generationswechsel an. Die Zahlen für Hessen schwanken nach verschiedenen Erhebungen zwischen 14.000 und 18.000. Nach Daten der Förderbank KfW ist das Thema in Hessen besonders wichtig, da es viele Chefs im Alter von mehr als 55 Jahren gebe. Im Jahr 2025 waren 57 Prozent der mittelständischen Unternehmerschaft 55 Jahre oder älter. Vor 20 Jahren waren es nur 20 Prozent. Viele Unternehmer empfinden die Suche nach einem passenden Nachfolger als sehr schwierig und denken darum an eine Stilllegung. Eine Studie der KfW aus dem vergangenen Jahr bestätigt den Trend im Mittelstand. Die bewusste Geschäftsaufgabe aus Altersgründen ohne Nachfolgelösung wird nach der jüngsten Befragung demnach nochmals häufiger ins Auge gefasst als bislang. Jedes vierte Unternehmen möchte diesen Weg nach Ausscheiden der Senior-Generation gehen. Nach anderen Studien könnte sogar die Hälfte der Unternehmen durch fehlende Nachfolge verschwinden. Viele Geschäftsaufgaben wegen fehlender Nachfolge Davor warnte auch Carolin Friedländer aus dem hessischen Wirtschaftsministerium bei der Nachfolge-Veranstaltung in Wiesbaden und ermutigte die Anwesenden, die Angebote des Landes und der Kammern für Vermittlung von potentiellen Nachfolgern und Beratung für den Übergang in Anspruch zu nehmen. Zusammen mit Maxine Schiffmann von der Hessen Agentur wies sie die jungen Gäste zudem darauf hin, dass eine Nachfolge oft leichter sei als eine Neugründung. Zum Beweis dafür stellte Schiffmann gleich mehrere erfolgreiche Beispiele vor. Darunter Johanna Münch, die zusammen mit einer Partnerin eine Weinhandlung vor der Schließung bewahrt und ausgebaut hat. Oder Marie Christin Duscha, die ebenfalls mit einer Partnerin vor 14 Jahren eine Wäscherei mit Heißmangel aus einer Insolvenz übernommen hat und inzwischen nicht mehr für Privat-, sondern ausschließlich für Geschäftskunden in einem überregionalen Netzwerk arbeitet. Oder Daniel Peplau, der einen Transformatorenbetrieb erworben und ihn inzwischen durch zwei weitere Übernahmen vergrößert hat. Der große Vorteil einer Nachfolge gegenüber der Gründung eines Start-ups ist für Peplau, dass man „das Rad nicht neu erfinden“ muss, wie er sagt. Schließlich sei meist alles Notwendige vorhanden. Alle Übernehmer wiesen aber darauf hin, wie wichtig es sei, sich das Unternehmen genau anzuschauen. „Es muss passen“, waren sie sich einig. Münch hat das überprüft, indem sie sich bei dem Weinhändler, von dessen Absicht aufzuhören sie durch Zufall erfahren hatte, zunächst anstellen ließ und eine Ausbildung zur Sommelière machte, um das Geschäft von der Pike auf zu erlernen. Duscha und ihre Partnerin stellten kurzerhand den ehemaligen Betriebsleiter befristet an, um von seinen Kenntnissen zu profitieren. „Wir hatten vorher nichts mit der Branche zu tun, hatten aber das wirtschaftliche Wissen.“ Peplau zog sich, wie er erzählte, für drei Monate morgens den Blaumann an und arbeitete sechs Stunden in der Produktion mit. „Und dann kamen sechs Stunden im Büro.