FAZ 22.09.2026
08:21 Uhr

Lulas Rede vor der UN: Beeinflussen die USA den Wahlkampf in Brasilien?


Brasiliens Nachrichtendienst warnt vor einer Wahleinmischung Washingtons. Das gibt der Souveränitätsrhetorik von Präsident Lula neuen Auftrieb.

Lulas Rede vor der UN: Beeinflussen die USA den Wahlkampf in Brasilien?

Luiz Inácio Lula da Silva hat sich den Begriff Souveränität vermutlich fett angestrichen in seiner Rede, mit der er am Dienstag die Vollversammlung der Vereinten Nationen eröffnen wird. Das Werben des brasilianischen Präsidenten für eine Weltordnung, in der Staaten ihre politischen Entscheidungen ohne äußeren Druck treffen, richtet sich zum einen an US-Präsident Donald Trump, der gleich nach ihm sprechen wird. Zum anderen richtet sich Lula auch an die Brasilianer. Diese wählen in weniger als zwei Wochen einen neuen Kongress und Regionalparlamente sowie Gouverneure und einen neuen Präsidenten. Und im Zweikampf gegen seinen Herausforderer Flávio Bolsonaro setzt Lula auch auf Trump-Kritik und das brasilianische Nationalgefühl. In Brasilia wächst die Sorge, dass Washington versucht, die Wahl zu beeinflussen. Ein Bericht des brasilianischen Nachrichtendienstes Abin über „Bedrohungen des Wahlprozesses 2026“, in den die Zeitung „Folha de São Paulo“ Einsicht hatte, stuft die Möglichkeit amerikanischer Einflussnahme inzwischen als kritisch ein. Die Behörde erkennt eine „selektive Intensivierung“ des Drucks auf Brasilien und beschreibt die amerikanische Einflussnahme als schrittweise, kombiniert und anpassungsfähig. Dazu zählt sie neben politischen Stellungnahmen auch Sanktionen gegen Brasilianer und Unternehmen sowie den Versuch, brasilianische Verbrecherorganisationen als terroristische Gruppen zu behandeln. Dahinter sieht die Abin eine grundsätzliche strategische Neuorientierung Washingtons. Die Trump-Regierung wolle den Einfluss rivalisierender Mächte, vor allem Chinas, in Lateinamerika zurückdrängen und ihnen den Zugang zu strategischen Ressourcen und Infrastruktur erschweren. Besondere Aufmerksamkeit widmet der Bericht US-Außenminister Marco Rubio. Dessen Politik ziele nach Einschätzung der Abin darauf, Staaten der Region von China zu lösen und ihre politische Ausrichtung durch die Unterstützung konservativer Regierungen zu verändern. Brasilien sei dabei besonders exponiert, weil die Regierung über den politischen Willen und die Mittel verfüge, ihre strategische Autonomie gegenüber Washington zu verteidigen. Seltene Erden im Visier Das ist kein Beleg für eine geheime amerikanische Operation zugunsten von Lulas Herausforderer Bolsonaro. Einige Vorgänge haben Brasilia jedoch hellhörig gemacht. Im Oktober 2025 legten die Vereinigten Staaten brasilianischen Unterhändlern während der Verhandlungen über Trumps Strafzölle eine Liste mit 21 Forderungen vor. Darin verlangte Washington unter anderem die Zusicherung „freier und fairer“ Wahlen und dass sogenannte politische Dissidenten weder festgenommen noch willkürlich von der Teilnahme ausgeschlossen würden. Brasilianische Diplomaten bezogen die Formulierung auf den ehemaligen Präsidenten Jair Bolsonaro, der sich nach seiner Verurteilung wegen eines versuchten Staatsstreichs seit Monaten unter Hausarrest befindet. Washingtons Blick richtet sich jedoch auch auf Brasiliens strategische Rohstoffe. Brasilien verfügt nach Angaben der Bergbaubehörde ANM über rund 11,4 Millionen Tonnen Reserven an Seltenen Erden, die für Hochleistungsmagnete, Elektromotoren, Elektronik und moderne Waffensysteme