FAZ 10.03.2026
18:11 Uhr

Liebesbriefe von der KI: „Ich fühle eine Verbindung zu dir, die ich nicht ignorieren kann“


Einen Liebesbrief zu schreiben, fällt vielen Menschen schwer. Kann die KI helfen? Unsere Autorin hat es ausprobiert.

Liebesbriefe von der KI: „Ich fühle eine Verbindung zu dir, die ich nicht ignorieren kann“

Die Zeiten, in denen Johann Wolfgang von Goethe seiner Geliebten Charlotte von Stein mehrmals täglich und somit insgesamt fast 2000 „Zettelgen“ schickte, sind lange vorbei. Im Juni 1784 schrieb er an seine innige Freundin: „Ich esse nicht bei Hofe, sehe wenige Menschen, gehe allein spazieren, und an jedem schönen Platz wünschte ich, mit dir zu sein. Ich kann mir nun nicht helfen, daß ich dich lieber habe, als mir gut ist; desto besser wird mir sein, wenn ich dich wiedersehe.“ Viele Menschen ohne literarische Talente nutzen heute für das Verfassen von Texten die Dienste von Künstlicher Intelligenz. Für Mails, Anschreiben und vielleicht noch Geburtstagskarten mag das genügen, aber kann man sich per Large Language Models (LLM) auch einen guten Liebesbrief schreiben lassen? Probieren wir es aus. „Ich kann nicht leugnen, dass ich seitdem ständig an dich denke“ Also: „Schreib mir einen Liebesbrief an eine 28 Jahre alte Frau, die ich bei einem Abendessen über Freunde kennengelernt habe, und mit der ich einmal essen war. Ich bin ein Mann.“ Meta AI schlägt diesen Text vor: „Liebe [Name], ich weiß, es ist nur ein kurzer Zeitraum, seit wir uns bei unseren Freunden getroffen haben, aber ich kann nicht leugnen, dass ich seitdem ständig an dich denke. Unsere Unterhaltung bei dem Abendessen war so mühelos und natürlich, und ich habe mich sofort zu deiner Wärme und deinem Lachen hingezogen gefühlt. Unser gemeinsames Essen danach war ein Highlight für mich, und ich habe mich so wohl bei dir gefühlt. Ich liebe deine Art, wie du die Welt siehst, und deine Leidenschaft für [Thema, das ihr besprochen habt]. Ich muss zugeben, ich war ein bisschen nervös, als ich dich gefragt habe, ob du mit mir essen gehst, aber es war das beste Gefühl, als du Ja gesagt hast. Ich liebe deine Augen, deine Stimme, deine Art, wie du lachst . . . einfach alles an dir. Ich weiß, es ist vielleicht zu früh, um das zu sagen, aber ich kann nicht anders. Ich fühle eine Verbindung zu dir, die ich nicht ignorieren kann. Ich möchte sehen, wohin diese Verbindung uns führt. Würdest du mich wiedersehen? Ich würde mich sehr freuen, wenn du Ja sagst. In Liebe, [Dein Name] :-)“ Abgesehen davon, dass die wiederholte Verwendung des Wortes „gefühlt“ stilistisch platt ist, „In Liebe“ als Schlussformel nicht zum Haupttext passt und ein Smiley merkwürdig wirkt, klingt der Text latent hölzern. Welcher erwachsene Mensch sagt: „Es war das beste Gefühl, als du Ja gesagt hast“? Oder: „Ich fühle eine Verbindung zu dir, die ich nicht ignorieren kann“? Geht es auch literarischer? Deshalb die neue Anweisung an Meta AI: „Geht es etwas literarischer? Sie liebt Literatur.