Louis Pawellek ist ein junger Mann, der nicht in gewöhnliche Raster passt. Nach dem frühen Tod der Eltern wuchs der heute 28 Jahre alte Erzieher, der ein Studium der Kulturwissenschaften aufgenommen hat, bei seinen Großeltern und in zwei Heimen auf, von denen er eines als „Hölle“ bezeichnet. Früh zog es ihn auf die Bühne und ins Fernsehen. Bei „Wer wird Millionär?“ gewann er 8000 Euro, mit einem Schlager nahm er am Casting von „Deutschland sucht den Superstar“ und an einem Nachwuchswettbewerb von „Immer wieder sonntags“ teil. Schon in jungen Jahren veröffentlichte er seine Autobiographie und mehrere Bücher zum Thema Holocaust, zu dem er durch ein Schulprojekt mit einer Zeitzeugin kam. Das Thema verfolgte er auch nach der Schule weiter. Er besuchte Überlebende in ganz Europa, mit 25 Zeitzeugen stand oder steht er in engem Kontakt, zwei von ihnen, die zur Gruppe der Sinti gehören, sprachen zum ersten Mal über ihre Lagererlebnisse. Mit einem Dutzend Überlebender veröffentlichte er das Buch „Die letzten Stimmen des Holocaust“, in dessen Vorwort sich sein Engagement schlüssig nachvollziehen lässt. Mit einigen der Zeitzeugen gestaltet er Veranstaltungen, mit zweien von ihnen tritt er regelmäßig an Schulen oder Bildungseinrichtungen auf – mit Eva Szepesi, die 2024 im Bundestag sprach, und mit dem 81 Jahre alten Thomas Gabelin, der 1944 in Theresienstadt geboren wurde. Allein mit Letzterem ist er in den vergangenen Jahren etwa von 50 Schulen eingeladen worden, auch das Fernsehen berichtete. Die Dramaturgie folgt dem Muster „Alt trifft Jung“ Heute lebt Louis Pawellek, wie er sagt, von diesen etwa eineinhalbstündigen Veranstaltungen mit Zeitzeugen. Sein Honorar beträgt zwischen 500 und 800 Euro. Thomas Gabelin lässt sich in der Regel nur die Fahrtkosten erstatten. Fehlt es bei einem potentiellen Veranstalter an Geld, gibt es die Möglichkeit, dass zwei Stiftungen, mit denen Pawellek zusammenarbeitet, einen Teil der Kosten übernehmen. Die Veranstalter müssten sich um kaum etwas kümmern, sagt Pawellek. Im Vorfeld stelle er auf Wunsch Informationsmaterial zur Verfügung, bei der Veranstaltung selbst hält er, der sich als „Hobbyhistoriker“ bezeichnet, einen Einführungsvortrag. Nach Thomas Gabelins Erzählung gibt es eine offene Fragerunde. Auf zwei Tischen werden historische Gegenstände ausgestellt, welche die Veranstaltung ergänzen: Dokumente, Fotografien, Dinge des Alltags. Die Dramaturgie folgt dem Muster „Alt trifft Jung“. Thomas Gabelin, ein promovierter Psychologe, der Schulen auch allein besucht, sagt, die Zusammenarbeit mit Louis Pawellek sei immer angenehm, das Programm „pädagogisch sehr gut aufgemacht“. Bewusst ziele Pawellek in seinem Vortrag darauf ab, die Schüler auch emotional zu erschüttern. Er findet es toll, dass sich „ein junger Mensch wie er sich derart intensiv um dieses Thema kümmert und es nach außen trägt“. Günther Jauch lobt Louis Pawellek für seine Arbeit Auch auf Tiktok, Instagram und Facebook widmet sich Louis Pawellek dem Holocaust. Für Videos sucht er historische Orte wie frühere Konzentrationslager auf, er beschreibt in Clips die NS-Tötungsmaschinerie sowie den Lageralltag, vieles in nur 30 Sekunden. Die Teaser muss man reißerisch