Wartburg war blau und magisch. Ich gab ihn nicht wieder her. Ihn, ganz richtig, denn Wartburg war männlich: der Wartburg, nicht die Wartburg. Wartburg war das Weihnachtsgeschenk für mich, das Erste, an das ich mich überhaupt erinnern kann: frühestes greifbares Gegenüber meiner Selbstbewusstwerdung. Wenn man gleich ganz große Töne spucken will: ein mythisches Objekt meiner Biographie. Ich muss zweieinhalb Jahre alt gewesen sein. Ein blaues Spielzeugauto aus dem VEB Plasticart Zschopau hatten mir meine Eltern geschenkt. „Spielend lernen. Mit Spielzeug ins Land der Technik“, dürfte auf der Schachtel gestanden haben. Daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Nur an den blauen 353er-Wartburg, der in meine Hände passte. Ich war vernarrt in Autos und konnte, hinter der Balkonmauer stehend, die Typen an den Motorengeräuschen erkennen, ohne sie zu sehen: den blechern, aber elegant sirrenden 311er-Wartburg, optisch vielleicht das schönste Auto, das je in der DDR gebaut worden war; den etwas hohler krächzenden, auch äußerlich klobigeren 353er, das Nachfolgemodell, das die Siebziger- und Achtzigerjahre beherrschte. Die technische Begabung war in Wahrheit eine musikalische: frühkindliche Klangfarbendifferenzierung. Wenige Monate später erschien mir der blaue Wartburg ganz groß im Buntglasfenster des Bahnhofs von Eisenach: „70 Jahre Eisenacher Mobilbau“. Mein kindlicher Wurstfinger piekste in die Luft, und ich rief laut: „Wartburg!“ Die Fahrzeugfabrik Eisenach war 1896 gegründet worden. Und von 1898 an wurde hier der „Wartburg-Motorwagen“ gefertigt, eine Lizenz des französischen Decauville. Das Museum Automobile Welt Eisenach erinnert noch heute daran – und auch daran, dass hier die Anfänge von BMW als Automobilbauer zu finden sind. Aber die sozialistische Kunst am Bau zeigt natürlich den 353er-Wartburg aus volkseigener Produktion. Der erste Sommerurlaub, an den meine Erinnerungen zurückreichen, führte ebenfalls zum Wartburg und endlich zur Wartburg. Die Esel, die mich hätten auf den Berg tragen sollen, hatten Mittagspause. Ich musste, knapp drei Jahre alt, laufen. Heute sagt mir Martin Eberle, der amtierende Burghauptmann und Direktor der Wartburg-Stiftung, diese Esel hätten für viele Erwachsene auch eine mythische Bedeutung, weil sie immer noch deren Namen nennen könnten: „Meiner hieß Ali. Und wie hieß deiner?“, höre man manchmal die Gäste im Burghof fragen. Es hat ein Ende mit der Eselei Die Eselei schloss vor einigen Jahren, sagt Andreas Volkert, der seit 1984 auf der Wartburg arbeitet. An die 150 Jahre lang hatten Esel die Touristen, vor allem Kinder, vom Süden Eisenachs auf die Burg getragen. Aber der Tierschutz übte in letzter Zeit immer mehr Druck auf diesen Brauch aus; Futter und Versicherungen waren für das ganze Jahr zu zahlen, die Hauptsaison für den Besuch der Wartburg währt jedoch nur von Ostern bis zum Reformationstag, obwohl die Burg 365 Tage im Jahr geöffnet bleibt. Das rechnete sich für den Betreiber der Eselei nicht mehr. Außerdem waren die Schulen bei Wandertagen und Klassenausflügen gezwungen, für jedes Kind Genehmigungen der Eltern zum Ritt auf den Eseln einzuholen. Kein Abenteuer ohne rechtliche Absicherung: Die Einstellung der verwalteten Welt zum Mythos ist feindlich. Jetzt gibt es nur noch Holzesel als Rastspielplatz auf halbem Wege zwischen Tal und Berg. Mit dem Berg fing alles an. „Wart, Berg, du sollst mir eine Burg werden!“, soll Ludwig der Springer, bald darauf Graf in Thüringen, der Sage nach ausgerufen haben, bevor er 1067 mit dem Bau der Wartburg begann. Und so streicheln wir erst einmal den Berg, und zwar dort, wo er im Burghof noch aus dem modernen Pflaster platzt: grobkörnig, rotbraun-grau gesprenkelt. „Wartburg-Konglomerat“, sagt Ulrich Baumhauer, auch er seit vier Jahrzehnten auf der Burg beschäftigt, „Granit, Gneis, Glimmerschiefer, Quarzit und Quarz, eine ganz spezielle geologische Formation.