FAZ 28.05.2026
07:52 Uhr

Mühlviertel in Österreich: Das Land der blauen Wunder


Im oberösterreichischen Mühlviertel eröffnen sich nicht nur Radfahrern zauberhafte Landschaften. Hier lässt sich auch die Geschichte des Webens und Färbens erkunden.

Mühlviertel in Österreich: Das Land der blauen Wunder

Es grenzt an Zauberei. Ein Stück helles, von zarten Mustern überzogenes Leinen verschwindet in einem Bottich, der mit dunkler Flüssigkeit gefüllt ist. Nach ein paar Minuten zeigt sich der Stoff wieder im Licht: nunmehr in einem Gelb, das sich an der Luft in Grün verwandelt und kurz darauf in Blau. Es ist die reinste Magie. Einfach mal blaumachen, heraussteigen aus dem Alltag und vielleicht sogar sein blaues Wunder erleben: Im oberösterreichischen Mühlviertel weiß man, wie das geht. Die Gegend im Dreiländereck von Österreich, Deutschland und Tschechien galt einst als armer, abgeschiedener Winkel Mitteleuropas. Doch ähnlich wie der Blaudruck, der hier auf eine lange Tradition zurückblickt und in aufwändigen Arbeitsschritten aus Leinen kostbare Kunstwerke entstehen lässt, enthüllt das Mühlviertel seinen Zauber gemächlich und dafür umso intensiver – als Hügellandschaft hoch über der Donau mit geheimnisvollen Wäldern, kargen Äckern und Feldern, tief eingeschnittenen Tälern und Kuppen, die sich am Plöckenstein und Hochficht zu Gebirgszügen von mehr als 1300 Metern türmen. Adalbert Stifter denkt in süßer Trauer zurück Das Verführerische dieser Gegend blieb einer breiteren Öffentlichkeit lange verschlossen. „Aber es gibt auch andere, unbedeutendere, gleichsam schwermütig schöne Teile“, schrieb schon Adalbert Stifter über den bis ins Mühlviertel reichenden Böhmerwald und dessen Ausläufer, die ihm als Schauplatz seiner Erzählungen und Romane dienten. Es sind Gebiete, so der Dichter, „die abgelegen sind, die den Besucher nicht rufen, ihn selten sehen und, wenn er kommt, ihm gerne weisen, was im Umkreise ihrer Besitzungen liegt. Wer sie einmal gekannt und geliebt hat, der denkt mit süßer Trauer an sie zurück.“ Jetzt ist die Zeit reif, das Mühlviertel mit unseren Augen zu entdecken. „Velorama“ nennt sich die Einladung, der immer mehr Neugierige folgen: Radfahren mit Panorama, auf Nebenstraßen, Forst- und Güterwegen, über Asphalt, Schotter und weichen Waldboden. Wer sich ordentlich austobt, ob mit Rennrad, Mountain- oder Gravelbike, und das gesamte, gut beschilderte Gelände abfährt, kann in seinem Tourenbuch mehr als 900 Kilometer und 160.000 mitunter schweißtreibende Höhenmeter verzeichnen. Sonntagsfahrer, die auf ihren Drahteseln bequem über die Ebenen rollen wollen, seien gewarnt. Die Routen ziehen stetig bergauf und bergab und strapazieren die Kondition. Mit dem E-Bike läuft es leichter und gemütlicher. Muße ist für das Mühlviertel ohnehin die bessere Wahl, denn unterwegs gibt es reizvolle Dörfer und Städtchen zu bestaunen, mit prächtigen Kunstschätzen wie den gotischen Flügelaltären von Waldburg und Kefermarkt und ungewöhnlichen Museen. Und natürlich sollte man die urigen Gasthäuser und hochgelobten Gourmet-Restaurants keinesfalls verpassen. Die eigentlichen Hauptdarsteller des Mühlviertels aber bleiben die fast altmodisch anmutenden Landschaften, in denen die Ruhe längst vergessener Epochen zu stecken scheint. Unter den Vordächern der behäbigen, aus groben Granitblöcken gemauerten Drei- und Vierkanthöfe stapeln sich Holzstöße, von den Balkonen winken rote Pelargonien. Die Apfelbäume und Birnbäume vor dem Haus dürfen