nennen, die Präsentation ist gewöhnungsbedürftig. Fakten werden hart und oft ansatzlos präsentiert. Das müsse so sein, sagt Louis Pawellek, sonst erreiche er die jungen Leute mit ihren Sehgewohnheiten nicht. Er sei kein Fachhistoriker, Glaubwürdigkeit erwachse ihm aus dem Vertrauen der Zeitzeugen und deren Mitteilungen. Zudem wolle er, dass unbekannte oder oft geleugnete Fakten aus der NS-Zeit auf den Social-Media-Kanälen einfach festgehalten seien. In einem der Kurzvideos lobt Günther Jauch Pawellek für seine Arbeit. Wöchentlich veröffentlicht er etwa zwei neue Videos, die einzelnen Kanäle haben zwischen 15.000 und 35.000 Follower, die Abrufzahlen seien meist sechsstellig. Von Zeit zu Zeit stellt Louis Pawellek Überlebende in Live-Veranstaltungen vor, in denen gemeinsam Fragen beantwortet werden. Mehrere Tausend Zuschauer schauen nach seinen Angaben zu. Im Sommer 2026 kam Pawellek mit einer weiterführenden Essener Schule in Kontakt. Es ging um einen Termin mit Thomas Gabelin. Der Veranstaltungskoordinator der Schule machte am 1. September einen, wie der Mail zu entnehmen ist, mit der Schulleitung abgesprochenen Terminvorschlag, der 13. Oktober sollte es sein. Weitere Details wie die genaue Uhrzeit seien noch zu besprechen. Louis Pawellek sagte zu. Zwei Wochen später folgte eine, wie Pawellek sagt, „emotionslose“ telefonische Absage: „Als Begründung wurden uns die aktuelle Situation um Gaza und Palästina sowie Sicherheitsbedenken genannt. Die Schule würde von einem Besuch Abstand nehmen.“ Pawelleks Partnerin, die nach eigener Aussage mitgehört hat, bestätigt die Angaben. Das Zeitzeugenschicksal sei für Jugendliche „sehr weit weg und schwer greifbar“ Ähnliches hat Louis Pawellek noch nicht erlebt. Er habe schon zahlreiche Brennpunktschulen besucht, nie gab es Probleme oder Anfeindungen. Der Abgewiesene informierte Thomas Gabelin und versuchte anschließend, die Schulleiterin zu erreichen. Als es ihm nicht gelang, beschloss er, den Fall an die Öffentlichkeit zu bringen. Noch am gleichen Tag lud er auf seinen Social-Media-Kanälen ein Video hoch, in dem er die Angelegenheit ohne Nennung von Namen („Schule im Ruhrgebiet“) schildert und als „Skandal“ bezeichnet. Schon kurz darauf meldete sich das Onlinemedium „Nius“ mit einer Anfrage bei ihm. Er ließ sie unbeantwortet, wie er sagt. Am nächsten Tag nahm er Kontakt zur „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“ (WAZ) auf. Die Leiterin der Essener Lokalredaktion war überrascht über seine Vorwürfe gegenüber der Schule, die als engagiert und meinungsoffen gelte. Die Redakteurin versprach der Sache nachzugehen. Pawellek versuchte weiter, die Schulleiterin zu erreichen – erfolglos. Am 18. September schlug er zur Lösung der Angelegenheit per Mail eine Entschuldigung der Schule vor. Darauf antwortete die Leiterin, die inzwischen von seinem Social-Media-Video Kenntnis erlangt hatte, mit einer Nachricht, die der F.A.Z. vorliegt und mit den Worten beginnt: „Wir sind irritiert über die Aufregung, die unsere Absage der geplanten Veranstaltung ausgelöst hat“, eine „Absage“ wird also bestätigt. Als Erklärung führte die Schulleiterin an, dass das wichtige Thema Erinnerungskultur heute „für Jugendliche sehr weit weg