“ Dieses Gestein ist mindestens 250 Millionen Jahre alt. „Das Jüngste, was Sie hier sehen, ist der Wald“, ruft Baumhauer, nachdem wir das Dach des Ritterbades am Südende der Wartburg erklommen haben. Touristen dürfen hier normalerweise nicht hin. Tatsächlich: Das Gestein ist eine Viertelmilliarde Jahre alt; die Burg steht seit bald 1000 Jahren. Aber die Bäume unter uns, viele kräftige Eschen, dürften allenfalls 200 Jahre zählen. Jünger sind nur noch die Gewölle verspeister Mäuse, die uns die Turmfalken aus ihren Nestern vor die Füße schießen. Der Thüringer Wald war lange intensiv bewirtschaftetes Forstgebiet. Im Mittelalter gab es hier weite Rodungsflächen, die dann zu Weideland wurden. Dass man die Wartburg auf dem Berg aus dem grünen Wald „aufgebaut, so hoch da droben“ ragen sieht, ist wesentlich eine Leistung des romantischen 19. Jahrhunderts. Der Wald war Wildnis und Räubergrund Das Mittelalter liebte den Wald nicht. Er war Wildnis und Räubergrund. Er war Brennholz und Baustoff. Heute sieht man in den Ausstellungsräumen der Wartburg das Aquarell „Blick auf die Wartburg von Süden“, das Hans Anton Williard um 1860 gemalt hat. Darin erscheint die Wartburg auf dem Berg am Ende eines Waldwegs, gerahmt von hohen Bäumen. So wie die Gotik die Säulen des Kirchengewölbes als Wald begriffen hatte, begriff der Maler den Wald nun als Kathedrale, in deren Chor die Wartburg auf dem Altar steht: deutscher Wald und deutsche Burg als sakrale Einheit aus Natur und Geschichte – kein Faktum, ein romantischer Entwurf. Die Wartburg war eigentlich eine Wachtburg zur Kontrolle der Via Regia, jener mittelalterlichen Handelsstraße, die von der Iberischen Halbinsel bis nach Moskau führte, etwa auf der Route der heutigen Autobahn 4, nördlich von Eisenach. Wir sind vom Dach des Ritterbades noch höher geklettert, auf den Bergfried mit seinem großen, goldenen Kreuz. Zuletzt sei er mit Friedrich Merz hier oben gewesen, sagt Baumhauer, früher auch schon mal mit Bernhard Vogel oder Gregor Gysi. Sein Kollege Volkert habe König Willem-Alexander und Königin Máxima der Niederlande hierhergeführt. Vom Bergfried, dem markanten Turm der Wartburg, reicht der Blick bis zum Großen Inselsberg, der höchsten Erhebung des Thüringer Waldes im Südosten, und an klaren Tagen bis zum Hohen Meißner im Nordwesten. Der Radius gibt etwa die Ausdehnung der alten Landgrafschaft Thüringen wieder, die Teile Frankens und Hessens mit umfasst hatte. Die Funktion der Wartburg beruhte auf ihrer geographischen Dominanz. Sie garantierte die Einsehbarkeit eines Territoriums. Der strategische Vorteil im Mittelalter ist im 19. Jahrhundert zu einer ästhetischen Qualität geworden: geologische Dominanz als visuelles Charisma. Die Burg wachse „schön natürlich“ aus dem Fels hervor, zitiert Baumhauer den Architekten Hugo von Ritgen, der vom künftigen Großherzog Carl Alexander von Sachsen-Weimar-Eisenach Mitte des 19. Jahrhunderts mit der Rekonstruktion der Wartburg betraut worden war. Die schöne Einheit von Burg, Wald und Fels wird zum Problem, wenn es Konkurrenz gibt. Dafür sorgen heute die Windräder. Lange gab es einen Rechtsstreit zwischen der Wartburg-Stiftung und den Investoren einer Windkraftanlage auf dem Milmesberg südlich der Wartburg. Würden die Energiemühlen mit 100 Meter Nabenhöhe und 82 Meter Rotordurchmesser die Sicht auf die Wartburg stören, die seit 1999 als eine der wenigen deutschen Burgen auf der Welterbeliste der UNESCO steht? Das Verwaltungsgericht Meiningen entschied 2010: Nein, die Windkraftanlagen beeinträchtigen weder das Landschaftsbild noch die historische Substanz der Wartburg. Vom Bergfried aus sieht man