„Leute, bitte nicht hier.“ Max Coga sagt es freundlich, aber bestimmt. Drei Männer stehen an diesem Vormittag vor der Pik Dame, dem Nachtclub an der Elbestraße im Frankfurter Bahnhofsviertel. Jetzt ziehen sie auf die andere Straßenseite zum Drogennotdienst. Etwa 20 weitere Menschen warten schon davor. Coga trägt Sonnenbrille, ein enges T-Shirt und Sandalen. Muskeln spannen sich unter dem Stoff. Er betritt seinen Club, schließt hinter sich die Tür und sagt: „Es sind einfach Menschen, die schwer krank sind.“ Im Bahnhofsviertel gelte eine einfache Regel: „Respekt für Respekt.“ Wenn man mit den Menschen normal spreche, reagierten sie auch normal. Max Coga sind solche Szenen nicht fremd. Der 37 Jahre alte Frankfurter ist im Bahnhofsviertel aufgewachsen. Sein Großvater Hermann Gauß gründete die Pik Dame 1959. Dort lernte sein Vater seine Mutter kennen, eine ehemalige Nachtclubtänzerin aus Argentinien. Coga sah schon als kleiner Junge nackte Haut. Er bewegte sich nachts im Rotlichtmilieu zwischen Menschen mit Suchterkrankungen. „Ich war oft bis zur späten Stunde im Club. Für mich war es schön, dass das nicht vor mir versteckt wurde, sondern dass ich ein Teil davon sein konnte“, sagt er. Dann fügt er hinzu: „Mir war bewusst, dass das ziemlich sonderbar war.“ Schon als kleiner Junge im Rotlichtviertel unterwegs Schon mit sechs oder sieben Jahren schickte seine Mutter ihn manchmal los, um Drogenkranke vor dem Eingang wegzuschicken. Er ging nicht nah heran, sondern forderte sie aus einiger Entfernung auf, weiterzugehen. Coga hat „unendlich viele Erinnerungen“ an seine Kindheit, wie er sagt. Seine Herkunft aus dem Bahnhofsviertel versteht er nicht als Makel. Er kenne die Abgründe des Viertels, engagiere sich gerade deshalb für Gemeinschaft und Zusammenhalt. Im vergangenen Jahr saß er auf dem Podium beim Frankfurter Dialogforum und diskutierte mit den Dezernenten der Stadt über die Fortentwicklung des Bahnhofsviertels. Zugleich wurde bekannt, dass er einer der Botschafter der Stiftung Kinderzukunft ist; einer Stiftung mit Sitz im hessischen Gründau, die Kinderprojekte im In- und Ausland unterstützt und vor Jahren einmal vom Land Hessen für ihr Engagement ausgezeichnet worden ist. Wenn Coga öffentliche Auftritte wahrnimmt, wie etwa als Unternehmer im Bahnhofsviertel, der die Jugendarbeit dort stärken will, erkennt man in ihm nicht den MMA-Kämpfer. Er sitzt dann dort im Hemd, manchmal mit Jackett, und spricht mit leiser Stimme darüber, wie seine Vorstellungen von guter Jugendsozialarbeit aussehen. „Man muss etwas zurückgeben“, sagt er. Und dann gibt es den Unternehmer, den Nachtclubbesitzer Coga, der an diesem Vormittag auf der einzigen Bank in der Pik Dame sitzt. Hinter ihm steht ein goldener Käfig, in dem die Tänzerinnen früher einmal auftraten. Als er 2021 die Pik Dame von seinem Vater und seinem Onkel übernahm, veränderte er den Ort, ohne seine Geschichte zu verleugnen. Aus dem früheren Club wurde eine Bar mit Tanzbetrieb. „Die Leute kommen aus ganz Deutschland, um hier zu feiern“, sagt Coga. Alte Bilder ehemaliger Tänzerinnen, historische Tapeten und eine kleine Bühne sind geblieben. Im Untergeschoss läuft inzwischen elektronische Musik. Comedy- und Kulturveranstaltungen gehören ebenfalls zum Programm. Das frühere Konzept mit aufwendigen erotischen Shows sei im Laufe der Zeit immer platter geworden. Das habe ihm nicht mehr gefallen, es sei nicht mehr