Die Frasers Group nutzt ihren hinzugewonnenen Einfluss im deutschen Modeunternehmen Hugo Boss und greift tiefer in die Führung ein. Aufsichtsratschef Stephan Sturm kündigte am Montag auf Druck von Frasers seinen Rücktritt an. Er werde sein Mandat mit Wirkung zum 15. Oktober niederlegen. Die Entscheidung folge auf „konstruktive Gespräche vor dem Hintergrund der jüngsten Veränderungen in der Aktionärsstruktur“, wie das Unternehmen mitteilte. Der Aufsichtsrat werde den Prozess zur künftigen Besetzung des Aufsichtsratsvorsitzes einleiten. Neuer Aufsichtsratsvorsitzender des Unternehmens mit Sitz im baden-württembergischen Metzingen soll nach Informationen der F.A.Z. Frasers-Vorstandschef Michael Murray werden, hieß es aus Kreisen des britischen Unternehmens. Murray ist Schwiegersohn des Frasers-Haupteigentümers Mike Ashley, seit vier Jahren Chef der Gruppe und seit Mai 2025 Mitglied im Aufsichtsrat von Hugo Boss. Als zweiter Vertreter der Frasers Group soll der Jurist Robert Palmer in das Kontrollgremium einziehen, er muss nun vom Amtsgericht bestellt werden. Die Spekulation der britischen Tageszeitung „Times“, dass Murray den Boss-Vorstandschefposten übernehmen werde, sei indes falsch, wie die F.A.Z. weiter aus Unternehmenskreisen erfuhr. Die Trennung von Sturm wurde als „freundschaftlich“ beschrieben. Der britische Konzern hatte seine Beteiligung an Hugo Boss mit einem knapp zwei Milliarden Euro schweren freiwilligen Übernahmeangebot vor wenigen Wochen von 26,06 Prozent auf nun 47,89 Prozent aufgestockt und angekündigt, weiter zuzukaufen, um die Mehrheit zu übernehmen. „Vor dem Hintergrund der jüngsten Veränderungen in der Aktionärsstruktur des Unternehmens bin ich überzeugt, dass nun der richtige Zeitpunkt für einen geordneten Übergang im Aufsichtsratsvorsitz ist“, ließ sich der scheidende Aufsichtsratschef Sturm laut der Mitteilung des Unternehmens zitieren. „Meine Rolle habe ich stets so verstanden, im besten Interesse des Unternehmens und all seiner Aktionärinnen und Aktionäre zu handeln.“ Schon länger Spannungen zwischen England und Metzingen Die Spannungen zwischen dem englischen Anteilseigner und dem Unternehmen in Metzingen dauern schon mehrere Monate an. Auch wenn sich die Frasers Group bei der Veröffentlichung des Übernahmeangebots grundsätzlich zu der Strategie von Vorstandschef Daniel Grieder und Aufsichtsratschef Sturm bekannt hat, kamen aus England immer wieder Forderungen und Kritik, die die Frasers Group öffentlich adressierte. So bemängelte der Konzern vor gut einem Jahr die Dividendenpolitik von Hugo Boss und forderte, dass das Modeunternehmen keine Dividenden ausschütten und die gehaltenen eigenen Aktien einziehen sollte. Im Dezember 2025 hatte die Frasers Group schon einmal erklärt, Aufsichtsratschef Sturm nicht weiter unterstützen zu wollen. Hugo Boss steckt mitten in einer strategischen Neuausrichtung. Der Bekleidungshersteller hatte Ende vergangenen Jahres angekündigt, das Sortiment und den Vertrieb in den nächsten drei Jahren grundlegend umbauen zu wollen. Die neue Strategie mit dem Namen „Claim 5 Touchdown“ soll unter anderem die Effizienz verbessern. Wegen des Strategiewechsels und der andauernden Konsumflaute hat Hugo Boss zuletzt schlechte Zahlen vorgelegt: Der Umsatz sank um zehn Prozent auf 905 Millionen Euro. Das operative Ergebnis (Ebit) brach um 28 Prozent auf 59 Millionen Euro ein, übertraf damit allerdings die noch geringeren Markterwartungen von durchschnittlich 52 Millionen Euro. Frasers-Gründer Ashley stammt aus einfachen Verhältnissen. Der heutige Milliardär begann im Jahr 1982 mit der Eröffnung eines einzelnen Sportartikelgeschäfts in Maidenhead nahe London und schuf daraus die Ladenkette Sports Direct. Mit aggressiven Übernahmen hat Ashley seitdem den landesweit und dann international tätigen Sportwaren- und Modekonzern Frasers aufgebaut, der global mehr als 30.000 Mitarbeiter beschäftigt. Im vergangenen Geschäftsjahr (bis April 2026) machte Frasers bei 5,3 Milliarden Pfund (6,2 Milliarden Euro) Umsatz gut eine halbe Milliarde Pfund Gewinn. Die Hugo-Boss-Aktie notierte am Montagvormittag geringfügig im Minus. Seit dem Jahreswechsel steht momentan ein Kursplus von gut fünf Prozent auf dem Tableau. Ihr Kurs war Mitte Juni angesichts der Offerte kurzzeitig auf mehr als 40 Euro gesprungen. Von diesem Niveau hatte er sich aber rasch wieder entfernt und bei um die 38 Euro eingependelt, die Frasers den Aktionären zuletzt auch geboten hatte.
