FAZ 25.09.2026
12:46 Uhr

Marina Vlady gestorben: Die Hexe als moderne Frau


Mit Mädchenrollen wurde Marina Vlady berühmt, als Pariser Hausfrau in einem Film von Jean-Luc Godard schrieb sie Kinogeschichte. Jetzt ist die französische Schauspielerin mit 88 Jahren gestorben.

Marina Vlady gestorben: Die Hexe als moderne Frau

Als sie schon lange berühmt war, spielte sie ihre erste wirkliche Erwachsenenrolle. In Jean-Luc Godards „Zwei oder drei Dinge, die ich von ihr weiß“ ist Marina Vlady die Hausfrau Juliette, die mit ihrem Mann und zwei Kindern in einem Hochhaus am Pariser Stadtrand lebt. Tagsüber fährt sie in die Cité, schläft mit Männern in Stundenhotels und posiert nackt mit einer Freundin vor einem amerikanischen Kriegskorrespondenten auf Urlaub; abends versorgt sie ihre Familie, als wäre nichts geschehen. „Zwei oder drei Dinge . . .“ ist kein Spielfilm, sondern ein filmischer Essay über Prostitution, Bauwut, bürgerliche Lebenslügen und den Bankrott des Gaullismus, aber durch Marina Vlady wird er zum Kunstwerk. Sie gibt nicht nur Godards geflüsterten Kommentaren einen Körper, sondern auch der Stimmung im Frankreich des Jahres 1967: In ihrem Blick liegt schon die Unruhe jener kommenden Maitage, die Paris erschüttern sollten. Für „Die Bienenkönigin“ bekam sie den Darstellerpreis in Cannes Damals war sie neunundzwanzig und stand seit achtzehn Jahren vor der Kamera. Mit Mädchenrollen in französischen und italienischen Filmen hatte die Tochter eines vor der Oktoberrevolution geflohenen russischen Opernsängers und einer Tänzerin angefangen, und auch später wurde sie das Mädchenklischee nie ganz los, sei es als minderjährige Femme fatale in „Die blonde Hexe“ oder als jugendliche Delinquentin in „Vor der Sintflut“. Beide Filme, die kurz hintereinander ins Kino kamen, brachten ihr Mitte der Fünfzigerjahre den Durchbruch. Danach konnte sie drehen, was sie wollte, Kostümfilme („Die Prinzessin von Cleve“), Sozialschnulzen(„Mädchen im Schaufenster“) und Highsmith-Adaptionen („Die Mörder“), und als sie für Marco Ferreri eine katholische Jungfrau spielte, bekam sie für „Die Bienenkönigin“ den Darstellerpreis in Cannes. Aber erst Godard schrieb sie in die Filmgeschichte ein. Wenig später lernte sie den legendären russischen Dichter und Sänger Wladimir Wyssozky kennen und führte mit ihm eine stürmische Ehe über die Grenzen des Kalten Krieges hinweg bis zu seinem Tod 1980. Mit fünfzig hatte sie noch einmal eine große Rolle neben Marcello Mastroianni in Ettore Scolas melancholischer Kino-Hommage „Splendor“. Jetzt ist Marina Vlady mit 88 Jahren gestorben.