sich im Wildwuchs entfalten, während in den Bauerngärten Zwiebeln, Karotten und Kohl in strengen Reihen gebändigt sind. Das satte Grün der Wiesen, auf denen das Fleckvieh weidet, und die Kartoffel- und Maisfelder täuschen Fruchtbarkeit vor. Die Humusschicht aber ist dünn, darunter lagert mächtiger Granit. Felsformationen thronen wie Findlinge zwischen den Fichten und Eichen und erzählen von vieler Hände Arbeit, derer es bedurfte, um das undurchdringliche Dickicht urbar zu machen. Wer auf dem harten Boden siedelte, war seit jeher gezwungen, sich abzurackern, um Kinder und Kindeskinder durchzubringen. Dass im 16. Jahrhundert der Anbau von Flachs für bescheidenen Wohlstand zu sorgen begann, nahm man als Gottesgeschenk wahr. Er gedieh unter widrigen Umständen und trotzte den kalten Wintern und heißen Sommern. Von November bis März wurde das „Haar“, wie man den Gemeinen Lein hier nannte, in den Stuben zu Garn versponnen und zu Leinen verwoben: ein Zubrot für die Bauern, das ihnen eine – zumindest bescheidene – ökonomische Blüte bescherte. Stoffe aus dem Mühlviertel waren schließlich international so begehrt, dass man größere Webereien schuf und ein Handelsnetz quer über Europa spannte. Palmen wachsen über den edlen Stoff Von florierenden Geschäften berichten die schmucken Häuser auf den Marktplätzen von Bad Leonfelden, Haslach oder Freistadt. Die lange Geschichte der vorindustriellen Erzeugung von Textilien ist bis in unsere Tage wesentlicher Teil der Identität des Landstrichs. Gutau, das jeweils am ersten Sonntag im Mai zum Internationalen Färbermarkt lädt, feiert die Kunst des Blaudrucks in einem eindrucksvollen Museum. In Haslach werden im Textilen Zentrum verschiedene traditionelle Techniken des Webens in der Gegenwart verankert. Da wie dort: Das Erbe ihrer Vorfahren hat die Mühlviertler geprägt. Er sei kein stolzer Mensch, meint Jakob Leitner, der in Ulrichsberg eine bekannte Weberei leitet. Aber die Freude, sein Handwerk zu pflegen und ihm eine Zukunft zu eröffnen, erfülle ihn. Leitner Leinen wurde 1853 begründet und hat Höhen und Tiefen durchmessen. Mit dem Zusammenbruch der K.-u.-k.-Monarchie fielen wichtige Märkte weg, mit dem Import billiger Stoffe aus Asien und Osteuropa weitere Kunden. Was dazu führte, dass Leitner seine Produktlinie änderte und jene Ästhetik entwickelte, die in Deutschland, Frankreich und den USA heute so geschätzt wird. Man setzt auf die Jacquard-Technik mit ihrer hohen Fadendichte, die den Mustern Plastizität und Verspieltheit beschert, wenn Anemonen, Farne und Palmen über den Stoff wachsen oder Vögel im Geäst turteln. Noch eleganter sind die Tischtücher und Bordüren, in denen sich Designs von barocken Gemälden oder den Fresken toskanischer Palazzi spiegeln. Es ist eine Fundgrube an Motiven für alle, die sich an edlem Leinen ergötzen. Und trotzdem: Webereien wie seine schließen in ganz Europa, bedauert Jakob Leitner. Der Kampf um Rohstoffe wird härter, im Mühlviertel sind blühende Flachsfelder fast vollends aus dem Landschaftsbild verschwunden. Garne muss man aus Frankreich oder Italien beziehen. Deswegen den Familienbetrieb verlagern? Auf keinen Fall. „Wir könnten überall sein, aber wir möchten es nicht. Wir gehören zur Region, und die Region gehört zu uns“, sagt Leitner Aus Sätzen wie diesen sprechen der Charakter und Eigensinn von Menschen, die sich nie haben brechen lassen: nicht von Herrschergeschlechtern, die häufig wechselten, nicht von Religions- und Bauernkriegen, nicht