FAZ 10.03.2026
06:25 Uhr

Milliardensumme für LeCun: KI-Pionier: „Sprachmodelle sind komplett hilflos in Echtwelt-Anwendungen“


Yann LeCun gilt als einer der „Paten“ der modernen Künstlichen Intelligenz. Für sein Pariser Start-up AMI erhält er aus dem Stand eine Milliarde Dollar – und setzt dabei auf einen ganz anderen Ansatz als das Silicon Valley.

Milliardensumme für LeCun: KI-Pionier: „Sprachmodelle sind komplett hilflos in Echtwelt-Anwendungen“

Der renommierte KI-Wissenschaftler Yann LeCun hat für sein gerade erst gegründetes Start-up AMI (Advanced Machine Intelligence) von Investoren 1,03 Milliarden Dollar zu einer Unternehmensbewertung von 3,5 Milliarden Dollar erhalten. Damit steigt AMI aus dem Stegreif auf dem Papier zu einem der wertvollsten Entwickler Künstlicher Intelligenz Europas auf – und das bisher ohne ein marktreifes Produkt. AMI will Künstliche Intelligenz entwickeln und vertreiben, die ganz anders funktioniert als die bisherigen, vor allem auf Sprache basierenden Modelle, nämlich sogenannte Weltmodelle. „Wenn ein System in der realen oder digitalen Welt autonom agieren soll, braucht es die Fähigkeit, die Konsequenzen seiner Handlungen abzuschätzen“, sagt LeCun im Gespräch mit der F.A.Z. „Alles andere wäre sehr unsicher.“ Menschen und die meisten Tiere hätten dafür in ihren Köpfen ein sogenanntes Weltmodell. Die aktuellen Sprachmodelle, auf denen unter anderem Chatbots wie ChatGPT von Open AI oder Googles Gemini basieren, würden aber nicht über solche Fähigkeiten verfügen. Wenn KI in der echten Welt agieren solle, etwa im Bereich der Robotik, brauche sie zudem ein physikalisches Verständnis dieser Welt. LeCun hält seinen Stift mit zwei Fingern in die Kamera und lässt ein Ende los. „Sprachmodelle verstehen zum Beispiel nicht, dass feste Objekte wie dieser Stift an Ort und Stelle bleiben, auch wenn man ein Ende loslässt“, sagt er. Dann nimmt er ein Blatt Papier in beide Hände und lässt auch dort ein Ende los. „Wohingegen weniger starre Objekte sich biegen.“ LeCun hat schon während seiner Zeit bei Meta an KI-Modellen gearbeitet, die genau solche physikalischen Zusammenhänge komplexer Systeme verstehen sollen. Diese Arbeit will er jetzt mit AMI fortsetzen, ausbauen und kommerzialisieren. Öffentlicher Streit um Wert von Sprachmodellen Yann LeCun zählt zusammen mit Geoffrey Hinton und Yoshua Bengio zu Wegbereitern der modernen Künstlichen Intelligenz. 2018 gewannen die drei Wissenschaftler für ihre Forschung den Turing Award, der als inoffizieller Nobelpreis der Informatik gilt. Von 2013 an arbeitete er für Meta und war integraler Bestandteil der KI-Bemühungen des Konzerns. Er gründete zunächst das Forschungslabor „Facebook AI Research“ (Fair), später erhielt er den Titel des KI-Chefwissenschaftlers. Die Empfehlungen auf Metas Plattform Instagram basieren beispielsweise unter anderem auf Modellen, deren Entwicklung LeCun verantwortet hat. Nebenbei dozierte er an der New York University. In den vergangenen Monaten kam es in der Öffentlichkeit zwischen Meta-Chef Mark Zuckerberg und LeCun aber immer stärker zum Bruch, auch weil LeCun immer wieder implizit die KI-Strategie der Techkonzerne kritisierte. „Große Sprachmodelle in ihrer derzeitigen Form werden uns nicht zu einer KI auf menschlichem Niveau führen“, sagte LeCun beispielsweise – dabei investiert auch Meta große Milliardensummen in genau solche Sprachmodelle. Gegenüber der F.A.Z. legt LeCun nach: „Ich sage nicht, dass Sprachmodelle nicht nützlich wären“, sagt er. „Ich nutze sie jeden Tag.