die Windmühlen des postfossilen Zeitalters bislang nur nördlich von Eisenach. Dort können sie den neuen Mythos klimaneutraler Stromerzeugung durch die Lüfte quirlen. Im Süden rauscht der Wald noch mühlenfrei. Einer der schönsten romanischen Profanbauten nördlich der Alpen „Die Wartburg fügt sich hervorragend in ihre bewaldete Umgebung ein und ist in vielerlei Hinsicht ‚die ideale Burg‘“, heißt es in der offiziellen Begründung der UNESCO zur Aufnahme der Wartburg in die Welterbeliste. Die ideale Burg – das ist ein Generationenwerk. Der im Jahr 1156 begonnene und schon vor 1172 vollendete Palas, größer als jede Kaiserpfalz und weithin sichtbare Machtdemonstration der Landgrafen von Thüringen, gilt als einer der schönsten romanischen Profanbauten nördlich der Alpen. Er brachte die Welt der Mailänder Palazzi der Sforza und Visconti nach Thüringen. „Schauen Sie mal“, sagt Baumhauer, „der Festsaal ist exakt von Nord nach Süd ausgerichtet. Die Audienzen mit dem Landgrafen fanden um die Mittagszeit statt. Er saß im Norden des Saales und wurde von Süden aus angestrahlt. Eine Lichtgestalt. Die Architektur diente der mythischen Überhöhung des Herrschers.“ Bis um das Jahr 1480 wurde der Bau der Wartburg mit den Fachwerkhäusern der Vogtei im Norden fortgesetzt. Als Martin Luther am 4. Mai 1521 zu seinem eigenen Schutz durch Gefolgsmänner des sächsischen Kurfürsten hierher entführt worden war, um ihn nach Verhängung der Reichsacht vor der Ermordung zu schützen, wohnte er in Bauten, die so alt waren wie er selbst. Es war Maria Pawlowna von Russland, Großherzogin von Sachsen-Weimar-Eisenach, die ihren Sohn Carl Alexander mahnte: „Du solltest einmal daran denken, dies alles wiederherzustellen.“ Der spätere Großherzog machte die Restaurierung der Wartburg von 1838 an zu seiner Lebensaufgabe. Das, was wir heute sehen, ist seine Vision: Er ließ die ideale Burg zu Stein werden. Carl Alexander dachte groß: Der mittelalterliche Musenhof des Landgrafen von Thüringen, der Minnesänger wie Walther von der Vogelweide und Wolfram von Eschenbach angezogen hatte; die Wirkungsstätte der heiligen Elisabeth, die von hier aus die Bewegung der Armenhospitäler begründete; der Zufluchtsort Martin Luthers, der hier das Neue Testament aus dem Griechischen ins Deutsche übersetzte und damit nicht nur die Reformation befeuerte, sondern auch die Vereinheitlichung der deutschen Schriftsprache; das Wartburgfest der Burschenschaftler, die hier 1817 für die staatliche Einheit Deutschlands eintraten – das alles wollte Carl Alexander zusammenfassen „zu einer Art Museum für die Geschichte unseres Hauses, unseres Landes, ja von ganz Deutschland“. Obwohl Hugo von Ritgen durch die Wahl der Baumaterialien auch seine eigenen Ergänzungen kenntlich machte, war das Ziel der Restaurierung nicht, historische Distanz herzustellen, sondern Kontinuität. Die Fresken Moritz von Schwinds zur heiligen Elisabeth und zum Sängerwettstreit wollten „unmittelbar in den Geist der Zeiten“ versetzen. Es ging um das Erlebnis von Zugehörigkeit, von Geborgenheit in einer Überlieferung. Das „Seelenleben des ganzen Vaterlandes, ja der ganzen Menschheit“ wollte Carl Alexander damit berühren und fördern. „Sie müssen sich mal vorstellen“, sagt Baumhauer, „dass Carl Alexander mit diesem Restaurationswerk mitten in den Revolutionswirren von 1848/49 beginnt. Kurz nachdem Georg Büchner im ‚Hessischen Landboten‘ gefordert hatte: ‚Friede den Hütten! Krieg den Palästen!‘ Und hier in Eisenach? Sind alle friedlich dabei, diese Burg zu restaurieren, begreifen das als gemeinschaftliche Aufgabe des Volkes. Auch in Dankbarkeit für ihren liberalen Landesherrn. Auf dem Grab von Carl Alexander, der 1901 starb, liegen bis heute an seinem Todestag am 5. Januar frische Blumen. Das blieb sogar in der DDR so.