und schwer greifbar“ sei, gerade der Besuch eines Zeitzeugen müsse daher „unterrichtlich gut eingebettet und begleitet“ werden. Auf das im Raum stehende Palästina-Argument ging sie nicht ein, von einer Terminverschiebung, um Zeit zu gewinnen, war nicht die Rede. Der Absage-Vorfall wird als eine Art Gil-Ofarim-Konstellation dargestellt Pawelleks Darstellung auf Instagram bezeichnete sie als „sachlich falsch“, und sie merkte in einer argumentativen Volte an, dass sie „rechte Narrative“ bediene – in den Kommentarspalten werde ihnen freier Lauf gelassen. Einem Austausch am Telefon erteilte sie eine Absage, die „digitale Vertrauensbasis“ sei verloren. Stattdessen schlug sie ein persönliches Gespräch zwischen Pawellek und der Schulleitung in Essen vor, als möglichen Termin nannte sie den Tag der ursprünglich geplanten Veranstaltung. Pawellek erklärte sich zu einer Videokonferenz bereit; er wolle nicht eigens nach Essen kommen. Wenig später veröffentlichte er ein Video-Update auf seinen digitalen Kanälen, in dem er sich gegen den Vorwurf verwehrt, er bediene rechte Geschichtsverfälschung. Seine Arbeit stehe für Erinnerung, Demokratie und Toleranz. In den Leserkommentaren, die er meistens moderiert, werde er ja wegen seiner Erinnerungsarbeit gerade angefeindet. Wenig später nahm er Kontakt zur F.A.Z. auf. Eine erste Anfrage beantwortete die Schulleiterin mit Verzögerung. Nachdem die „WAZ“ über den Fall berichtet und Partei für sie ergriffe hatte, verwies die Schulleiterin auf diesen Text und darüber hinaus auf die Pressestelle der Bezirksregierung Düsseldorf. Der Artikel ist parteiisch und schildert den Absage-Vorfall als eine Art Gil-Ofarim-Konstellation. Louis Pawellek wird als jemand dargestellt, der auf seinen persönlichen Vorteil bedacht sei und mit allen Mitteln nach Aufmerksamkeit strebe. Ausführlich zitiert wird eine recht gewundene Erklärung der Stadt Essen, die zu Wort kommt, weil der Veranstaltungskoordinator dort angestellt ist. Die Stadt versteht die Aufregung nicht, es habe sich um keine vertragliche Zusage gehandelt, derlei Umplanungen seien nicht ungewöhnlich. Es sei eine „schulorganisatorische Entscheidung“ getroffen worden, die „Situation im Nahen Osten“ habe keine Rolle gespielt. Dass einem 81 Jahre alten Holocaust-Überlebenden ein abgestimmter Termin abgesagt wurde – dergleichen hat dieser in Jahrzehnten nicht erlebt – und die Schüler auf seinen Bericht verzichten müssen, fällt für die Stadt offenbar nicht ins Gewicht. Mehr als zehn Drohbriefe gingen nach dem „Bild“-Artikel ein Unter Berufung auf die Schulleitung bringt der Artikel ein weiteres Argument gegen den Auftritt vor: Die Kosten seien ungewöhnlich hoch gewesen, Zeitzeugen träten in der Regel für weit weniger auf. Louis Pawellek stellt dazu fest, dass das Honorar schon vor Monaten abgestimmt worden sei; die von ihm angebotene Beteiligung einer Stiftung sei vom Veranstaltungskoordinator abgelehnt worden. Aus Pawelleks Sicht muss „gute Bildungsarbeit“ angemessen bezahlt werden, ein Teil des Geldes fließe in neue Buchprojekte, technische Ausstattung sowie die Bildungs- und Erinnerungsarbeit in den sozialen Medien. Er biete „Geschichte pur“. Die Möglichkeit, dass der Essener Koordinator bei seiner Absage unabgestimmte Argumente vorgebracht hat, was einige Ungereimtheiten erklären würde, wird in dem Artikel nicht erwogen. Eine diesbezügliche F.A.Z.