FAZ 23.07.2026
14:28 Uhr

Leitzinsen unverändert: Vor der Sommerpause legt die EZB eine Zinspause ein


Die Leitzinsen im Euroraum bleiben unverändert. Ob es im September zu einer Erhöhung kommt, ließ die EZB zunächst offen. Volkswirte begrüßen die Entscheidung der Europäischen Notenbank.

Leitzinsen unverändert: Vor der Sommerpause legt die EZB eine Zinspause ein

Alles andere hätte die Märkte auf dem falschen Fuß erwischt. In ihrer geldpolitischen Sitzung am Donnerstag legte der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) eine Zinspause ein. Somit verharrt der Einlagensatz, den die Banken für ihre Einlagen in der Notenbank bekommen und der Auswirkungen auf die Sparzinsen hat, bei 2,25 Prozent. Der Hauptrefinanzierungssatz, zu dem sich Banken gegen Sicherheiten Geld von der Notenbank leihen können, beträgt 2,4 Prozent. Und der Spitzenrefinanzierungssatz für Übernachtausleihungen der Banken liegt bei 2,65 Prozent. Fast alle geldpolitischen Beobachter hatten mit einer Zinspause im Juli gerechnet. In einer ersten Mitteilung der Notenbank hieß es, dass die Aussichten für die Energiepreise zwar sehr volatil seien. Sie liegen aber derzeit in der Nähe des Basisszenarios der von Fachleuten des Eurosystems erstellten Projektionen vom Juni. In der Pressekonferenz sagte EZB-Präsidentin Christine Lagarde, die Entscheidung im EZB-Rat sei einstimmig gefallen, obgleich sich einzelne Ratsmitglieder gefragt hätten, ob eine Zinserhöhung nicht in Betracht gezogen werden sollte. Nach gründlicher Prüfung der aktuellen Entwicklungen sei man dann „einstimmig zu dem Schluss gekommen, dass wir gut aufgestellt ⁠sind, um abzuwarten und die Entwicklungen und die uns vorliegenden Daten in den nächsten Wochen sehr aufmerksam zu verfolgen“. Inflationstreibende Zweitrundeneffekte, etwa steigende Löhne, sieht die EZB zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht, betonte die Präsidentin der Notenbank. „Die Beibehaltung des aktuellen Zinsniveaus ist trotz der erneuten Anspannung der Konfliktlage im Nahen Osten angemessen“, sagte Michael Heise, Chefökonom von HQ Trust. Trotz gestiegener Energiepreise sei das Basisszenario der EZB mit einer Inflation von rund drei Prozent im laufenden Jahr und einem Rückgang im Jahr 2027 weiterhin realistisch. Aktuelle Zinsänderungen seien daher nicht naheliegend. Die EZB hatte die Leitzinsen auf ihrer Sitzung im Juni nach einer einjährigen Zinspause um jeweils einen Viertelprozentpunkt angehoben. „Der Preisdruck im Euroraum ist zurückgegangen und hat sich dem Inflationsziel der Europäischen Notenbank angenähert. Zugleich belasten der erneut aufflackernde Irankrieg und der Zollstreit die Wirtschaft. Deshalb ist es richtig, den geldpolitischen Kurs unverändert zu lassen“, sagt Heiner Herkenhoff, Hauptgeschäftsführer des Bankenverbandes. Er erachtet es als sinnvoll, dass die EZB die Wirkung der bisherigen geldpolitischen Entscheidungen abwartet, statt direkt nachzusteuern. Er verweist auch auf sich stabilisierende Finanzierungsbedingungen. Was passiert im September? Die Augen der Marktteilnehmer richten sich nun auf die geldpolitische Sitzung im September. Hier wird mehrheitlich noch mit einer weiteren Anhebung der Leitzinsen um 25 Basispunkte gerechnet. Es gibt aber auch Gegner einer Erhöhung. „Das Inflationsbild signalisiert derzeit nicht, dass die EZB auf der Sitzung im September den Leitzins anheben sollte“, sagte Edgar Walk, Chefvolkswirt von Metzler Asset Management. Für ihn sei lediglich eine Arbeitslosenquote von nur 6,2 Prozent – der niedrigste Stand seit Einführung des Euros im Januar 1999 – ein Argument für eine Zinserhöhung. Ein enger Arbeitsmarkt gekoppelt mit einer erhöhten Inflation könne Zweitrundeneffekte und damit eine Lohn-Preis-Spirale auslösen. Bankenverbands-Hauptgeschäftsführer Herkenhoff plädiert für eine Fortsetzung des „besonnenen Kurses“ der EZB. „Nur stabile Preise schaffen die Grundlage für nachhaltiges Wachstum und verlässliche Finanzierungsbedingungen im Euroraum.“ Mark Wall, Chefvolkswirt für Europa bei der Deutschen Bank, sieht in der Zinspause der EZB kein Zeichen von Zweifeln bei der Notenbank. „Es handelt sich um eine Pause, während die EZB ihre Prognosen und Szenarien aktualisiert, und im September wird es wieder eine Zinserhöhung geben. Die einzige Frage lautet: Wird eine weitere Anhebung auf 2,50 Prozent ausreichen, um die Inflationsrisiken einzudämmen?“ Die Antwort werde ebenso sehr vom Wachstum wie von der Inflation abhängen. Auch der Chefvolkswirt der Sparkassen, Reinhold Rickes, hält eine Erhöhung der Leitzinsen um 25 Basispunkte im September für wahrscheinlich. „Die erneute Eskalation im Nahen Osten und steigende Öl- und Benzinpreise erhöhen allerdings die Inflationsrisiken. In den kommenden Monaten könnten die Inflationsraten daher zeitweise wieder über drei Prozent liegen. Das dürfte auch die konjunkturelle Erholung bremsen“, sagte Rickes. Lagarde ließ weiterhin offen, ob sie ihre Amtszeit als EZB-Präsidentin, die offiziell Ende Oktober kommenden Jahres zu Ende geht, vorzeitig beendet oder nicht. Sie werde nicht vor 2027 gehen, sagte sie lediglich und fügte hinzu: „Wenn sich Wolken am Horizont abzeichnen, bleibt der Kapitän auf dem Schiff. Und es sind Wolken am Horizont zu sehen.“ Anfang Juli hatte Lagarde einen vorzeitigen Rücktritt von ihrem Amt mit Verweis auf die Präsidentschaftswahlen in ihrem Heimatland Frankreich nicht ausgeschlossen. Juni-Erhöhung kommt nur teilweise bei den Sparern an Bei den Sparern ist die Juni-Zinsanhebung der EZB aber noch nicht vollumfänglich angekommen. Denn laut einer Erhebung des Vergleichs- und Maklerportals Verivox hat eine deutliche Mehrheit der 823 ausgewerteten Banken und Sparkassen die letzte Leitzinserhöhung bislang nicht an ihre Tagesgeldanleger weitergegeben. Seit dem EZB-Entscheid im Juni hätten lediglich 17 Prozent aller Geldhäuser ihre Tagesgeldzinsen erhöht – im Schnitt um 0,18 Prozentpunkte. Während die durchschnittlichen Tagesgeldzinsen infolge dieser Zurückhaltung nur geringfügig auf 1,38 Prozent gestiegen sind, liegen laut Verivox die Festgeldzinsen über alle Laufzeiten hinweg oberhalb des EZB-Einlagenzinssatzes. Das gab es zuletzt kurz nach dem Ende der Nullzins-Ära im zweiten Halbjahr 2022.