“ Ein Märtyrer protestantischer Inquisition „Seit 800 Jahren erhielt Gottes Gnade diese Burg“, hatte Carl Alexander am 28. August 1867 auf der Wartburg ausgerufen. Ist von dieser Burg fast 1000 Jahre lang nur Gutes ausgegangen, wie manche Wartburg-Anhänger es sich wünschen? Wohl kaum. Schon zur Reformationszeit wurde Fritz Erbe, Anhänger der Täuferbewegung, die die Wirksamkeit der Kindstaufe nicht anerkannte, im Südturm sieben Jahre inhaftiert und gequält, ein Märtyrer protestantischer Inquisition. Das christliche Kreuz, das seit 1859 den neu errichteten Bergfried krönte, war im April 1938 – freilich nur für wenige Tage – durch ein kolossales Hakenkreuz ersetzt worden. Außerdem beheimatete die Wartburg in der Zeit des Nationalsozialismus das berüchtigte „Entjudungsinstitut“, in dem Fachkräfte wie der spätere Leipziger Thomaskantor Erhard Mauersberger christliche Texte von deren jüdischen Bezügen in der Sprache „reinigten“. Einige dieser Textversionen von Bach-Kantaten und Händel-Oratorien wurden bis in die Sechzigerjahre hinein in der DDR weiter gesungen, eine fatale Kontinuität, die der antifaschistische Arbeiter-und-Bauern-Staat offiziell weglog. Unter den etwa 500.000 Gästen, die heute jährlich auf die Wartburg kommen, sind viele Menschen aus den weltweit 700 Städten, die ein Elisabeth-Krankenhaus beherbergen. „Die Schwestern aus São Paulo, die dort im Elisabeth-Krankenhaus arbeiten, hatten Tränen in den Augen, als sie hierherkamen“, berichtet Baumhauer. Und Südkoreaner liegen weit vorn unter den ausländischen Wartburg-Besuchern. Das habe mit der Ausbreitung des Luthertums in ihrem Land zu tun. Es sei die am stärksten wachsende Religionsgemeinschaft in Südkorea, dessen Menschen unter der Trennung von den Verwandten in Nordkorea leiden. „Die Südkoreaner fragen mich oft ganz direkt: ‚Was ist euer Gott für ein Gott, dass er Mauern zum Einstürzen brachte?‘ Für sie ist die Rolle der evangelischen Kirche bei der friedlichen Überwindung der deutsch-deutschen Teilung eine Erweckungserzählung. Deshalb pilgern sie auf die Wartburg.“ Martin Eberle erzählt, dass alle Eisenacher Abiturienten bis heute ihr Zeugnis im Festsaal erhalten. Dieses Jahr waren es 138. Aber die Jugendlichen von heute könne man nur noch schwer mit der heiligen Elisabeth und mit Luther begeistern. Es brauche neue Erzählungen. Die Burschenschaftler und die Anfänge der Demokratiebewegung seien für sie viel attraktiver. Doch können juden-, frauen- und franzosenfeindliche Männer, die hier eine Bücherverbrennung abhielten, als Vorbilder dienen? Sind sie weniger problematisch als der Antisemit Luther, der so Eberle, von der Gedenkkultur inzwischen „zerfetzt“ worden sei? Seltsam: In der späten DDR der Achtzigerjahre durfte Luther auch unter den Bedingungen des Staatsatheismus wieder fromm sein. Heute aber ist er „schwer vermittelbar“. Schafft man mit solch einer „zerfetzenden“ Gedenkpolitik nicht erst jene Repräsentationslücken, die dann die AfD füllt? Carl Alexanders Vision der Wartburg war das Gegenteil eines zerfetzenden Gedenkens: eher die Seelenburg der Deutschen, vielleicht sogar ein Ort der Akzeptanz für ein fehlbares Selbst, eine Art Familienzusammenführung über 1000 Jahre hinweg, wo auch die Vermissten und Verachteten mit den Berühmten und Gefeierten an einen Tisch kommen. Von dem Wartburg rollen übrigens gegenwärtig noch 9100 zugelassene Exemplare über Deutschlands Straßen. Die Wartburg wird sie überdauern. Sie ist zu groß für eine Kinderhand, aber sie hat Platz in vielen Herzen. Informationen: www.thueringen.info, www.wartburg.de und www.eisenach.info. Bisher erschienen: Neuschwanstein (25. Juni), Heidelberg (9. Juli), die Loreley (23. Juli), Bayreuths Grüner Hügel (6. August); Weimar (20. August), der Brocken (27. August).