unverzichtbar sind. Das entspricht knapp 14 Prozent der weltweiten Vorkommen und den zweitgrößten Reserven nach China, das die Produktion und Weiterverarbeitung von Seltenen Erden dominiert. Vergangene Woche hat Lula eine neue nationale Politik für kritische und strategische Mineralien unterzeichnet, die Verarbeitung und Wertschöpfung im eigenen Land fördern soll. Ein neuer, beim Präsidialamt angesiedelter Rat erhält zudem Kontrollmöglichkeiten über Bergbauprojekte, die als strategisch eingestuft werden. Bolsonaro im Weißen Haus Die Zukunft dieser Rohstoffe dürfte nun auch im Wahlkampf eine Rolle spielen. Für Diskussionen sorgt ein kürzlich bekannt gewordenes Dokument aus dem Umfeld Flávio Bolsonaros. Der Autor der 22-seitigen englischsprachigen Präsentation mit dem Titel „Prosperity Partnership“ ist André Marinho, der für die liberale Partei Novo für das Gouverneursamt von Rio de Janeiro kandidiert. Er erstellte das Papier am 19. März. Auf der Titelseite steht „Flávio Bolsonaro – 2026 Campaign“. Das Dokument entwirft für eine mögliche Präsidentschaft Bolsonaros eine enge Rohstoffallianz mit den Vereinigten Staaten. Brasilien solle zu einem wichtigen westlichen Lieferanten und Verarbeitungszentrum für kritische Mineralien werden und dabei helfen, von China unabhängige Lieferketten aufzubauen. Marinho bestätigte die Urheberschaft, bestreitet aber, dass das bereits im vergangenen März erstellte Dokument von Flávio Bolsonaros Kampagne in Auftrag gegeben oder amerikanischen Regierungsvertretern vorgelegt worden sei. Kritiker bezweifeln das und verweisen auf einen Auftritt von Bolsonaro bei der „Conservative Political Action Conference“ (CPAC) Ende März in Dallas, wo er Brasilien als Lösung für die Vereinigten Staaten anpries, um ihre Abhängigkeit von China zu verringern. Kurz darauf traf Marinho in Washington den US-Vizepräsidenten J. D. Vance. Nach Marinhos eigener Darstellung ging es dabei nicht nur um organisierte Kriminalität in Rio, sondern auch um die brasilianische Präsidentschaftswahl. Er erklärte Vance, er stehe in engem und ständigem Austausch mit Flávio Bolsonaro und dessen Wahlkampfteam. Hinweise darauf, dass dabei auch das Rohstoffpapier zur Sprache kam, gibt es nicht. Lula profitiert von Souveränitätsrhetorik Ende Mai flog Bolsonaro dann selbst nach Washington. Nach einem Treffen mit Trump im Weißen Haus sagte er, kritische Mineralien und Seltene Erden seien Teil des Gesprächs gewesen. Im Falle eines Wahlsiegs werde es in diesem Bereich eine langfristige strategische Partnerschaft mit den USA geben. Am folgenden Tag traf er Vance und Außenminister Rubio. Das Bekanntwerden von Marinhos Dokument sowie der warnende Bericht des Nachrichtendienstes Abin heizen Spekulationen über eine mögliche Einflussnahme der Trump-Regierung auf den brasilianischen Wahlkampf an. Die Debatte kommt Lula entgegen. Eine aktuelle Auswertung des auf digitale Debatten spezialisierten Unternehmens Palver für die „Folha de São Paulo“ zeigt, dass die Diskussion über Souveränität und ausländische Einmischung in den vergangenen Tagen deutlich an Gewicht gewonnen hat und in der untersuchten Stichprobe überwiegend zugunsten der Regierung geführt wird. Für Lula bietet das die Möglichkeit, sich als Verteidiger nationaler Interessen zu präsentieren und zumindest zeitweise von der Krise um das Oberste Gericht und den Skandal um die Banco Master abzulenken, der zurzeit den Wahlkampf dominiert. Wie weit er dafür in seiner Eröffnungsrede geht, wird sich zeigen.