FAZ 02.10.2026
16:20 Uhr

Max Lindemann: In den eigenen Abgrund blicken


Düstere Familientragödie: Max Lindemann inszeniert am Schauspiel Frankfurt Eugene O’Neills „Eines langen Tages Reise in die Nacht“.

Max Lindemann: In den eigenen Abgrund blicken

Man könnte Max Lindemann für einen melancholischen Pessimisten halten. Der Eindruck liegt jedenfalls nahe angesichts der Stücke, die der 1989 in Recklinghausen geborene und in Herten aufgewachsene Regisseur in den vergangenen Jahren inszeniert hat. Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“ etwa oder „Früchte des Zorns“ nach John Steinbeck, Tschechows „Möwe“, Hauptmanns „Ratten“ oder in der vorigen Spielzeit am Schauspiel Frankfurt „Süßer Vogel Jugend“ von Tennessee Williams. Fröhlichkeit kommt da selten auf. Doch das Gegenteil ist der Fall: Max Lindemann wirkt wie ein grundpositiv gestimmter Mensch, der im Gespräch häufig das Wort „Hoffnung“ verwendet und begeistert von den Stücken spricht, in denen er auf subtile Weise, selbst bei den tragischen Stoffen, helle Momente findet, die nur kurz aufblitzen, aber zeigen, dass es irgendwie immer weitergeht. Auch bei seiner Inszenierung von Eugene O’Neills düsterer Familientragödie „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ rückt Lindemann von diesem Credo nicht ab. Dabei erzählt O’Neills autobiographisch gefärbtes Stück aus dem Jahr 1956 vom Elend einer mustergültig dysfunktionalen Familie, deren Konflikte in einer einzigen Nacht auf die Spitze getrieben werden. Die Eltern Mary und James Tyrone (Heidi Ecks und Uwe Zerwer) sowie die beiden Söhne Jamie und Edmund (Christoph Bornmüller und Miguel Klein Medina) liefern sich einen erbitterten Kampf, überbieten sich mit gegenseitigen Schuldzuweisungen, zerbrechen an ihren Suchtkrankheiten ebenso wie an der unstillbaren Sehnsucht nach Liebe und Verständnis. Eine Unglücksmaschine, in der es wenig Raum für Hoffnung gibt. Ein Haus auf der Bühne, das sich um 360 Grad dreht Und doch will Lindemann gerade in dem radikalen Durcharbeiten der Seelenschmerzen einen Lichtblick sehen. Man müsse sich den negativen Dingen stellen, sagt er im Gespräch, und „die Kraft haben, sie benennen zu können, in den eigenen Abgrund zu blicken, die Realität anzuerkennen“. Ja, gibt er zu, das sei durchaus ein der Psychoanalyse verwandter Ansatz. Auf lediglich 38 Seiten hat er die mehr als 100 Seiten von O’Neills Originaltext heruntergekürzt, es gehe „um die Essenz“, um Verdichtung in einem Bühnenbild, das viele Worte unnötig mache. Ein übergroßes Haus steht auf der Bühne, in dem sich sämtliche Figuren aufhalten. Der Clou: Das Haus dreht sich um 360 Grad. Möbel und Gegenstände fallen umher, die Bewegungen der Schauspieler werden davon beeinflusst, der sich drehende Würfel zeigt das desolate Leben der Menschen. „So wird die Bühne ganz konkret zum Mitspieler“, sagt Lindemann, „sie bekommt eine Symbolkraft, die die Figuren auflädt“. Die Vision dieser Bühne habe er schon früh gehabt, die Bühnenbildnerin Signe Raunkjær Holm hat sie nun zum bildkräftigen Mittelpunkt der Inszenierung gemacht. „Ich habe es immer als Privileg empfunden, so viel lesen zu dürfen“, sagt Lindemann. Jedes Stück benötige ungefähr ein Jahr Vorbereitung. Zunächst entstehe beim Lesen ein „konzeptioneller Gedanke“, dann brauche es „wahnsinnig viele Schleifen“ bis zum konkreten Plan. Auch sein Weg ans Theater war keineswegs geradlinig, es bedurfte einiger Umwege und Suchbewegungen. Zwar sei seine Mutter, eine Sozialpädagogin, durchaus theateraffin gewesen, doch habe er zunächst die Schule abgebrochen und Pflegeberufe probiert, ehe er das Abitur nachmachte und schließlich in Bochum begann, Theaterwissenschaften zu studieren. Auch hier spürte er bald, dass es nicht der richtige Weg war. Damals war er in der Punkszene, kam in der Ära von Kay Voges an das Theater Dortmund, arbeitete als Regieassistent bei verschiedenen Stücken und wollte bald selbst inszenieren. „Ich hatte so eine Hybris damals“, sagt er, „Kay Voges ließ mich, aber eigentlich ging es total schief.“ Ein Theater, das Geschichten erzählt Doch stand für Lindemann nun das Ziel fest. Er bewarb sich an der renommierten Berliner Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch und wurde angenommen. Schon während des zweijährigen Grundstudiums begann er, am Berliner Ensemble zu inszenieren. „Aber den Abschluss habe ich dann doch gemacht.“ Begeistert erzählt er von seinen Jahren in Berlin, wo er große Freiheiten genoss und „vieles ausprobieren“ konnte. Auffällig viele moderne Klassiker hat er in seiner bisherigen Laufbahn inszeniert, Fehlanzeige hingegen bei Schiller, Goethe, Kleist, Shakespeare. „Ich bin für ein Theater, das Geschichten erzählt“, sagt Lindemann. Seine Inszenierungen zeigten immer, „was mich gerade interessiert“. Oft sei der Ausgangspunkt durchaus persönlich, aber „ich überführe das in größere, epochalere Themen, es geht immer um Aktualität und Relevanz“. Das Ruhrgebiet hat Lindemann, der nach Jahren in Berlin nun aus familiären Gründen in München lebt, nicht ganz vergessen. Obwohl er es genieße, in einer funktionierenden Stadt zu leben, wäre ein Wohnviertel, „in dem nur Leute aus dem Ruhrpott leben“, ein Ideal, sagt er und lacht. Obwohl er sich einen sehr genauen Blick auf Klassismus und gesellschaftliche Konflikte bewahrt hat, ist ihm die platte antibürgerliche Attitüde, wie sie häufig im Kulturbetrieb zu finden ist, fremd: „Man kann sich nicht permanent als Antagonist einer Welt begreifen, zu der man eigentlich gehört.“ Während er noch in den Endproben zu „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ ist, beginnt er schon mit der Bearbeitung des letzten Werks von Wolfgang Herrndorf, „Arbeit und Struktur“, die Premiere findet 2027 am Münchner Volkstheater statt. In Herrndorf hat Lindemann offenbar einen Gewährsmann für seine aktuelle Grundstimmung gefunden. Begeistert spricht er über dessen Optimismus, denn er habe ja gerade im Wissen um seinen bevorstehenden Tod durch den wachsenden Tumor in seinem Hirn eine ungeheure Produktivität entwickelt. Neben „Hoffnung“ ist es die Kraft der Gemeinschaft, auf die Lindemann im Gespräch immer wieder zurückkommt, das habe er seit seinen Anfängen unter Voges in Dortmund immer wieder erlebt: „Es ist so ein großes Glück, etwas gemeinsam zu machen, zum Beispiel gutes Theater.“ „Eines langen Tages Reise in die Nacht“, Schauspiel Frankfurt, Premiere am 3. Oktober, 19.30 Uhr