“ Aber auf dem Weg zu einer Intelligenz auf menschlichem Niveau mit gesundem Menschenverstand seien sie eine „totale Sackgasse“. „Monokultur im Silicon Valley“ LeCun widerspricht damit auch der Einschätzung anderer Branchengrößen wie Open-AI-Chef Sam Altman oder seinem alten Forschungskollegen Yoshua Bengio. Sie gehen davon aus, dass die aktuellen auf Wahrscheinlichkeiten basierenden Modelle nur genügend Rechenkapazitäten brauchen, um menschliche Intelligenz zu erreichen. LeCun spricht von einer harmonischen Trennung mit Meta, er habe immer noch eine gute Beziehung zu Mark Zuckerberg. Aber die potentiellen Anwendungsfälle für seinen Ansatz für Weltmodelle seien zunächst eher in der Industrie verortet. Meta interessiere sich qua Geschäftsmodell eher für Endkundenanwendungen. Zudem habe Meta sich entschieden, seine Ressourcen hauptsächlich für die Weiterentwicklung großer Sprachmodelle einzusetzen. „Das hat es für andere Projekte der nächsten KI-Generation etwas schwieriger gemacht.“ LeCun spricht auch von einer „Monokultur im Silicon Valley“. Wer vom Mainstream abweiche, riskiere hinterherzuhinken. „Wir schlagen einen ganz anderen Ansatz vor.“ Die menschliche Zelle oder Industrieprozesse simulieren Die Grundannahme von LeCuns Konzept ist, dass sich die echte Welt nicht vorhersehen lässt und die KI deshalb eine abstrakte Darstellung der Welt produzieren muss, in der sie Vorhersagen trifft. Die KI lernt also über Beschreibungen komplexe Systeme kennen – LeCun nennt die menschliche Zelle, ein Kraftwerk oder ein Flugzeug als Beispiele – und lernt zudem, wie sich bestimmte Aktionen auf den Zustand der Systeme auswirken. Große Sprachmodelle oder ähnliche Architekturen würden hingegen nur statistische Vorhersagen über die jeweilige Eingabe treffen, mit der Nutzer sie füttern. „Das funktioniert für Sprache sehr gut, weil es nur eine begrenzte Anzahl an Wörtern gibt und sich das über eine Wahrscheinlichkeitsverteilung gut abbilden lässt“, sagt er. Auch für Code oder Mathematik eigneten sich große Sprachmodelle gut. Aber in der Robotik funktioniere das bisher kaum. „Große Sprachmodelle sind komplett hilflos in Echtwelt-Anwendungen“, sagt LeCun. Weltmodelle würden in Zukunft zum Beispiel in der Lage sein, industrielle Prozesse zu planen. Oder eine menschliche Zelle zu simulieren, die Forscher zum Beispiel in eine Betazelle umwandeln wollten, damit sie Insulin produzieren könne. Viele Techpromis investieren Das Geld für AMI stammt von einer unüblich großen Anzahl an Investoren. Angeführt wird die Finanzierungsrunde vom französischen Wagniskapitalfonds Cathay Innovation, von dem amerikanischen Wagniskapitalgeber Greycroft, dem Berliner Investor HV Capital, der Investmentgesellschaft von Amazon-Gründer Jeff Bezos und dem luxemburgisch-britischen und vor allem auf Videospiele fokussierten Investor Hiro Capital. Ein Partner von Hiro Capital ist seit vergangenem Jahr der ehemalige britische Vizepremierminister Nick Clegg, den LeCun noch von seiner Zeit bei Meta kennt. Clegg war Cheflobbyist von Meta, bevor er im vergangenen Jahr durch den republikanisch orientierten Joel Kaplan ersetzt wurde. Zu den weiteren Investoren gehören unter anderem der Investmentarm des japanischen Autoherstellers Toyota, der Chipkonzern Nvidia, der ehemalige Google-Chef Eric Schmidt oder der aus dem Fernsehen bekannte amerikanische Investor Mark Cuban. LeCun betont, dass neben einigen amerikanischen Investoren ein Großteil des Geldes von europäischen und asiatischen Geldgebern stammten. Das Unternehmen sitzt in Paris, betreibt aber auch direkt Büros in New York, Montreal und Singapur, wo jeweils Teile der Führungsriege des Unternehmens sitzen. Viele haben zuvor wie LeCun für Meta gearbeitet. „Wir sehen uns als globales Unternehmen“, sagt LeCun. Für Paris habe man sich als Hauptsitz entschieden, weil dort und in den umliegenden Ländern viele KI-Talente beheimatet wären. Aber es gebe in Europa, dem Nahen Osten und Asien auch eine große Nachfrage nach Künstlicher Intelligenz auf dem neuesten Stand der Technik, die nicht aus den USA oder China komme. AMI ist nicht das einzige Unternehmen, das an Weltmodellen arbeitet. Auch Googles Forschungslabor Deepmind arbeitet an derartiger Technik, genau wie die renommierte KI-Wissenschaftlerin Fei-Fei Li mit ihrem Unternehmen World Labs.