Eine aktuelle Studie vergleicht männliche Privilegien mit Mundgeruch: „Wie man den eigenen Mundgeruch nicht wahrnimmt, so nehmen die meisten jungen Männer ihre Machtstellung in der Gesellschaft nicht wahr, weil sie ein anderes Selbstbild haben“, heißt es darin. Die Untersuchung „Macht und Ohnmacht junger Männer“ des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend nennt das „kognitive Dissonanz“. Sie zeigt, wie weit Wahrnehmung und Fakten voneinander entfernt sein können. Befragt wurden Männer zwischen 18 und 29 Jahren. Kognitive Dissonanz beschreibt den Spannungszustand, der entsteht, wenn eigene Gedanken, Werte oder Handlungen im Widerspruch zueinander stehen. Oder wenn die Selbstwahrnehmung nicht mit gesellschaftlichen Strukturen übereinstimmt. Diese Entwicklung spiegelt sich auch in der sogenannten Mannosphäre (englisch Manosphere) wider, in der Influencer wie Andrew Tate Frauenhass propagieren. Maskulinismus hat sich als Gegenbewegung zum Feminismus etabliert. Der Frankfurter Rapper Elesteo, mit bürgerlichem Namen Leo Stotz, will solchen Männlichkeitsbildern etwas entgegensetzen – mit seiner Musik. Der Rapper hat in diesem Jahr sein fünftes Album veröffentlicht und zum ersten Mal ein Release-Konzert gespielt. An diesem Nachmittag läuft in einem seiner Lieblingscafés, dem „Café Liebe“ im Frankfurter Nordend, leise Jazzmusik. Die Sessel im Café sind so weich, dass Stotz darin einsinkt, als er sich hinsetzt. „Wir haben diesen Film einfach gefeiert“ Mit einer Körpergröße von 1,90 Metern strahlt der junge Mann eine natürliche Autorität aus. Im Gespräch wirkt er überlegt, nimmt sich Zeit, bevor er antwortet, und lässt sich auch von Stille nicht aus der Ruhe bringen. In seinen Songs dominieren gesellschaftspolitische Themen, das Leben in einer vom Überfluss geprägten Gesellschaft und das Aufwachsen am Rand der Großstadt. Die französischen und deutschen Passagen in seinen Stücken verbindet er dabei harmonisch, sodass der Sprachwechsel oft kaum auffällt – auch weil er Betonung und Klangfarbe beider Sprachen aneinander anpasst. Französisch hat er sich selbst beigebracht – aus Begeisterung für französischen Rap, den er schon als Jugendlicher hörte. „Ich habe mir dann die Sprache, die im French Rap gesprochen wird, angeeignet, das habe ich auch immer noch drin.“ Mit seinen Freunden verbrachte Stotz oft ganze Nachmittage damit, Musikvideos ihrer Lieblingsrapper zu schauen. „Wir haben diesen Film einfach gefeiert.“ Mit „Film“ meint der 28 Jahre alte Musiker nicht nur die Ästhetik der Videos, sondern auch die Intonation und die milieuspezifische Sprache der Rapper. Während des Französischstudiums habe er seine Sprachkenntnisse dann vertieft, erzählt er. Eine Gegenstimme zu den Geschlechterklischees Mit der Bilingualität gehen laut Stotz auch zwei verschiedene Identitäten einher: „Im Deutschen positioniere ich mich, stehe ein für Dinge und Werte, die mir wichtig sind, bin gesellschaftskritisch.“ Im Französischen sei das anders, „da bin ich vielleicht ein bisschen weniger streng“, sagt der Musiker. Deutsch ist Stotzs Muttersprache, Französisch spreche er hingegen hauptsächlich im Ausland. „Und das ist natürlich noch mal ein anderes Leben und eine andere Identität.“ Den größten musikalischen Einfluss auf ihn hatten Djadja und Dinaz, ein französisches Hip-Hop-Duo, sagt er. Je älter Stotz wurde, desto mehr habe er auch die französischen Texte verstanden und bemerkt, dass die Inhalte oft frauenfeindliche Passagen enthalten. Stotz sieht die in dem Genre weit vertretenen Frauenbilder kritisch. Es sei ausschlaggebend, wie Männer in Liedern über Frauen sprechen und welche Klischees transportiert würden. „Was man aufnimmt, wie man sozialisiert wird, auch in der Musik, hat immer einen Einfluss auf das eigene Denken.