zeitgemäß. Während der Corona-Zeit gab es Anfragen, aus dem Haus ein Hotel oder einen Supermarkt zu machen. Coga hätte die Wohnungen auch einzeln an Banker vermieten können. Er entschied sich dagegen, denn sonst, sagt er, wäre die Idee verloren gegangen, die hinter dem Haus stehe: Menschen sollen zusammen leben, zusammen arbeiten und Verantwortung füreinander übernehmen. Im mehrstöckigen Haus über der Pik Dame wohnen und arbeiten Coga, seine Freunde, seine Familie und Mitarbeiter. Die Gemeinschaft funktioniert für ihn, weil es gemeinsame Regeln gibt. Am 26. September kämpft er vor 60.000 Zuschauern im Waldstadion Und schließlich gibt es noch Coga, den Mixed-Martial-Arts-Kämpfer. Den Sportprofi mit dem Kampfnamen „Mad“. Seine Trainer und sein Manager hielten die Übernahme des Nachtclubs zunächst für problematisch. Nachtleben und Profisport, den er seit 2011 betreibt, seien eigentlich kaum vereinbar, sagt Coga. Für ihn funktioniere die Kombination nur, weil er in dieser Umgebung aufgewachsen sei und starke Teams hinter sich habe. In einem Raum des Hauses liegen Matten, hängen Boxsäcke und stehen Gewichte. MMA, sagt Coga, sei mehr als bloßes Schlagen. Es verbinde verschiedene Kampfsportelemente wie Boxen, Tritte, Ringen, Würfe und den Kampf am Boden. Aus Cogas Sicht wurde MMA in Deutschland lange vor allem als brutaler Kampfsport wahrgenommen. Er kennt die Vorbehalte gegen MMA. Auch deshalb, weil dort mitunter Kämpfer auftreten, die aus der Hells-Angels- oder Hooliganszene bekannt sind. Das wohl bekannteste Beispiel ist der Frankfurter Christian Eckerlin, Schwiegersohn des früheren Chefs der Hells Angels Frankfurt. Zudem hat am Frankfurter Landgericht vor Kurzem ein Prozess gegen zwei Mixed-Martial-Arts-Kämpfer wegen versuchten Totschlags begonnen. MMA, so die weitverbreitete Meinung, ziehe solche Personen an. Coga selbst sagt, ihm gehe es ausschließlich um den Sport. Er spricht von MMA als „Königsdisziplin“. Viele Kampfkünste würden vereint. Wie groß die öffentliche Aufmerksamkeit für MMA inzwischen ist, zeigt auch die Bühne seines nächsten Kampfes. Am 26. September tritt Coga im Frankfurter Waldstadion gegen Christian Jungwirth an, einen früheren Hooligan aus Stuttgart. Im Hauptkampf kämpft Christian Eckerlin, der wie Coga zum Team MMA Spirit gehört. Schon 2024 hatte der Veranstalter Oktagon dort vor rund 60.000 Zuschauern einen Besucherrekord für ein MMA-Event aufgestellt. Mittendrin war der Lokalmatador Coga. Für ihn war jener Abend Triumph und Zäsur zugleich. Bei seinem Sieg gegen Antun Račić brach er sich in der ersten Runde die rechte Hand und gewann in der zweiten Runde durch technischen K. o. Durch die weitere Belastung im Kampf verschlimmerte sich die Verletzung. Das gewöhnliche Vorgehen – eine Platte auf dem Mittelhandknochen zu befestigen – war nicht mehr möglich. Ärzte entnahmen Knochenteile aus seinem Unterarm und transplantierten sie in die Hand. Nach insgesamt vier Operationen trainiert Coga wieder. Trotzdem: „Die Hand ist nicht mehr die alte Hand“, sagt er. Die Beweglichkeit sei eingeschränkt. Coga musste in den vergangenen zwei Jahren neu lernen, mit seinem Körper zu arbeiten. Er versuchte, sich zum Linkshänder umzuerziehen. Im Alltag sei er weiterhin Rechtshänder, im Kampf könne er inzwischen aus beiden Positionen arbeiten. „Es gibt immer eine Lösung“, sagt er. Man müsse nur lange genug weitermachen. Das ist ein Satz, der wie