-Anfrage bei der Stadt Essen, die in seinem Namen spricht, wurde mit der Feststellung beantwortet, dieser habe nichts dergleichen gesagt. Kurze Zeit später erschie ein Artikel in der „Bild“-Zeitung mit dem Titel „Gaza-Konflikt: Essener Schule lädt Holocaust-Überlebenden aus“, in dem auch der Name der Schule genannt wird – eine weitere Verschärfung der Situation. Inzwischen sind nach Aussage der Bezirksregierung Düsseldorf an der Schule mehr als zehn Drohbriefe eingegangen, in denen der Einrichtung unter anderem Judenhass vorgeworfen werde. Mehr als ungeschickte Kommunikation Louis Pawellek hat unterdessen auf Instagram ein abermaliges Update veröffentlicht, in dem die „Bild“-Schlagzeile vorkommt und der „WAZ“-Artikel scharf kritisiert wird. Zu seinem Missfallen habe dieses dritte Video, wie er sagt, weite Kreise in AfD-Foren gezogen. Die Lage scheint verfahren. Einerseits wirkt die Version von Louis Pawellek schlüssiger, andererseits wäre es abwegig, der Schule, die jüngst erfolgreich an einem Zeitzeugenprojekt teilnahm, leichtfertig Cancel-Tendenzen zu unterstellen. Durch zahlreiche Kommunikationsfehler, Instagramvideos auf der einen und sachfremde Totschlagargumente auf der anderen Seite sind Fronten entstanden, die nun einer Verständigung im Weg stehen – und das bei einem Thema, welches beiden Seiten erklärtermaßen wichtig ist. Die ungeschickte Kommunikation ist der eine Aspekt dieses Falls. Der andere betrifft die Frage, ob diesen Verwicklungen nicht auch ein gewandeltes Verhältnis zur Erinnerungskultur zugrunde liegen könnte, zu Holocaust-Überlebenden und Zeitzeugen. Hierbei ginge es um eine tendenzielle Entfremdung, die auf äußeren Faktoren wie einen größer gewordenen zeitlichen und kulturellen Abstand zurückzuführen wäre. Kurzvideos in sozialen Medien mit neuem Tonfall oder der Einsatz von KI und selbst Hologrammen ergänzen zunehmend die Zeitzeugenberichte. Moderatoren von Holocaust-Überlebenden kommen allein aus organisatorischen Gründen ins Spiel; ohne sie gäbe es manche Schulveranstaltung nicht. Doch inhaltliche Auseinandersetzungen über diese gewandelten Voraussetzungen gibt es kaum, auch in Essen gab es sie nicht. Am auffälligsten aber ist, dass in Essen der eigentliche Zeitzeuge bei fast allen Entwicklungen außen vor blieb, fast so, als könnte man ihn ignorieren. Wie aber soll Thomas Gabelin die wortkargen, schwer nachvollziehbaren Erklärungen der Schule anders verstehen als so: Dein persönliches Erinnern ist für die Jugend von heute weit weg, die entsprechenden Hintergründe können im Unterricht in mehr als drei Wochen nicht eingebettet werden, daher müssen wir leider absagen. Im Gespräch mit der F.A.Z. sagt Thomas Gabelin: „Worte wie ‚weit weg‘ und ‚schwer greifbar‘ hören sich für mich nach ‚Schlussstrich ziehen‘ an.“ Für eine Neuaufnahme des Gesprächs mit der Schule in Essen stehe er trotzdem zur Verfügung. Es sei offensichtlich, dass Zeitzeugenberichte aus der NS-Zeit heute wichtiger denn je seien. Mit dem aktuellen Nahostkonflikt habe seiner allerdings nichts zu tun.