“ Der Einstieg in ein bestehendes Unternehmen bedeutet also offenbar nicht, dass man es gemütlich angehen kann. Den Übernehmern ist in diesen Fällen gelungen, die vorherigen Besitzer einzubinden, von ihnen zu lernen und dann ihre eigenen Wege zu gehen. Das geht bei Nachfolgern aus der Familie oft nicht reibungslos. Zumal meist zuerst die Frage ansteht, wer übernimmt. Die Stiftung Familienunternehmen hat 2022 festgestellt, dass es in Familiengesellschaften immer noch üblich ist, den Söhnen den Vorzug zu geben. Doch die stehen längst nicht überall zur Verfügung, daher rücken mehr und mehr die Töchter in den Fokus. Die aber können sich nach der Befragung meist eher vorstellen, in einem anderen Unternehmen angestellt zu sein, als in die Geschäftsführung des eigenen Familienunternehmens einzutreten. Eine PwC-Studie belegt das: Während 70 Prozent der Männer den Familienbetrieb übernehmen wollen, sind es bei den Frauen nur etwa 30 Prozent. „Bei Familiengesellschaften geht es nie nur um das Unternehmen“ Viktoria Krastel hat als erste Frau in der Familie den Sanitär-Handwerksbetrieb mit 30 Beschäftigten übernommen, den zuvor Vater und Großvater geführt hatten. Ursprünglich war auch der Erstgeborene für die Nachfolge vorgesehen, so gab es erst mal innerfamiliäre Auseinandersetzungen. „Bei Familiengesellschaften geht es nie nur um das Unternehmen, denn die persönlichen sind immer mit den beruflichen Rollen verwoben“, sagt sie. Doch selbst wenn es solche Schwierigkeiten nicht gibt und der Vater oder die Mutter nicht weiter mitregieren, gibt es Hürden, gerade, wenn junge Frauen übernehmen. So berichtet Marie Nauheimer, Chefin der Frankfurter Schifffahrtsgesellschaft Primus-Linie, dass es etwas gedauert habe, das Vertrauen der Mitarbeiter zu gewinnen und klarzumachen, das man „nicht nur die Tochter ist“. Die Zeiten scheinen sich aber zu ändern. „Nach meiner Erfahrung ist es heute deutlich selbstverständlicher als noch vor zehn oder 20 Jahren, Töchter in die Nachfolgeplanung einzubeziehen“, sagt Kirsten Schoder-Steinmüller, Präsidentin des Hessischen Industrie- und Handelskammertages (HIHK). Sie war die erste Frau in der Führung der Schoder GmbH, eines Unternehmens aus der Metallbranche, und hat den Chefsessel gerade an ihre Tochter übergeben. Doch was, wenn es in der Familie keine oder keine geeignete potentielle Nachfolge gibt? Neben der Suche nach einem externen Übernehmer gibt es auch die Möglichkeit, sich im eigenen Unternehmen umzuschauen. Oder umgekehrt, wenn man sich als Unternehmer sieht und der Chef ein entsprechendes Alter hat, mit ihm ins Gespräch zu kommen. So ist Lisa Reißner zur Unternehmerin geworden. Sie hat im vergangenen Jahr die Geschäftsleitung der Wiesbadener Dr. Freitäger AG übernommen, bei der sie 2010 ihre Ausbildung begonnen hatte. Sie kannte die Agentur für Marktforschung und Wettbewerbsbeobachtung mit zehn Beschäftigten und Hunderten Testkäufern entsprechend gut. Dass die junge Frau genau die Richtige für die Nachfolge war, erschien dem Chef ganz klar. Bei der Bank sah es etwas anders aus. „Dort wurde immer mein männlicher Begleiter angesprochen“, berichtete sie kürzlich bei einer IHK-Veranstaltung in Frankfurt. Dennoch gelang ihr mit Beratung der Wiesbadener Kammer die Finanzierung trotz geringer Eigenmittel. Ob eine eigene finanzielle Basis notwendig ist oder nicht, war eine der Fragen, die den Teilnehmern des Nachfolge-Festivals in Wiesbaden gestellt wurden. Die Mehrheit dort glaubt, dass es auch ohne geht. Und die Berater von „Mission Nachfolge“ am Finanzierungsstand stimmten ihnen zu. So lautet die Botschaft der Veranstaltung wohl, dass Nachfolge eine bessere Option sein kann als Neugründung. Mut, Vertrauen, Courage und Optimismus sind aber dennoch wichtig.