eine Zusammenfassung seines Lebenslaufs klingt. „Ich war ein bisschen der Außenseiter“ Geboren wurde Coga in Offenbach, dort ging er auch zur Grundschule. Nach langen Nächten in der Pik Dame habe zu Hause niemand darauf geachtet, wie er sich kleide. Das sei jedoch anderen Kindern und deren Eltern aufgefallen. „Ich war so ein bisschen der Außenseiter. Das hat mich in dem Alter verletzt“, erinnert sich Coga. Er wurde gehänselt und auch mal geschlagen. Seine Mutter habe ihm gesagt, er müsse lernen, sich zu wehren. So begann er mit Karate. In der fünften Klasse kam Coga auf ein Internat in Echzell. Rückblickend sei das die absolut richtige Entscheidung gewesen. Seine Kindheit sei chaotisch und strukturlos gewesen. Seine Mutter habe erkannt, dass er mehr Halt gebraucht habe. Im Internat war Judo für die Schüler der fünften und sechsten Klasse Pflichtfach. Coga fand Gefallen an der neuen Disziplin und trainierte sie bis zum Abitur. Danach probierte er Kung-Fu und Wing Chun aus. Er wurde immer offener für verschiedene Stile. So kam er zum MMA. Mit 18 trat er bei einem Amateurturnier an. Vorbereitet hatte er sich weitgehend selbst – unter anderem mit Übungen zur „Abhärtung“, wie er heute sagt: „Totaler Quatsch.“ Bei dem Kampf habe er richtig „einen auf den Deckel bekommen“. Das, was er trainiert habe, habe für einen echten Kampf nicht ausgereicht. Nach dem Abitur sparte Coga Geld und reiste für mehrere Wochen nach Rio de Janeiro, um dort Jiu-Jitsu zu trainieren. Die Zeit darauf bezeichnet er als „wilde Phase“. Er studierte an der Goethe-Universität BWL und Sport und habe sich „auf dumme Art und Weise“ ausgetestet. In dieser Zeit geriet er nach eigenen Angaben mehrfach in Schlägereien und bekam es dadurch beinahe mit der Justiz zu tun. „Das gehört sich einfach nicht“, sagt er heute. Stärke sei, sich zu kontrollieren. Darauf lege er inzwischen viel Wert. Zu dieser Zeit hatte er Daniel Weichel bei dessen Vorbereitung unterstützt. Weichel, ein Pionier des deutschen MMA, holte Coga als Trainingspartner in das Profiteam von MMA Spirit. Kurz darauf rief sein Manager an und bot ihm einen Kampf in Dänemark an. Coga sah darin die Chance, auf die er gewartet hatte. Er packte seine Tasche und verließ die Universität. Seine Eltern hätten gehofft, dass es bei einem Kampf bleiben und er anschließend sein Studium wieder aufnehmen werde. Coga selbst wollte jedoch vor allem eines: als Sportler anerkannt werden. Coga kämpfte an vielen Orten der Welt, unter anderem im Madison Square Garden in New York. Seine Bilanz: 27 Siege, acht Niederlagen und ein Unentschieden. „Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, was meine eigentliche Qualität in diesem Sport ist. Es ist der Wille, jede Herausforderung zu meistern.“ Die gebrochene Hand war nicht seine erste schwere Verletzung. Bei einer Niederlage im Jahr 2021 erlitt Coga einen Bruch der Augenhöhle. Vom Bereich unter dem Auge bis zu den Zähnen habe er kein Gefühl mehr gehabt. Aber er habe sich zurückgekämpft, bis hin zum Titel im Federgewicht in der Organisation NFC. Im März 2024 wurde Coga in der Frankfurter Ballsporthalle außerdem NFC-Champion im Leichtgewicht und damit der erste Doppelchampion der Organisation. Irgendwann habe er für sich entschieden, nur noch bei den Kämpfen anzutreten, die sportlich und finanziell attraktiv seien. Jeder Kampf könne der letzte sein. Er nennt das „den Switch“ in seiner Karriere. Am 