von der sowjetischen Besatzung nach 1945 und dem Eisernen Vorhang, der das Mühlviertel von Böhmen trennte und damit die sozial und kulturell engen Bande kappte. Auf den Radwegen strampelt man regelmäßig die grüne Grenze zwischen Österreich und Tschechien entlang und trifft auf Kapellen und Gedenktafeln für jene Sudetendeutschen und Deutschböhmen, die im Zuge der Beneš-Dekrete aus ihren Häusern und Dörfern gejagt wurden. Die Vertriebenen versammelten sich früher auf dem Sulzberg, einer Anhöhe nordöstlich von Ulrichsberg, um für ein paar Momente hinüberzusehen in die alte Heimat und in Gedanken Freunde und Verwandte zu grüßen. Ein Ort der Tränen, die noch heftiger flossen, als man in den Fünfzigerjahren beobachtete, wie die Moldau und einige Ortschaften nach und nach unter den Wassermassen eines Stausees begraben wurden – und mit ihnen ein Stück der eigenen Biographie. Das flüssige Gold des Mühlviertels Die später erbaute Aussichtsplattform ist heute ein beliebtes Ziel für Ausflügler, die das Panorama vom Bayerischen Wald über Oberplan, dem Geburtsort Adalbert Stifters, bis nach Krumau bewundern. Für Radfahrer ist die steile Straße zum Moldau-Blick eine Herausforderung. Die Bordcomputer der E-Bikes berechnen den Kalorienverbrauch und drängen auf eine baldige Einkehr in einem der bodenständigen Gasthäuser. Schiefertafeln preisen die lokalen Spezialitäten an: Schweinsbraten mit Erdäpfelknödeln. Bauernkrapfen, je nach Gusto mit Kraut oder Preiselbeermarmelade gefüllt. Erdäpfelnudeln, im Rohr mit Rahm und Eiern überbacken. Oder die in Milch gegarten Kartoffeln, die mit Leinöl übergossen werden, dem flüssigen Gold des Mühlviertels: kalt gepresst in der historischen Mühle in Haslach, in der seit 650 Jahren Öle abgefüllt werden. Zu herzhaften Gerichten wie diesen passen die Biere der Gegend, ob das Freistädter, das in der inoffiziellen Hauptstadt des Mühlviertels gebraut wird, oder das Schlägler. Ihrem Bier und dem Forst verdanken die Chorherren des gleichnamigen Stifts ihren Reichtum. Die Küche des Mühlviertels ist nichts für Erbsenzähler, sie macht einfach glücklich. Wer es schlanker mag und die Gourmetküche schätzt, steuert den „Mühltalhof“ oder das „Bergergut“ an, dort geraten die gestrengen Tester von Guide Michelin und Gault Millau über die verfeinerten, von der traditionellen Küche inspirierten Gerichte von Philip Rachinger und Thomas Hofer ins Schwärmen. Dass mit regionalen Zutaten gekocht wird, versteht sich von selbst. Betriebe wie die Bergkräuter-Genossenschaft haben schon zu jenen Zeiten auf Bioprodukte umgestellt, als sich die Grün-Bewegung gerade erst formierte, was ihnen anfänglich viel Spott einbrachte. Doch man blieb sich und seinen Überzeugungen treu. Das gilt auch für den Blaudruck, den Stoffen mit den weißen Mustern auf blauem Untergrund, ein ursprünglich aus Asien stammendes Verfahren, das sich mit dem Barock in Europa verbreitete und inzwischen kaum mehr gebräuchlich ist, obwohl ihm das Weltkulturerbesiegel der UNESCO zu neuer Popularität verhelfen möchte. In Österreich existieren nur noch zwei dieser Manufakturen. Eine von ihnen betreiben Eltern und Sohn Wagner in Bad Leonfelden in der vierten und fünften Generation. „Wir haben schwierige Hürden genommen“, gesteht Maria Wagner, „aber die Nachfrage steigt wieder stetig, und unsere Kundinnen sind bereit, den hohen Preis für ein Blaudruck-Dirndl zu bezahlen. Vormals war es das Alltagsgewand der Bäuerinnen, heute ist es ein Luxus.