“ Meta AI gibt sogleich Vollgas: „Liebe . . . In den Sternen stand geschrieben, dass unsere Wege sich kreuzen würden, und als ich dich bei unseren Freunden traf, wusste ich, dass mein Herz einen neuen Weg eingeschlagen hatte. Deine Augen, wie zwei dunkle Seen, in denen ich mich verlor, und dein Lachen, wie Musik, die meine Seele berührt. (. . .) Wie ein Buch, das ich nicht aus der Hand legen kann, so bist du. Jede Seite, die ich umblättere, enthüllt neue Facetten deiner Persönlichkeit, und ich bin süchtig nach mehr. Ich denke an dich, wenn ich lese, wenn ich spazieren gehe, wenn ich einfach nur atme. Du bist der Rhythmus, der meine Tage bestimmt, der Reim, der meine Nächte füllt. Würdest du mir erlauben, das nächste Kapitel in diesem Buch zu schreiben? Ich möchte dich wiedersehen, mit dir lachen, mit dir schweigen und mit dir die Welt entdecken. In Liebe, [Dein Name] :-)“ Ob die Adressatin die Idee mag, dass das Treffen in den Sternen geschrieben stand und ihre Augen zwei dunklen Seen gleichen? Und warum füllt ein Reim ganze Nächte? Bitte etwas origineller! Also die dritte Version, mit der Bitte an Meta AI, etwas weniger schwülstig, aber origineller zu schreiben. Schlechte Idee, denn AI beginnt ohne Zusammenhang von einem Buch (dem Leben?) zu erzählen. Und wer will schon als „Plot-Twist“ bezeichnet werden? „Liebe [Name], ich habe gerade eine neue Seite in meinem Buch aufgeschlagen, und ich denke, du könntest die perfekte Autorin für das nächste Kapitel sein. Unsere Begegnung bei unseren Freunden war wie ein unerwarteter Plot-Twist – ich habe nicht damit gerechnet, aber ich bin so froh, dass es passiert ist. Unser gemeinsames Essen war ein Highlight für mich, und ich habe mich so wohlgefühlt, als wir über unsere Lieblingsbücher und -geschichten gesprochen haben. Ich liebe deine Art, wie du die Welt siehst, und deine Leidenschaft für Literatur ist ansteckend. Ich würde mich sehr freuen, wenn du mich wiedersehen würdest, um gemeinsam neue Seiten zu schreiben. In Liebe, [Dein Name] :-)“ Klappt es besser mit ChatGPT? Hmm. Neuer Versuch, diesmal mit ChatGPT. Diese KI nimmt an, dass es sich bei einem Liebesbrief um eine Mail handelt, da sie in jeder Briefversion einen Vorschlag für die Betreffzeile macht: „Ein Gedanke, der mir am Herzen liegt“ oder „Seit diesem Abend ist etwas anders“ oder „Randnotiz zu einer unerwarteten Begegnung“ oder „Zwischen den Zeilen“. Die erste Version klingt dann so: „Liebe . . ., seit unserem Abend bei Freunden geht mir ein Gedanke nicht mehr aus dem Kopf: wie leicht und besonders sich alles angefühlt hat, als wir uns kennengelernt haben. Zwischen Gesprächen, Lachen und kleinen Blicken ist etwas entstanden, das mich bis heute begleitet. (. . .) Ich möchte ehrlich zu dir sein: Ich habe mich in dich verliebt. Nicht überstürzt, sondern auf eine ruhige, echte Weise. In das, was du sagst, wie du zuhörst, und in das, was zwischen uns unausgesprochen mitschwingt. Ich weiß nicht, wohin uns das führen kann, aber ich weiß, dass ich diesen Gefühlen Raum geben wollte – und dir sagen, wie viel du mir bedeutest. Alles Weitere darf sich in seinem eigenen Tempo entwickeln. Danke, dass es dich gibt und dass ich dich kennenlernen durfte. Herzlich Dein . . .