“ Er wolle mit seinen Texten eine „Gegenstimme“ zu Geschlechterklischees setzen, sagt der Rapper. In dem Song „Großstadtmonotonie“ kritisiert er, dass Männern in der Gesellschaft häufig der Raum fehlt, offen mit Emotionen umzugehen: „Ich weine selten, würde gerne öfter, doch von dieser Société sind wir alle Opfer.“ Im Song „Confident / Arrogant“ spricht er zudem offen darüber, dass er eine Therapie gemacht hat, was noch immer mit Stigmatisierungen verbunden sei – vor allem für Männer. Die Forschung inspiriert ihn – auch in der Musik Wie Stotz erzählt, hat er seine Songs eine Zeit lang allein in seinem Bornheimer WG-Zimmer produziert. Seit diesem Jahr arbeitet er mit dem Musikproduzenten Hamu, bürgerlich Samuele Hendel, in dessen Studio zusammen. Mal sind sie zu zweit, mal kommen andere Künstler dazu. Die Atmosphäre im Studio sei unbeschwerter, wenn dort mehreren Personen an ihrer Musik arbeiteten. Auch qualitativ zahle es sich aus, wenn ein Song durch mehrere Hände gehe. Der Musiker gibt jedoch zu: „Ich bin sehr ungeduldig, weil ich gern das Endprodukt in der Hand habe.“ Die Inspiration für seine Stücke findet Stotz auch in seiner Arbeit. Als Doktorand an der Frankfurter Goethe-Universität forscht er mit dem Schwerpunkt rassismuskritische und dekoloniale Französischdidaktik. Ursprünglich hat Stotz Französisch und Sport auf Lehramt studiert, im Master-Studiengang in Bayreuth dann Romanistik mit Schwerpunkt auf afrikanischen Sprachen und Literatur. Während einer Studienexkursion in den Senegal habe er gemerkt, dass es weder eine inhaltliche Vor- noch eine Nachbereitung des Projekts für die Studierenden gab. Das wollte Stotz ändern. „Und dann bin ich durch die Uni gelaufen, habe an verschiedene Türen geklopft und gesagt, dass ich das Projekt weitermachen möchte.“ Mittlerweile ist er auch wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Romanische Sprachen und Literaturen der Goethe-Universität. Stotz organisiert Exkursionen nach Senegal Daneben nimmt Stotz auch noch an dem universitären Weiterbildungsprogramm „Buch- und Medienpraxis“ teil. Die Seminare finden in regelmäßig abends statt. Auf die Frage, ob es manchmal anstrengend ist, so vieles zeitgleich zu machen, reagiert Stotz gelassen: „Es ist schon ein bisschen viel auf einmal gerade, aber die meiste Zeit fühlt es sich gar nicht wie Arbeit an.“ Vor allem in der Musik findet er einen Ausgleich. Die Grenzen zwischen den verschiedenen Lebensbereichen seien fließend, so der Musiker. Über die Exkursionen in den Senegal und seine Verbindung zu dem Land spricht Stotz mit Begeisterung. Für ihn sei es wichtig, in den Austausch zu gehen. Deshalb hat er nicht nur Studentenreisen in den Senegal organisiert, sondern auch Besuche senegalesischer Lehrkräfte in Frankfurt. Dieser Austausch fand im Juni zum ersten Mal im Rahmen der von Stotz organisierten Deutsch-Senegalesischen Bildungswoche an der Goethe-Universität statt. Trotz seiner Begeisterung für das Land sehe er gewisse soziale Strukturen wie die Geschlechterrollen und den Umgang mit Queerness im Senegal kritisch. Das müsse man jedoch differenzierter betrachten. Schließlich seien diese Überzeugungen einmal importiert worden und sollten auch in Deutschland kritisch betrachtet werden. „Bestimmte Dinge muss man natürlich benennen, und da darf man auch nicht drum herumreden“, sagt Stotz über seine Aufenthalte in dem Land. Er versuche, sich auf die Gemeinsamkeiten statt auf die Unterschiede zu konzentrieren. Ihm sei auch bewusst, dass er nur einen selektiven Ausschnitt einer Realität habe, der mal größer und mal kleiner sei. Zurück also zur kognitiven Dissonanz. Vielleicht ist es genau dieser Spannungszustand, den Stotz ausmacht: dass er Widersprüche nicht glattbügelt, sondern kritisch betrachtet. Sich selbst und die eigenen Ansichten zu reflektieren, gehört für ihn dazu. Im Song „Was wir machen“ wird daraus Kritik an der Bequemlichkeit, in die Menschen oft verfallen, statt sie zu hinterfragen. „Kognitive Dissonanz – mach’s dir bequem“, singt Stotz im Refrain. Eine Zeile, die anklagt – ihn dabei aber nicht ausnimmt.