“ Etwa 300 Vorlagen präsentieren sich in dicken Musterbüchern – von winzigen Fuchsien über Rosen und Früchte bis hin zu geometrischen Ornamenten, wie sie im Jugendstil populär waren. Die bis zu 200 Jahre alten Modeln aus Birnenholz, auf denen Messingstifte unterschiedlicher Stärke die Muster ausbilden, hütet Maria Wagners wie einen Schatz. Die Formstecher-Meister, die sie gefertigt haben, sind im Ruhestand. Und kein Nachwuchs ist in Sicht. Ist das passende Muster gefunden, beginnt man mit dem Mischen des Papps. „Es steckt etwas Gummi arabicum in dieser Paste“, verrät Maria Wagner, „dazu Wasser und Tonerde. Die übrigen Zutaten sind ein Familiengeheimnis.“ Die Modeln bestreicht man nun mit dem Papp und druckt die Motive auf den Stoff. Nach einer Trocknungsphase von zwei Wochen wird das Leinen auf einen Sternreif gespannt und landet in der Küpe, einem Indigo-Farbbad. Wenn man es dann an die Luft holt, oxidiert der helle Farbton zu Gelb, Grün und Blau: das blaue Wunder. Diesen Vorgang wiederholt man je nach gewünschter Intensität der Kolorierung bis zu fünfmal, ehe man den Stoff in mit Zitronensäure versetztes Wasser taucht, um den Papp zu entfernen. Erst jetzt zeichnet sich das weiße Muster auf dem dunklen Stoff ab. Trockengebügelt kommen die Stoffe in die Schneidereien, in denen sie zu Dirndln, Vorhängen oder Tischtüchern weiterverarbeitet werden. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs, so Maria Wagners Beobachtung, waren Kundinnen zurückhaltend in Sachen Tracht, sie galt seit dem Nationalsozialismus als ideologisch diskreditiert. Man verdrängte, was wehtat, und spürte zugleich, wie sich die Vergangenheit schmerzhaft in die Gegenwart schob. Und so dauerte es Jahrzehnte, bis die „Mühlviertler Hasenjagd“, wie die Ereignisse des 2. Februar 1945 und der darauffolgenden Wochen euphemistisch heißen, historisch untersucht und öffentlich diskutiert wurden. In jener Winternacht gelang mehr als 500 Häftlingen die Flucht aus dem östlich von Linz gelegenen Konzentrationslager Mauthausen. SS, Gendarmerie, Wehrmacht und Zivilisten beteiligten sich bereitwillig am Aufruf, die Entflohenen aufzuspüren und zu töten. Nur elf Männer überlebten das Massaker. Die „Mühlviertler Hasenjagd“ blieb ein Trauma, das die Gesellschaft unterschwellig belastete. Doch die Ressentiments der Tracht gegenüber sind mittlerweile kleiner geworden, weiß Maria Wagner. „Junge Frauen tragen ihr Dirndl mit Stolz, selbst bei offiziellen Anlässen wie Promotionen oder Hochzeiten, ob in Linz, Wien oder München.“ Und überhaupt: Das Mühlviertel öffnet sich der Welt. Seit der Eiserne Vorhang gefallen ist, sind die einstigen Handelsstraßen von der Donau nach Budweis, Pilsen oder Prag uneingeschränkt passierbar, ein uralter Kulturraum wächst abermals zusammen. Die Rad- und Wanderwege sind längst länderübergreifend ausgerichtet, die Kooperationen und Freundschaften der Gemeinden und ihrer Bewohner grenzüberschreitend. Die Natur hat sich ohnehin nie an Schlagbalken oder Gesetze gehalten, ob im Osten oder Westen. Wenn die Sonne hinter den Fichten und Buchen verschwindet, verfärbt sich der Himmel von einem lichten in ein tiefes Blau und schließlich in ein Schwarz, das sich in der Dämmerung des Morgens in ein leichtes Türkis verwandelt. Auch dies ein blaues Wunder, Tag für Tag. Und wie das mit dem Blaumachen geht, wird sich wohl erlernen lassen. Im Mühlviertel könnte man gut damit beginnen. Informationen online unter www.oberoesterreich.at und www.muehlviertel.at.