26. September kämpft Coga allerdings in einer für ihn ungewohnten Gewichtsklasse, dem Weltergewicht. Er will vor allem mit seiner Geschwindigkeit punkten. Seine Vorbereitung zeigt Coga auf seinem Youtube-Kanal, der fast 100.000 Abonnenten hat. Der Kanal entstand eher zufällig. Coga merkte bald, dass sein Leben ohnehin ständig Material lieferte: die Nächte im Club, das Training, Reisen, Teamkollegen und Kämpfe. Mit seinem zweiten Format, „Max & Mo“, wolle er außerdem zeigen, dass das Bahnhofsviertel nicht nur aus Drogen, Rotlicht und Verwahrlosung bestehe. Mit dem Oberbürgermeister auf Wahlkampftour Doch wie passt das alles zusammen – blutige Kämpfe und soziales Engagement? Mit seinem Verein Dompteur organisiert Coga unentgeltliches Boxtraining für Kinder und Jugendliche. Besuche in Seniorenheimen sowie Aktionen mit dem Roten Kreuz gehören ebenfalls dazu. Sport und Musik könnten Menschen auffangen und zusammenbringen, sagt er, auch wenn sie nicht dieselbe Sprache sprächen. Gemeinsam mit dem damaligen OB-Kandidaten und heutigen Frankfurter Oberbürgermeister Mike Josef (SPD) hat Coga vor einigen Jahren einen Rundgang durch das Bahnhofsviertel gemacht. Seitdem halten sie Kontakt. Ihn treibt das um, was im Bahnhofsviertel geschieht. Er stehe in ständigem Austausch mit den Behörden, denn er sehe täglich, was auf der Straße geschehe. „Wir können jede Veränderung direkt spüren“, sagt Coga. „Und das zu jeder Uhrzeit.“ Coga hält wenig davon, Menschen aus dem Viertel zu vertreiben. Die kranken Menschen verschwänden nicht, nur weil man sie aus dem Blickfeld dränge. Statt immer wieder auf Drogen und Verwahrlosung zu zeigen, müsse man auch jene Seiten sichtbar machen, die das Viertel lebenswert machten: Künstler, Artisten und kulturelle Vielfalt. Besonders kritisch beobachtet er Streamer, die das Bahnhofsviertel als Kulisse benutzten. Sie hielten Menschen Kameras ins Gesicht, provozierten sie oder gäben ihnen Geld, damit sie vor laufender Kamera bestimmte Dinge täten. Coga sagt, das sei Ausbeutung für Klicks und Likes. „Ich erhalte wöchentlich Anfragen für Rundgänge.“ Er lehne sie ab. Gemeinsam mit seinem Verein und lokalen Gastronomen organisiert er stattdessen eigene Begehungen, bei denen die Situation im Viertel erklärt werden soll. Auch in seinen eigenen Videos zieht Coga eine klare Grenze. Menschen, die nicht in der Öffentlichkeit stehen wollten, zeige er nicht. Auch sein Privatleben bleibe privat. Gleichzeitig sei Privatsphäre schwierig, wenn jeder wisse, wo er arbeite, wohne und trainiere. Es habe bereits Menschen gegeben, die von weit her angereist seien, um ihn herauszufordern. Irgendwann, sagt Coga, werde er sich vollständig aus der Öffentlichkeit zurückziehen. Wann, weiß er selbst noch nicht. Er sei nun auch in einem Alter, in dem er an Familienplanung denke. Sein aktueller Lebensstil biete nicht wirklich Freizeit. „Wie viele Frauen machen den Extremsport MMA mit und auch noch das Nachtleben?“, fragt er rhetorisch. Er weiß, dass das nicht einfach ist. Zunächst steht jedoch seine sportliche Rückkehr bevor – und ein Film. Ende des Jahres sollen die Dreharbeiten zu einer fiktionalen Serie beginnen, die von seinem Leben erzählt. Coga wirkt an dem Projekt mit, wird sich aber nicht selbst spielen. Wichtig sei ihm, dass die Geschichte authentisch erzählt werde. Ganz gleich, welche Seite sie von ihm zeige. Sie müsse vor allem eines sein: glaubwürdig.