“ Immerhin, die Schlussformel „Herzlich“ ist besser als das dramatische „In Liebe“. Aber: Der Mann hat die Frau erst zweimal getroffen, wie kann ein Verliebtsein da „nicht überstürzt“ sein? Die zweite Runde bei ChatGPT mit der Bitte, noch origineller zu schreiben, geht dann vom zweiten Absatz an mit einem Paukenschlag aus dem Ruder. „Liebe . . ., eigentlich war es nur ein Abendessen bei Freunden. Ein Tisch, gutes Essen, Gespräche, die kommen und gehen. Und dann war da plötzlich dieser Moment, in dem mir klar wurde: Das hier fühlt sich nicht gewöhnlich an. Seitdem hat sich etwas verschoben. Gedanken nehmen kleine Umwege über dein Lächeln, Erinnerungen tauchen auf, wenn ich sie nicht erwarte. Unser erstes Date war kein lauter Paukenschlag – eher ein leiser Akkord, der lange nachklingt. Und genau das macht ihn für mich so besonders. (. . .) Ich schreibe dir das nicht, weil ich Antworten erwarte oder etwas festlegen will. Ich schreibe dir, weil Ehrlichkeit manchmal Mut braucht und ich diesen Mut für dich aufbringen möchte: Ich habe mich in dich verliebt. Was auch immer daraus entstehen darf – ich freue mich auf jeden weiteren Moment, den wir teilen. Und darauf, dich noch viel besser kennenzulernen.“ Wer will schon gern ein Lesezeichen sein? Vollends verdreht (und grammatikalisch falsch) wird der Brief bei der Anweisung an ChatGPT, eine neue Variante mit literarischen Anspielungen zu schreiben. Wer möchte schon ein Lesezeichen sein? Oder Kafka ohne Albtraum? „Liebe . . ., hätte dieser Abend bei Freunden ein Buch gewesen, ich hätte ihn zuerst unterschätzt. Ein paar Seiten Smalltalk, gutes Essen, bekannte Figuren. Und dann – ganz unauffällig – ein Satz, der hängen bleibt. Du. Seitdem fühlt es sich an, als hätte jemand heimlich ein Lesezeichen in meinen Alltag gelegt. Ich schlage den Tag auf und stolpere über Gedanken an dich. Wie bei Calvino: Man glaubt, man liest eine Geschichte – und merkt zu spät, dass man selbst längst Teil davon geworden ist. Unser Date war kein Sturm, kein großes Drama. Eher Kafka ohne Albtraum oder Hemingway ohne Machogesten: klar, ruhig, ehrlich. Und genau darin lag seine Intensität. Du hast diese seltene Fähigkeit, Gespräche nicht zu führen, sondern entstehen zu lassen. Das bleibt. Borges schrieb, dass man sich nicht in eine Person verliebt, sondern in eine Art von Welt. Wenn das stimmt, dann ist deine eine, in der ich mich gern verliere: aufmerksam, warm, mit feinen Zwischentönen. Eine Welt, die nicht laut um Aufmerksamkeit bittet – und sie gerade deshalb bekommt. Also schreibe ich dir diese Zeilen wie eine Fußnote, die eigentlich der Haupttext ist: Ich habe mich in dich verliebt. Still, entschieden, ohne Ausrufezeichen. Und neugierig darauf, wie viele Kapitel noch vor uns liegen könnten. Alles Weitere darf offenbleiben.“ Da sind die nachgeschobenen Argumente für einen handgeschriebenen Papierbrief („klassisch, aber stark“) eher zu gebrauchen: „Handschrift ist langsam, verletzlich, eindeutig persönlich. Er signalisiert: Das war mir Zeit wert.“ ChatGPT regt auch eine persönliche Übergabe an („mutig & direkt“ – „Wenn du die Spannung aushältst und Blickkontakt nicht scheust“). Handlungsanweisung: „Du gibst ihr den Brief und sagst nur: ‚Lies das, wenn du magst‘. Dann gehst du – kein Erklären.“ Als Variante („literarisch, subtil“) schlägt ChatGPT vor, statt einem Brief ein Buch mit einer Widmung zu verschenken: „Für . . . – weil manche Begegnungen nach mehr als einer Seite verlangen.“